Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 20 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 gehören, in derjenigen Liste einzutragen sind, der die relative Majorität im Orte angehört. So zählt man die Juden den Rutenen und Rumänen zu, ertränkt sie in riesigen Majoritäten, zersplittert sie in verschiedene Kataster und verschafft den Deutschen die sieben Mandate. Wer wird sich da noch ernstlich sträuben, für diesen Ausnahmsfall die sonst so angefochtene nationale Individualität der Juden anzuerkennen? Tatsächlich hat man diesen Vorgang in einer Reihe von Orten probiert. Bis zur nächsten Landtagswahl wird man die Sache schon besser machen. Doch die „reiferen Politiker" verhalten sich sehr reserviert. Ein einziges, wenn man so sagen darf, Problem beschäftigt sie. das aber einen neuen, vollgültigen Beweis ihrer reiferen Politik liefert, nämlich: Werden die Kandidaten Dr. Strauchers durchkommen oder die Gegenkandidaten? Man könnte beinahe meinen, es handle sich um eine Landtagswahl in Langensalza, Köschenbroda oder Buxtehude, nicht um die Lebensinteressen von ihnen, ihren Kindern und hunderttausend anderen Juden im Lande. Nun handelt es sich aber darum: Die anderen Nationen ziehen mit einem ungeheuren Chauvinismus in den Wahlkampf. Sie steuern heute mit allen politischen Mitteln, mit der wirtschaftlichen Macht festgefügter Genossensehaftsverbände darauf hin, die Juden aus allen Positionen zu schleudern. E s i s t ihnenvielfachschon gelungen. Hunderte jüdischer Familien sind in dem letzten Jahresfünft in der Bukowina brotlos geworden, die Emigration ist rapid gewachsen. Rechtsbruch gegen Juden, wie jenseits in Rußland und Rumänien, regt bei uns niemanden mehr auf. Werden auch die letzten Dämme von der Hochflut nationaler Stürmer weichen müssen, die Korruption des öffentlichen Lebens sich als Selbstverständlichkeit behaupten, dann wird man wohl zuerst über unsere Juden, nachher auch über die anderen Juden Oesterreichs zur Tagesordnung hinweggehen. Denn in diesem neuen Landtage wird ein für ganz Oesterreich wichtiges Problem tief durchackert werden: das Zusammenwirken autonomer Nationen. Die bukowinischen Erfahrungen werden vorbildlich wirken müssen. Wird man da den Juden die Faust auf den Nacken setzen, dann bleibt das sympathische Beispiel für ganz Oesterreich mustergültig. Werden aber die Juden ihre Stellung zu wahren und durchzusetzen verstehen, werden sie sozialem Fortschritte die Wege bahnen, dann wird das nicht bloß auf die politische Stellung der Judenheit von ganz Oesterreich rückwirken, sondern auch für die übrigen Ostjuden den Beweis erbringen, daß sie ihrem Lande am meisten nützen, wenn sie frei und gleich sein können. Bis heute gilt unter den Völkern des Ostens der durch politische Reaktion genährte Glaube, daß die jüdischen Massen gemeinschädlich sind, so in Rußland, so in Rumänien, so in Galizien. Die Bukowina liegt geographisch in der Mitte. Es ist das erstemal, daß da ein Teil des jüdischen Volkes nicht bloß vermöge lokalen Zusammenwohnens, sondern auf Grund einer allerdings beschränkten Anerkennung ihrer geschichtlichen Individualität parlamentarische Vertreter entsendet. Die Probleme, die an diese Männer herantreten, gehören zu den größten unserer Tage: das Nationalitätenproblem und die Frage der Ostjuden. JKpRReSPONDlSNZCN Oesterreich-Ungarn. ©ie bevorstehenden r\ulfuswahlen. Wien. Der Termin für Neuwahlen in den Kultusvorstand ist noch nicht ausgeschrieben; doch dürften dieselben in gewohnter Weise am letzten Sonntag des Monates November stattfinden. Zur Besetzung gelangen diesmal in der höheren Kurie vier und in der unteren Kurie zehn Mandate. Da von diesen zehn Mandaten sechs durch Ableben und eines durch Demission (kais. Rat Leopold Sachs) zur Erledigung gelangen, so müssen sieben Neubesetzungen erfolgen. Zweifelhaft ist überdies, ob von den durch Ablauf ihrer Mandate ausscheidenden drei Funktionären kais. Rat Leopold Langer mit Rücksicht auf seine Ueberbürdung durch andere öffentliche Aemter neuerlich kanditieren wird. Sonst wird es wohl an Kandidaten nicht fehlen, wiewohl sich die richtige Auswahl infolge der bei der jüdischen Intelligenz, den Industriellen und dem Kaufmannsstande bestehenden Apathie gegenüber rein jüdischen Angelegenheiten entschieden schwer gestalten wird. Leider haben auch die breiten Schichten der Kultussteuerzahler ihre Indolenz dadurch bewiesen, daß eine unglaublich große Anzahl die Steuer nicht bezahlt hat und daher um das Wahlrecht kommt. Von 24.000 Steuerträgern haben trotz wiederholter Mahnungen, trotz der Verlautbarungen in den jüdischen Blättern zirka 10.000 keine Steuer gezahlt und da weitere 2000 Steuerträger aus anderen Gründen kein Wahlrecht besitzen, so wird die Wählerliste kaum 12.000 Wähler aufweisen. Aber auch bei diesen Wählern wird eine sehr intensive Agitation notwendig sein, um sie zur Teilnahme an der Wahl zu bewegen. Vor zwei Jahren erschienen von zirka 11.500 Wählern kaum 4997 zur Wahl. Die offizielle Liste siegte mit 3187, respektive mit 3961 Stimmen, während die zionistische Liste mit 979, respektive mit 1139 Stimmen in der Minorität blieb. GEME1NU5wnö VSRCiNiNMftRiUWW Wien. („H asomir", Verein zur Förderung jüdischer Literatur und Kunst.) Die nächste Gesangsprobe findet Donnerstag den 6. Oktober, halb 8 Uhr abends, im Cafe" „Dohan", II. Untere Augartenstraße 26, statt. Jene Damen und Herren, die der Gesangssektion beitreten wollen, werden zu dieser Probe höflichst eingeladen. Der erste literarische Abend,, an dem der hebräische Schriftsteller Rüben Brainin über das Thema: Strömungen in der neuhebräischen Literatur" sprechen wird, findet SamstagT den 8. Oktober, statt. Ort nnd näheres Programm werden nächstens angekündigt werden. ^US AUCH WCI£G6iL6N Die Witwe Abraham Goldfadens ist anfangs September in New-York gestorben. Sie hat nur kurze Zeit ihren Mann überlebt und wurde an seiner Seite am Friedhofe der Abarbanel Loge bestattet.