Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 20 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 20 „Neue National-Zeitung Seite 11 Seit der Begegnung im Walde waren etwa zwei Wochen verstrichen. Der epochale Morgen im Schatten des Gehölzes hatte auch im Innern Leahs eine Umwandlung hervorgerufen und ihre Empfindungen streiften das Schattenhafte, Unbestimmte ah^und nahmen scharfe Konturen an. Wachend und träumend sah sie den querliegenden Baumstamm, das dahinkollernde Körbchen mit den roten Beeren und den sie emponichtenden Aron. Ein wonniglicher Schauer durchrieselte ihren Körper, ihre Pulse klopften heftig und wenn diese Gefühle sie übermannten, schlug sie wie beschämt die Augen nieder. Ihr ganzes Wesen war wie verändert, sie fühlte, daß sie ihrem Großvater, dem Verlrauten ihrer bisherigen Gedanken, etwas verheimliche und eine innere Stimme machte ihr darob Vorwürfe. Sie konnte es aber nicht über sich gewinnen, den Großvater in ihr Geheimnis einzuweihen, denn dagegen sträubte sich ihre jungfräuliche Sehamhaftigkeit und infolge dessen wurde sie wortkarg und scheu. Wenn Aron zur gewöhnlichen Stunde bei Reb Selig erschien, machte sie sich in einem entlegenen Teil der Wohnung zu schaffen, da sie ein direktes Zusammentreffen befürchtete. Nur verstohlen warf sie ihm Blicke nach, die er errötend auffing. Daß bei sotanen Umständen Arons Geist nicht bei der Lektüre weilte, sondern in solchen Sphären sich bewegte, die mit seinem Studium keinen Berührungspunkt hatten, braucht nicht bemerkt zu werden, und dem greisen Lehrer entging nicht die Zerstreutheit seines Schülers. Reb Selig beobachtete wie der junge Mann manchmal wie geistesabwesend vor sich hinstarrte und wenn er ihn beim Namen nannte, dann jäh wie ein Nachtwandler zusammenzuckte, während sein Gesicht abwechselnd von Röte und Blässe überzogen wurde. Er war zu diskret, seinen Schüler ausforschen zu wollen, und da Leahs verändertes Wesen ihm zu gleicher Zeit auffiel, dämmerte ihm etwas auf, so daß ein zufriedenes Lächeln seine Züge verklärte. Er beobachtete aufmerksam seine Enkelin und aus dem wahrgenommenen Umstand, daß sie Aron beharrlich mied, dabei aber wie scheu und verstört tat, gewann er die Ueberzeugung, sich auf der richtigen Spur zu befinden und das gab ihm auch den Schlüssel zu Arons verändertem Auftreten. Er lächelte ob der kindischen Unbeholfenheit der jungen Leute und beschloß dem Paar auf halbem Wege entgegenzukommen. Es war ein heißer Augustnachmittag; die Luft war bleiern und mit Elektrizität gefüllt. Matt ließen die Bäume ihre Zweige hängen, Blumen und Gräser senkten schmachtend ihre Häupter und im Dorfe war es wie öde. Reb Selig saß in Gesellschaft seiner schweigsamen Enkelin auf der Veranda und von Müdigkeit überwältigt, wiegte er sein schläfriges Haupt, indeß vor ihm ein Foliant aufgeschlagen lag. Leah starrte wie ausdruckslos ins Leere, "ihre Wangen waren, sei es infolge der schwülen Atmosphäre oder wegen eines inneren Kampfes, blaß und ihre schwarzen Augen erschienen noch größer als sonst. Sie hielt ihr Köpfchen auf die Hand gestützt und ihre aufgelösten, schwarzen Flechten ließen ihr Gesicht noch blässer erscheinen. Da streifte ihr Blick den ins epheuumrankte Häuschen führenden Steg, sie bemerkte eine sich nähernde Gestalt, stieß einen leichten Schrei aus und lief ins Innere des Hauses. Als Reb Selig infolge dieses Aufschreies aus seinem Halbschlummer erwachte und verwundert um sich schaute, erblickte er Arons Vater, welcher die Veranda betrat. Der Meierhofpächter war ein etwa 50jähriger Mann von mittlerer und starker Statur mit einem alltäglichen Gesichtsausdruck. Er war ein braver, simpler Landbewohner und, obwohl wohlhabend, fühlte er sich einem Städter gegenüber unbehaglich, da dessen Auftreten ihm imponierte. Auf dem Lande war er in seinem Elemente und soweit es nur anging, mied er die Welt. Für Reb Selig hegte er die größte Ehrfurcht, denn nebst dem Gelehrten mußte er an ihm den edlen Menschen bewundern, und wenn der Greis ihn hie und da in der Monotonie des Aufenthaltes mit einem Besuche beehrte, stieg der biedere Meierhofpächter bei sich im Werte. Als Reb Selig den Eintretenden erblickte, erhob er sich von seinem Sitze und reichte ihm mit dem üblichen Boruch habo — gesegnet, der da kommt — die Hand zum Willkomm. Arons Vater nahm etwas befangen Platz und nachdem man einige gleichgültige Worte gewechselt, hub er an: „Reb Selig, ich komme zu Urnen mit der Bitte, daß Sie mir in Ihrer Weisheit einen Rat erteilen. Mein Sohn Aron ist nämlich seit einiger Zeit ganz wie ausgetauscht, daß ich aus ihm gar nicht klug werden kann. Mit dem ersten Morgengrauen verläßt er täglich das Haus, streift ziel- und zwecklos über Flur und Wald und zu Hause zurückgekehrt, sucht er sein Zimmer auf und setzt dort, in Gedanken verloren, seine Promenade fort. Auf meine Fragen hat er nur ausweichende Antworten, und als vor einigen Tagen das Gespräch wie von ungefähr auf Ihr Haus gelenkt wurde, schlug er die Augen nieder und seufzte, so daß ich aus alldem nicht klug werden kann. In meiner Ratlosigkeit weiß ich keinen anderen Ausweg, als Sie, Reb Selig, zu bitten, ihn ausforschen zu wollen, und was er seinem eigenen Vater verweigert, wird er Ihnen nicht versagen. Denn für Sie hegt er eine beinahe abgöttische Verehrung, und wenn er einen edlen Menschen schildern will, sagt er gewöhnlich: „Er ist Reb Selig ähnlich". Ich bin deshalb überzeugt, daß er Ihnen sein Inneres vertrauensvoll erschließen wird." Er hielt inne. Reb Selig lächelte milde und erwiderte : „Auch mir ist sein verändertes Benehmen nicht entgangen, ich glaube aber den Grund erraten zu haben". Dann flüsterte er dem Pächter einige Worte ins Ohr, daß dieser wie elektrisch berührt in die Höhe sprang. „Was", meinte er, „und —„Und", fiel Reb Selig ihm ins Wort, „und alles wird sich zum Guten wenden, denn ich habe nichts dagegen einzuwenden und auch meine Enkelin dürfte dem keinen großen Widerstand entgegenbringen. Holen Sie also Ihren Sohn, sagen Sie ihm, daß ich seine Gedanken erraten habe und daß er wahrscheinlich keinen Korb kriegen wird.14 Der Meierhofspächter stand da wie angewurzelt, denn das wäre ihm im Traume nicht eingefallen. Wie, sein Sohn sollte die Enkelin des Reb Selig, den Sproß einer der angesehendsten Familien des Landes zur Frau bekommen und dazu noch aufgemuntert werden, um sie zu werben? Nein, das konnte er sich gar nicht plausibel machen. Reb Selig mußte ihm dies noch einmal wiederholen, jetzt erst sah er, daß es ernst sei, er verließ glückstrahlend das epheuumrankte Häuschen und stürzte davon, um seinen Sohn aufzusuchen. Inzwischen hatte sich der Himmel umwölkt und ein Gewitter war im Anzüge. Die vom Winde bewegten Bäume schlugen ihre Häupter geräuschvoll aneinander, fahle Blitze durchzuckten den Horizont und schwere Regentropfen, von Hagelschlossen untermengt, platzten zur Erde nieder. Leah näherte sich ängstlich ihrem Großvater und ihre großen Augen waren wie fragend auf ihn gerichtet. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, bedeckte sein Gesicht mit stürmischen Küssen,