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Neue Nationalzeitung · 1910-09-30 · Heft 20 (30.9.1910) · p. Seite 7

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 20 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 20 Neue National-Zeitung' Seite 7 sehen, wie viel Opfer die „Eindämmung des Alkoholismus" und die Besänftigung Stapinskis gekostet haben. Und , ihr unglaublicher Jammer wird bis in den Saal dringen, wo dieselben Leute, die sie dorn Hungertode ausgesetzt haben, mit ernsten Mienen und mitleidsvollen Gebärden Material sammeln werden, um das Judenelend zu lindern. * Eine Jfilfsakfion der Pariser ICÄ. Der „N. J. K." wird geschrieben: „Die neuerliche Verschiebung der Enquete betreffs der galizischen Judennot hat nicht bloß den politischen Schwindel der maßgebenden Kreise Galiziens in seiner ganzen Erbärmlichkeit an den Tag gefördert, sondern soll auch manches Positive nach sich gezogen haben. Dem Vernehmen nach soll die J. G. A., die infolge des offiziellen Beschlusses des Landtages auf Einberufung einer Enquete auf die Notlage der galizischen Juden aufmerksam gemacht wurde, beschlossen haben, eine Hilfsaktion einzuleiten, um die schreckliche Not der galizischen Juden zu lindern. Wie man aus gut informierter Quelle erfährt, ging die J. C. A. auch sofort ans Werk und beschäftigte sich eingehend mit dieser Frage, sammelte bei verschiedenen Institutionen und Einzelpersonen das diesbezügliche Material, mit der Absicht, solches einer ad hoc nach Lemberg einzuberufenden Konferenz der jüdisch-philantropischen Gesellschaften vorzulegen. Auf'Anraten der Wiener «Allianz" zog es die Ika vor, mit der Einberufung der erwähnten Konferenz bis nach der Enquete zu warten, damit der galizischen Landesregierung nicht der Wind aus den Segeln genommen wird. Nun aber, da die Enquete wiederum auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, will die Ika nicht länger warten, zumal die akute Schänkerfrage ein sofortiges Eingreifen erfordert, und geht jetzt daran, nächstens eine Konferenz der verschiedenen Gesellschaften, wie „Allianz", „Israelitische Union", „Hilfsverein der deutschen Juden" und „Hilfsverein der galizischen Juden" sowie bekannter jüdischer Persönlichkeiten Galiziens nach Lemberg einzuberufen, an der sich wahrscheinlich auch der Vorstand der Pariser Ika und Vorsteher anderer großer Organisationen persönlich beteiligen werden. Die Beratungen dieser Konferenz sollen dem Ausfindigmachen von neuen Arbeits- und Erwerbsmöglichkeiten für die elenden galizischen Juden gewidmet sein." Soweit wir informiert sind, ist diese ganze Nachricht noch verfrüht. Dr. Max Diamant (Czernowitz): t)ie bandtagswahlen in der Bukowina. Vor Jahresfrist ungefähr beriet unser Landtag über seine Wahlreform. Wer erinnert sich nicht daran? Nati onale Kurien. Der jüdische Kataster. Als der Wahlreformausschuß die jüdische Kurie beschlossen hatte, telegraphierte der Minister Baron H a e r d 11, daß das Vorkommen des Wortes „jüdisch" im Gesetzentwürfe „hintanzuhalten" wäre. In diesem Augenblicke bestand für die Juden die Möglichkeit, die ganze Wahlreform zu werfen. Die Parteikonstellation im Landtage hatte sich so gestaltet, daß die Juden mit Hilfe einer anderen Gruppe eine Beratung dieser Wahlreform unmöglich gemacht hätten. Da trat eine Landtagspartei am Vormittage des entscheidenden Tages a n u n s heran, die Wahlref orm gemeinsam zu stürzen. Abg. Dr. Strauch er berief für zwölf Uhr mittags eine Versammlung der Vertrauensmänner ein. Wir waren uns alle des historischen Gewichtes dieses Momentes bewußt. Man verlangte die Meinung Dr. Strauchers zu hören. Er schwieg beharrlich und begnügte sich, vorerst die Verhandlungen mit strenger Objektivität zu leiten. Mein Freund Dr. Mendel Kinsbrunner trat auf und erwies in sachlichen und unwiderlegbaren Ausführungen an der Hand des Entwurfes, daß die angeblichen neun Mandate, die der Entwurf den Juden zuweist, uns nicht gesichert sind und wir im Gegensatze zu den anderen Nationen, für die die Mandate festgelegt sind, mit unserem Mandatsstande von der Laune der Verwaltung abhängen werden, falls nicht der jüdische Kataster kodifiziert wird. Deshalb müsse man die Wahlreform, so wie sie jetzt kommen soll, verhindern und die uns entgegengestreckte Hand ergreifen. Da seine Ausführungen sachlich nicht widerlegt werden konnten, operierte man mit einem anderen Mittel. Das Gros derjenigen nämlich, die sich heute bei uns zur nationalen Sache bekennen, sind als Assimilanten und Liberale zu Männern geworden. Wohl konnten sie sich der Macht der nationalen Idee nicht entziehen, ihr sich zu ergeben, sind sie aber nicht fähig. Der nationale Kampf kommt ihnen als etwas Unausgegorenes, Unfertiges vor, gehören doch die typischen Vertreter desselben zur jüngeren Generation. So stand nun der Vizebürgermeister von Czernowitz, Dr. Weisselberg er, auf und sagte ungefähr, man anerkenne die ehrlichen Absichten und den edlen Eifer der „jungen Herren", aber „die reiferen Politiker" können die Verantwortung nicht auf sich nehmen, die Wahlreform zu werfen. — Die jungen Herren, deren edler Eifer und ehrliche Absichten huldvollst anerkannt worden, blieben bei namentlicher Abstimmung in kläglicher Minorität. Die Wahlreform wurde Gesetz. Jetzt werden die Wählerlisten angelegt. Und rascher als wir es gefürchtet haben, wurden die Argumente Dr. Kinsbrunners durch die Wirklichkeit bestätigt. Nämlich so. Das neue Wahlgesetz kennt nur die folgenden Nationen: Deutsche, Polen, Rumänen, Rutenen. Die Juden werden im Sinne des Entwurfes den Deutschen zugezählt, ohne daß es irgendwo ausgesprochen wäre. Von den deutschen Mandaten sind ihnen zwei Handelskammer-, drei Zensusmandate und zwei Mandate der allgemeinen Kurie im Wege der Wahlgeometrie und des Proportionalwahlrechtes zugewiesen. Außerdem fallen ihnen zwei Mandate des „übrigen Großgrundbesitzes" zu. Es gibt nämlich nach dem Gesetze drei Kataster für den Großgrundbesitz: einen rumänischen, einen polnischen und einen für die „übrigen" Nationen. Uebrig ist aber nur eine Nation, nämlich die Juden. Im Augenblicke, wo nicht alle Juden in den deutschen Listen geführt werden, sind auch ihre im Wege der Wahlgeometrie zusammengesetzten Majoritäten auseinandergefallen. Anerkennt man die jüdische Nationalität, dann darf man die Juden eben nicht als Deutsche behandeln. Was geschieht mit ihnen? Das Gesetz bestimmt, daß diejenigen Wahlberechtigten, die weder der deutschen, noch der rumänischen, noch der rutenischen, noch auch der polnischen Nationalität an-

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