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Neue Nationalzeitung · 1910-09-30 · Heft 20 (30.9.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 20 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Neue National-Zeitung" Nr. 20 Enquete, Schänkerfrage und Massenelend in 6alizien. Eine Presskampagne in Russisch-Polen. — „Die Tragödie des jüdischen Massenelends". — Die Vorbereitungen zur Enquete. — Die zionistische „Reichsexekutive" und die Enquete. — Ein Verzweiflungsschrei aus Pomorzany. — Die Verteilung der Schankkonzessionen. — Eine Hilfsaktion der Pariser IC 4. In den bangen Sorgen, die die nächste Zukunft für die jüdischen Volksmassen Galiziens in ihrem Schöße birgt, wird die bevorstehende Enquete des Landesausschusses als ein schwacher Hoffnungsschimmer angesehen. Ob sie doch stattfinden wird, das kann heute mit Bestimmtheit noch niemand sagen. Die wiederholten Vertagungen rechtfertigen das allgemeine Mißtrauen. Dazu kommt, daß sich der größte Teil der polnischen Presse, sowohl die offiziösen als auch die sozialistischen Blätter, über die Enquete ausschweigen. Es ist ihnen unbehaglich zumute. Sie haben Jahrzehnte die Juden als quantite negligeable, zur Wahlzeit als Stimmvieh behandelt, sie glaubten ihre Judenfreundlichkeit schon dadurch zu bekundeD, daß sie das Massenelend gaz totgeschwiegen haben; nun soll eine öffentliche Beratung, in der Landtagsstube, unter der Aegide des Landesausschusses, darüber stattfinden, wie diesen armen jüdischen Teufeln geholfen werden könnte. Sie schweigen und wachen . .. Wenn einmal wirklich mit der Hilfsaktion Ernst gemacht werden sollte, dann werden sie sich schon melden. * Eine Ppesskampagne in Russisch-Polen. Die polnische Presse in Russisch-Polen beschäftigt sich in den letzten Jahren mehr, sogar zu viel mit den Juden. Bald erfindet sie eine „Litwaken" -Frage, die darin bestehen soll, daß die aus Rußland einwandernden Juden Polen „ russinzieren bald will sie der Oeffentlichkeit klar machen, daß sich die Juden der Fortschrittspartei nur deshalb anschließen, um dieselbe für „jüdische Zwecke" zu mißbrauchen. Damit soll der latent werdende Antisemitismus der fortschrittlichen Polen, die Verfolgungssucht gegen Mitbürger, während man selbst über Verfolgung durch die russische Regierung jammert, maskiert werden. Es werden schließlich sogar „wissenschaftliche" Theorien herangezogen, um zu beweisen, daß die verschiedenen „christliehen" Gründungen, durch welche die Juden ausgehungert werden, mit dem Antisemitismus gar nichts zu tun hätten. An der Verelendung der Juden sei vielmehr ihre „fortschrittsfeindliche ökonomische Struktur" schuld. Den Gipfel einer solchen sich wissenschaftlich gebärdenden Sophisterei bildet nachstehender Artikel : * „"Die Tragödie des jüdischen Massenelends." Unter diesem Titel veröffentlicht die Schriftstellerin J. Moszczenska im Warschauer Tagblatte „Kur j er P o r a n n y" einen Artikel, der sich mit der bevorstehenden, für den 19. September angeordnet gewesenen Enquete beschäftigt: „In zwei Wochen soll in Lemberg die Enquete des Landesausschusses beginnen, die sich mit den Ursachen der jüdischen Proletarisierung und mit den Mitteln zu deren Beseitigung beschäftigen wird. So sehr der zweite Punkt auf sehr gewichtige Schwierigkeiten stößt, so kann man doch den ersten, die Frage des jüdischen Massenelends, für gelöst ansehen. Nach der Richtung stimmen die jüdische und polnische Presse überein, daß der Ökonomische Fortschritt Galiziens in den letzten Dezennien die jüdische Bevölkerung einem immer größeren Elend preisgibt." Es folgen hierauf mehrere Zitate aus dem Lemberger Assimilantenblait und nun setzt die Verfasserin fort: „Es ist zweifellos, daß sich diese große Tragödie der jüdischen Bevölkerung früher oder später auch bei uns abspielen wird. Eine genaue Untersuchung der ökonomisch-sozialen Evolution ist daher auch für uns nützlich und belehrend, insbesondere aber jür die jüdischen Politiker und Schriftsteller, die rechtzeitig die jüdische öffentliche Meinung darauf vorbereiten sollten. Denn das Unglück voraussehen, heißt auch oft ihm vorbeugen." Nun stellt die Verfasserin eine Theorie der jüdischen Verelendung auf, die von der tendenziösen Voraussetzung ausgeht, daß an dem jüdischen Massenelend nur die „fortschrittsfeindliche" ökonomische Struktur der jüdischen Bevölkerung und nicht der antisemitische Charakter der von den Polen ins Leben gerufenen wirtschaftlichen Organisationen Schuld trage. Die Thesen der Verfasserin lauten: „I. Nicht der volkswirtschaftliche Fortschritt Galiziens ist antisemitisch, sondern die ökonomische Rolle der Juden ist fortschrittsfeindlich und sie muß daher dem Strom der normalen ökonomischen Entwicklung untei liegen. II. Der Wohlstand eines Landes steht in umgekehrtem Verhältnisse zur materiellen Lage der Juden als einer ökonomischen Klasse. In dem „Elend Galiziens" haben sich die Juden wohl gefühlt, der Kampf gegen dieses Elend untergräbt ihre Existenz." Frau Moszczenska „begründet" ihre epochemachenden Ideen, um die sie Stöcker und Vergani beneiden werden, in nachstehender Weise: „Dieser wirtschaftliche Prozeß geht überall dort vor sich, wo die Juden in kompakten Massen wohnen und wo sie solche ökonomische Funktionen ausüben wie bei uns. Im preußischen Teil Polens, wo noch vor 50 Jahren die Städte, Städtchen und selbst Dörfer von jüdischen Kleinhändlern überflutet waren, ist dieses Element jetzt so zurückgegangen, daß die Juden kaum 25 Prozent der Bevölkerung in Posen, 1*5 Prozent in Westpreußen und 1*3 Prozent in Oberschlesien bilden. Da in diesen Ländern weder mit Ausweisungen noch mit ähnlichen Mitteln der Entjudung gearbeitet wurde, so muß dieses Resultat einzig und allein der natürlichen ökonomischen Entwicklung zugeschrieben werden. Die jüdischen Massen bilden kein eigentliches Proletariat (?)undsind auch keine produktive Klasse (?). Sie sind zumeist Wucherer, Krämer, Vermittler, Schänker und sonstige Unternehmer in kleinstem Maßstab, deren Betriebskapital kann einige Rubel bilden, aus dem sie unverhältnismäßig große Vorteile ziehen müssen, um ihrer Familie eine noch so karge Existenz zu bieten. Sie sind also gleichzeitig Hungerleider und Ausbeuter.

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