Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-09-30 · Heft 20 (30.9.1910) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 20 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425822--1814-2428199
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 rEU LLCTON. S. Horowitz: ♦Stilleben. (Schluß.) Eine hohe, schlanke Gestalt, um welche ein Kaftan wallte, stieg langsam und in Gedanken versunken die bewaldete Höhe hinan, in der Hand einen weichen, haarigen, samtartigen Hut haltend. Das scharf markierte Gesichtsoval hatte einen intelligenten und interessanten Ausdruck, die Augen blickten wie träumerisch um sich, das Kinn wurde von einem weichen Flaum beschattet und die hohe, gewölbte Stirne von einem Samtkäppchen und künstlich gedrehten Ohrlocken umsäumt. Der junge Mann schritt sinnend dahin und beachtete wenig die Außenwelt, denn seine Phantasie schien von einer anderen Erscheinung in Ansprach genommen zu sein. Er bewegte leise seine Lippen, ein strahlendes Etwas prägte sich auf seinem Antlitz aus und, wie um seinem Ideengange mehr Nachdruck zu verleihen, gestikulierte er mit den Händen, sich bald über die hohe Stirne fahrend, bald seine Locken drehend. Aron, der träumerische Spaziergänger, schwelgte in den Reminiszenzen des gestrigen Abends. Leahs schwermütiger, melancholischer Gesang summte noch in seinen Ohren, denn auch in der Nacht wähnte er im Traume ihre süße Stimme zu vernehmen. Wie eine Aeolsharfe waren zu ihm die auf den Fittigen des Machtwindes zitternden Laute gedrungen und ihre Iichtgestalt, welche sich in der nächtlichen Stille so strahlend vom dunklen Hintergrunde abhob, war ihm wie ein überirdisches Wesen erschienen. Er wußte es selbst nicht, wie er dazu kam, dem epheuumrankten Häuschen gegenüber am Saume des Gehölzes zu promenieren. Es war ihm so schwer, so — schwül zu Gemüte gewesen, die Zimmerluft kam ihm so erdrückend vor, daß er ins Freie mußte. Mechanisch schlug er den Pfad, den er täglich wandelte, wenn er zu seinem greisen Lehrer eilte, ein, die erquickende Waldluft in vollen Zügen einatmend. Da, in dieser feierlichen Stille schlugen bezaubernde Akkorde an sein Ohr und eine Musik wie aus hehren Sphären nahm sein ganzes Wesen gefangen. Er lauschte mit verhaltenem Atem, über ihm rauschten die Blätter der Bäume, die Mondsichel warf ihre Silberstreifen auf die Spielende am offenen Fenster, sie mit einem Glorienschein umflutend, daß er sein Haupt schwer senkie und ein unaussprechlich wonniges Gefühl in sein junges, naives Herz einzog. Endlich verstummten Spiel und Gesang, er lauschte noch eine Weile, drüben wurde es dunkel und nur am Firmament leuchteten die Sterne. Er heftete seine Blicke wie in Verzückung gen oben, trkt langsamen Schrittes seinen Heimweg an; im Traume umgaukelte ihn die nächtliche Erscheinung und seine aufgeregte Phantasie spiegelte ihm Engelscharen vor, die ineinander verschlungen und mit ihren rosigen Schwingen rauschend ihn in die Mitte nahmen und einen Reigen aufführten. Als er erwachte, wähnte er noch sein Zimmer mit den strahlenden Visionen bevölkert und das auf dem Meierhof beginnende prosaische Tagewerk verscheuchte seine idealen Gestalten. Jetzt empfand er eine Schwermut, es trieb ihn hinaus in den flüsternden Wald und hier in dieser Weltvergessenheit nahm er; den Faden seines idealen Gewebes wieder auf. Der gestrige Abend hatte in seinem Innern eine wenn auch nicht stürmische Revolution hervorgerufen. Das, was ihm bis jetzt so ungreifbar, in unbestimmten Umrissen vorgeschwebt hatte, nahm konkrete Formen an und wie eine Offenbarung kam das ihn bewältigende Gefühl über ihn, daß er die Enkelin seines Gönners liebe. Ein jungfräuliches Erröten bedeckte seine Wangen. Die kurze Spanne Zeit hatte in seinem Wesen eine Umwälzung bewerkstelligt, er war zum Manne gereift und wie mit feurigen Lettern brannte es in seinem Herzen: Ich liebe sie. Dieses Bewußtsein machte ihn gleichzeitig verlegen und überglücklich. Diese seine Empfindung war von rein platonischer Natur und trotzdem machte sie ihn in seiner urwüchsigen Jungfräulichkeit befangen. Und jetzt schwelgte er. in unschuldigem Vorgenusse seiner Liebe und es fiel ihm gar nicht ein, darüber Reflexionen anzustellen, ob er auch auf G« genliebe rechnen könne. Und er ließ sich auf eine Moosbank nieder, heftete seinen Blick gen Himmel, wie um sich da Gewißheit zu verschaffen, und überließ sich seiner Träumerei, aus welcher er jäh emporgeschreckt werden sollte. Von der entgegengesetzten Seite kam eine junge weibliche Gestalt zum Vorschein, deren lichtes Sommerkleid scharf den grünen Plan abzeichnete. In der Hand hielt sie ein Hauskörbchen, blieb stellenweise stehen, beugte ihren Oberkörper und pflückte Erdbeeren. Sie kam dem nachsinnenden Aron immer näher, er aber in seinen höheren Regionen schweifend, bemerkte nicht die erdbeerensammelnde Leah und auch sie hatte keine Ahnung, daß Aron, an welchen sie auch schon manchmal gedacht haben mochte, in ihrer Nähe weile. Da strauchelte s-ie über einen quer am Wege liegenden Baumstamm, das Körbchen entglitt weithin kollernd ihrer Hand und sie sank mit einem leichten Aufschrei ins Knie. Aron sprang von seinem Sitze empor, sah eine weibliche, wankende Gestalt, erkannte den Gegenstand seiner Träume, hatte mit einem Satze den „Baumstamm des Anstoßes" erreicht und ohne sich von seinem Tun Rechenschaft zu geben, beugte er sich über ihren Körper, schlang seine Arme um ihre Taille und richtete sie empor. Als Leah, die im Ausgleiten nur die Haut ihres Armes leicht geritzt hatte, Aron erkannte, drang eine Blutwelle ihr ins Gesicht und während sie abwechselnd rot und blaß wurde, stammelte sie mit zitternder, kaum vernehmbarer Stimme ihren Dank und schlug verlegen die Augen nieder. Bd Aron war auch nach der ersten Aufwallung die gewöhnliche Befangenheit zurückgekehrt und um diese zu verbergen, begann er die zerstreut herumliegenden Beeren aufzulesen und überreicht das halbgefüllte Körbchen dem schüchternen Mädchen. Die Situation in der Waldeinsamkeit war für beide peinlich, aber niemand hatte den Mut, die Initiative zu ergreifen, um dem so unverhofften tete-a-tete ein Ende zu machen, und das Paar stand wie an den Fleck gebannt. Endlich schlug Leah ihre gesenkten Blicke zu ihm empor und ein schelmischer Zug zuckte um ihre reizenden Mundwinkel. Sie lispelte noch einmal „ich danke", entschwebte leichten, beflügelten Schrittes den Boden kaum berührend, einigemal aber eine Seitenwendung machend und nach rückwärts schielend. Wie aus einem Traume erwachend schaute Aron der enteilenden Gestalt nach bis ihr helles Kleid nicht mehr sichtbar war.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.