Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 20 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue Natidnal-Zeitung'' Nr. 20 ihr Busen wogte stürmisch und ein hervorbrechender Tränenstrom verschaffte ihrer gepreßten Brust Linderung, wie der Regenguß der schwülen, drückenden Luft. Ihre durch das plötzliche Erscheinen des Pächters überwallenden Empfindungen übermannten sie, sie vermochte eine sie beschleichende Rührung nicht zurückzudämmen und unaufhaltsam flössen reiche Tränen, indeß der Großvater seine konvulsivisch zuckende Enkelin an seine Brust drückte, ihr Haupt liebkosend streichelnd. Sie hatte die Unterredung belauscht und ihre Glückseligkeit machte sich in Freudentränen Luft. Reb Selig mochte den Grund ihrer überwallenden Aufregung erraten haben, denn er lispelte: „Still mein Kind, Aron wird gleich erscheinen", und sie schmiegte sich als Antwort noch zärtlicher an ihn. Inzwischen hatte der Regen aufgehört, die Luft wurde balsamisch; die Vegetation prangte wieder in frischem Grün, auf den Gräsern und BJumen erglänzten die Regentropfen schillernd im Abendrot und die Bäume säuselten sacht, wie einlullend. Des Weges kamen hastig zwei Gestalten, der Meierhofspächter betrat freudestrahlend die Veranda, und Aron vor Glück am ganzen Leibe bebend, blieb verlegen auf der Schwelle stehen. Der alte Großvater zog ein Tuch hervor, reichte die beiden Zipfel dem jungen Paare zum Zeichen des Verlöbnisses und masel tow — Glück auf! — erscholl es gleichzeitig von Reb Seligs und des Pächters Lippen. Aron näherte sich zögernd seiner Leah, drückte einen Kuß auf die jungfräuliche Stirne und oben in der Luft stimmten die Vögel ihren Abendgesang an. LITERATUR UND KUN5T. Aug. Wünsche : „Aus Israels Lehrhallen", V.Bd., I. und H Hälfte *) Der unermüdliche und rastlose Forscher und Uehersetzer auf dem Gebiete unserer Midraschliteratur, die noch so wenig bekannt ist und für viele eine terra incognita bildet, hat uns mit einer neuen, trefflichen Gabe beschenkt, auf die wir ebenso hinweisen wollen, wie wir es in diesem Blatte in Bezug auf seine früheren Arbeiten auf diesem Gebiete bereits getan haben. Die erste Hälfte des V. Bandes bringt den Midrasch Samuel (Zum erstenmale nach der Buberschen Textausgabe ins Deutsche übersetzt). Es verbreitet sich dieser Midrasch, der mit dem Midrasch Tehillim und Mischle verbunden erschien und bisweilen auch Midrasch Schocher tob genannt wird, über die Bücher Samuels. Er geht von oft sehr Ferne liegenden Textesworten aus und leitet erst zum Schlüsse auf die auszulegenden Textesworte über. "Wie geschickt dies der Darschan tut, das erkennt auch heute noch der Leser sehr deutlich, der gespannt erwartet, wie der Vortragende sein Ziel erreichen werde. (Vergleiche die Dialoge Piatons.) Der jerusalemische Talmud hat diesem Midrasch, der in Palästina und zwar nach Zunz im 11. Jahrhundert entstanden ist, als Quelle gedient. Seine Sprache ist nicht rein, sondern vielfach mit griechischen Worten durchwoben. Der Jalkut Schimeoni hat vieles aus ihm aufgenommen. Daraus ersehen wir, daß er dem späteren Mittelalter bekannt war. Salomen Buber (gest. 1905 in Lemberg) war der erste, der eine kritische Textausgabe dieses Midrasch veranstaltete, nach welchem die vorliegende, man muß es wohl nicht erst hervorheben, ausgezeichnete Uebersetzung, des um unsere Midraschliteratur, ihre Kenntnis und Verbreitung hochverdienten August Wünsche, verfertigt ist. Wieder ein Beitrag nicht nur zu einem Stücke Kulturgeschichte, sondern auch der Homiletik, Vortragsweise und nicht am wenigsten Erläuterung der Bibel. Des V. Bandes zweite Hälfte bringt wieder Kleine Midraschim und zwar die Neue Pesikta (nach Jellinek, Beth ha-Midrasch VI. Seite 36—70) und den Midrasch Tadsche, auch Baraitha desPinchas ben Jair genannt (nach Jellinek Beth ha-Midrasch HI., Seite 164—193) zum erstenmale ins Deutsche übertragen. Die neue Pesikta erstreckt sich auf den eigentlichen Festzyklus: Pessah, Schabuoth, Sukkoth, Chauuka (in zwei Rezensionen), *) Leipzig, Verlag von Eduard Pfeiffer, 1910. Purim, Roschhaschana, Jom ha-Kippur. Sie ist jünger als die Pesikta de Rab Kahana und die Pesikta rabbati. In ihren Betrachtungen strebt sie nach „Kürze und Volktümlichkeit", wie Jellinek hervorhebt, und kann auch heutigen Predigern zur Lektüre empfohlen werden. Sie werden daraus manches geistvolle Wort schöpfen, welches ja den Predigten durchaus nicht schaden kann. Ein bischen von diesem althebräischen Satze wird vielleicht manche von diesen etwas genießbarer machen. Den Zuhörern werden sie dann besser schmecken und ihre „Andacht" erhöhen. Der Midrasch Tadsche (nach Gen. I. 11) verbreitet sich über verschiedene Stellen der Thora und der Klagelieder. Angeblich stammt er von dem Schwiegersohne des Simeon ben Jochai, R. Pinchas ben Jair, aus dem % nachchristlichen Jahrhunderte. Er enthält eine reiche Zahlensymbolik, welche parallel läuft mit dem babylonischen Welt- und Himmelsbilde, aber auch mit den Erörterungen Philos über die Weltschöpfung verwandt ist. Die Schlußkapitel handeln über die Klagelieder, dieses so beliebte Objekt der Agada. Der angebliche Verfasser oder besser gesagt „Tradent" dieses Midrasch ist der Tannaite Pinchas benjai'r, der wahrscheinlich in Lydda lebte und über dessen Verhältnis zu seinem Schwiegervater R. Simeon ben Jochai, dem Verfasser des „Sohar", Schabb. 33 b, Anekdotisches erzählt wird. Je erfreulicher das Lesen dieser Uebersetzungen W ü ns c h e s wirkt und je mehr Belehrung wir aus ihnen schöpfen, desto mehr bedauern wir es, daß nicht jüdische Gelehrte, Rabbiner, Talmudisten uns mit solchen Uebertragungen beschenkt haben. Es wäre schon Zeit, daß auch sie auf diesem Gebiete etwas mehr für das große Publikum wirken und sich nicht von nichtjüdischen Gelehrten beschämen lassen. Dr. H. G. * Prof. Dr. Max Koch: August Graf von Platens Leben und Schaffen. Mit zwei Bildnissen und einem Briefe als Handschriftprobe. Oktav. (XI und 480 Seiten.) Leipzig, Max Hesses Verlag. Diese weitaus umfangreichste aller bisherigen Platen-Biographien bildet einen Sonderabdruck aus der demnächst bei Hesse erscheinenden großen histoi'isch-kritischen Platen-Ausgabe, die gemeinschaftlich von Prof. Dr Max Koch und Bibliothekar Dr. Erich Petzet herausgegeben wird und die zum erstenmale auch den gesamten handschriftlichen Nachlaß des Dichters berücksichtigt! Der wohlbekannte Breslauer Literarhistoriker gibt auf Grund jahrelanger Studien und unter Verwertung des gesamten umfangreichen Materials eine ebenso liebevolle wie eingehende Darstellung von Platens Lebensgang, die vielfach ganz neue Gesichtspunkte aufstellt und wohl auf längere Zeit hinaus maßgebend bleiben wird. Die vorerwähnte neue Gesamtausgabe, die schon in nächster Zeit erscheinen wird, dürfte dazu berufen sein, das durchaus falsche Bild von Platen aus dem „kalten Formenkünstler" endgiltig zu beseitigen und dem Dichter endlich zu seinem Rechte zu verhelfen. Selten ist ein Dichter infolge ungenügender Kenntnis seiner Werke und seiner Entwicklungsgeschichte so lange verkannt und so mißverstanden worden, wie gerade Platen. * Der „Unionkalender" pro 1910/11. Der 19. Jahrgang des „Unionkalenders" repräsentiert sich in ebenso eleganter und handlicher Form wie seine Vorgänger. Im schematischen Teile findet der Leser alles, was zur Kenntnis der jüdischen Oeffentlichkeit erforderlich ist. Ein genaues Verzeichnis aller israelitischen Kultusgemeinden Oesterreich-Ungarns und der neu annektierten Provinzen mit namentlicher Angabe der Kultusrepräsentanzen, der Rabbiner, Kantoren, Lehrer und sonstiger Gemeindefunktionäre, der Einnahmen und Aasgaben jeder Gemeinde und ihrer rituellen und humanitären Institutionen, ferner ein Verzeichnis sämtlicher jüdischer Vereine in Wien und in den Provinzgemeinden und ein Verzeichnis der jüdischen Zeitungen nnd Zeitschriften. Der literarische Teil des Kalenders bringt heuer einen wertvollen Essay von Rabbiner Dr. M. Kosenmann über IsakNoah Mannheimer. Von größtem Interesse ist in dieser Arbeit die Darstellung der Wirksamkeit Mannheimers während der bewegten Tage des Jahres 1848. Zwei charakteristische Porträts des gefeierten Kanzelredners, ferner ein Bild, welches Füster, Mannheimer und Sulzer am Grabe der Märzgefallenen darstellt, und ein Faksimile aus Mannheimers Tagebuch über die Märztage des Jahres 1848 schmücken den Kalender. Herr Julius Upf imny stellt sich mit einer Erzählung unter dem Titel „Dorfjuden" ein, welche ein ergreifendes Bild jüdischen Familienlebens und jüdischer Aufopferungsfähigkeit bietet.