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Neue Nationalzeitung · 1910-09-30 · Heft 20 (30.9.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 20 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 20 ,Neue National-Zeitting8 Seite 5 Die Existenz dieser Klasse ist notwendig und vielleicht auch unentbehrlich unter halb barbarischen Verhältnissen, wie wir sie in den Krähwinkeln von Polen, Litauen und in den südwestlichen Gouvernements finden. Wo die Produzenten zumeist Analphabeten und die Kommunikationsmittel sehr spärlich sind, wo eine Kreditorganisation nicht besteht, dort ist der jüdische Vermittler, Händler und Wucherer ein Volkswohltäter. Nicht nur das Elend schafft den Wucher, sondern auch umgekehrt; selbst in den russischen Gouvernements, wo Juden verboten ist, zu wohnen, existiert der unverfälschte russische Wucher. Schon die Bildung in Verbindung mit einer geregelten Kommunikation und einer anständigen Administration untergräbt die . Existenz der überschüssigen Makler. Im Großherzogtum Posen, wo selbst in die kleinen Dörfer täglich zweimal durch die Post Briefe, Pakete, Geldsendungen u. s. w. gebracht und abgeholt werden — was bleibt da für den jüdischen Makler übrig? Dafür aber kenne ich Ortschaften in der nächsten Nähe von Warschau, wo nur der jüdische Krämer die Verbindung mit der Außenwelt und die Zufuhr der unentbehrlichsten Bedürfnisse vermittelt. Es ist keine Aussicht vorhanden, daß die natürliche ökonomische Entwicklung aus Rücksicht auf die Juden aufhört; daher ist es unbedingt nötig, daß die jüdischen Massen dieser Entwicklung Rechnung tragen. Es ist ein unhaltbarer Zustand, daß der ganze Handel und Kredit in jüdischen Händen bleibe und daß fast die ganze jüdische Bevölkerung nur Handel treibe. Der wirtschaftliche Fortschritt ist aus natürlichen Gründen antisemitisch. Daher muß sich die ökonomische Rolle der Juden ändern. Darin liegt die Lösung der schweren Frage, die der Lemberger Enquete so viel Kopfzerbrechen verursachen wird.* * "Die "^opbepeifungen zur Enquete. Während von antisemitischer Seite sogar „ wissenschaftliche" Theorien über die jüdische Proletarisierung aufgestellt werden, steht man im jüdischen Lager der Enquete noch ziemlich unvorbereitet gegenüber. Den jüdischen Gemeinden außerhalb Galiziens fehlt das Verständnis, daß das jüdische Massenelend in Galizien eine Frage von größter Tragweite für die gesamte österreichische Judenschaft bildet. Zahlreiche jüdische Gemeinden in Westösterreich und besonders die Wiener Judengemeinde werden durch arbeilslose, verkrüppelte und schwerkranke galizische Juden sehr stark materiell in Anspruch genommen. Der bevorstehende Zuzug von Tausenden jüdischen Schänkerfamilien, die durch dieAufhebung d e r Pr o pinatio n um ihr Brot gekommen sind, kann für die jüdischen Gemeinden in Westösterreich zu einer Katastrophe werden. Was wollen wir denn mit diesen Tausenden Bettlerfamilien, die keine Reisespesen nach Amerika haben, anfangen, wenn es ihnen einfällt, nach Wien zu kommen? Sie können ja nicht einmal Hausierer werden seit dem jüngsten Erlasse des christlichsozialen Handelsministers I Sind denn die kompetenten Stellen mit Blindheit geschlagen? Reicht denn der Blick des Herrn Dr. Alfred Stern, der als Präsident der Wiener Kultusgemeinde und des Gemeindebundes eine doppelte Verantwortung zu tragen hat, nicht über die enge Seitenstettengasse hinaus? Will man denn warten, bis Tausende arme Juden die Armenanstalt, die Volksküchen und das Rothschild-Spital stürmen werden, um dann die Polizei in Anspruch zu nehmen? Und wo bleibt die „Israelitische Allianz" des Herrn David von Gut mann, die nach ihren Statuten nicht bloß zu warten hat, bis in Rußland oder Rumänien Pogroms ausbrechen, sondern sich zur Pflicht gemacht hat, „dort, wo Israeliten als solche noch zu leiden haben, ihnen eine wirksame Stütze zu bieten"? (§ 2.) Wenn die Herren Stern und G u t m a n n wegen ihres hohen Alters viel Schlaf benötigen, dann mögen sie zurücktreten und andere arbeiten lassen, die dem Ernst der Verhältnisse mehr gewachsen sind und sich nicht so leichtherzig über ihre Verantwortlichkeit hinwegsetzen. * "Die zionistische „T^eichsexekutive" und die Enquete. Aber selbst die zionistischen Führer in Galizien scheinen im Wirrwarr der zionistischen Diplomatie und des jüdisch-nationalen Wählerfanges so eingeklemmt zu sein, daß sie den Ausweg zur realen Tagespolitik nicht mehr zu finden wissen. Am vorletzten Sonntag fand in Lemberg unter Vorsitz des Dr. Abraham Salz aus Tarnöw eine Sitzung der Reichsexekutive statt. Man sollte meinen, daß der Zentralausschuß einer Partei, die sich als die einzige jüdische Volkspartei geriert, in erster Linie zur Enquete und Verteilung der Schankkonzessionen Stellung nehmen würde. Weit gefehlt. Die jungen Doktoren, die unter der Leitung des einstigen Führers der Ghovevi Zion zusammenkamen, haben keine anderen Schmerzen, als die — jüdische Umgangssprache. Daß diese bei der Volkszählung übergangen wird, empfinden die jüngsten jüdischen Volkspolitiker so sehr, daß sie daran vergessen, wovon die jüdischen Massen ihren Hunger stillen und ihre Blößen bedecken werden. Und sie leben doch selbst in Galizien, mitten unter diesen Massen. Warum sind sie denn so mit Blindheit geschlagen? * Ein "^epzweiflungsschpei aus Pomorzany. Der folgende uns zugegangene Brief mag die schrecklichen Verhältnisse in Galizien illustrieren : Pomorzany, den 18. September 1910. Hochgeehrter Herr Dr. Landau! Da mir bekannt ist, daß Euer Hochwohlgeboren jedes edle Werk zum Wohle der notleidenden Juden fördern und wo sich nur Gelegenheit darbietet, humanes Bestreben unterstützen und die gerechte Sache verfechten, erlaube ich mir, ergebenst Gefertigter, nachstehende Angelegenheit vorzutragen, mit der höflichsten Bitte, Euer Hochwohlgeboren, Herr Redakteur, möchte gütigst diese im Interesse der Wahrheit und Gerechtigkeit in Ihrer geschätzten Zeitschrift berühren oder Ihren hervorragenden Einfluß an kompetenter Stelle geltend machen. Es handelt sich nämlich um eine Angelegenheit eminentester Bedeutung und Tragweite für die Notlage der jüdischen Bevölkerung in Galizien und zwar: In dem von jeder Kultur isolierten und fernstehenden Städtchen Pomorzany in Galizien steht die jüdische Bevölkerung in Bezug auf Fortschritt und

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