Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 20 (30.9.1910)
- Date
- 1910-09-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 20 Gerichtstag. Wären wir Juden wirklieh die Rachsüchtigen, als welche man uns so gerne ausschreit, wir könnten mit den Worten des herben Seume, dessen 100. Todestag in dieses Jahr fiel, ausrufen — mutatis, mutandis —: „Sehet, wir Juden sind doch bessere Leute." Welcher Schlamm von Korruption wurde jüngst im Gerichtssaale aufgewühlt! Mit allen Urteilssprüchen kann dieser Kot nicht reingewaschen werden. Was für Anklagen werden nicht von unseren Gegnern gegen Juden und das Judentum erhoben! Es gibt keine Schmähung, die man sieh nicht gegen unsere Volksgenossen, unseren Glauben, unser Schrifttum erlaubt. Und jetzt haben wir es erlebt, daß aus der Mitte der Christlichsozialen selbst die schwersten Anwürfe gegen Führer dieser Partei erhoben wurden. Wir sind aber nicht optimistisch genug zu glauben, daß der antisemitische Block in Oesterreich dadurch erheblichen Schaden erleiden werde, besonders wenn wir sehen, welche Spaltungen im Kreise der „Freiheitlichen" klaffen. . Was ist's, fragen wir bei der jetzigen Gestaltung der Verhältnisse, mit der Gesamtorganisation des Judentums, die mit so vielem Applomb ins Werk gesetzt wurde? Ist sie eines unseligen Todes entschlafen? Wahrlich, kein Schopharschall kann mächtig genug sein, um uns Juden aus der vollständigen Lethargie zu erwecken, in die wir versunken sind. Gleichgültigkeit, Apathie, Abfall, Abtrünnigkeit bilden die Signatur unseres Judentums. Werden wir die Zeichen der Zeit noch immer nicht verstehen? Ich denke, gerade wie für uns, sind die Worte des Dichters geschrieben, welche besagen: „Was wird nun dieses Jahr, das heurige, dir bringen? Was wird es lassen dir gelingen und mißlingen? Was wirst du Schönes sehen? Was wirst du Wahres denken? Wohin wird Geist und Sinn sich heben und sich senken? Was es auch bringen mag, du sammle den Ertrag! Ein jeder Tag ist für den Geist ein Erntetag." Den Sinn dieser Worte wollen wir aber nicht erkennen und lassen unseren Karren in dem alten, ausgefahrenen Geleise dahinfahren. Inzwischen sind unsere Gegner im mächtigen Siegeszuge vorwärtsgeschritten, in Oesterreich, Ungarn, Galizien, Böhmen, Mähren. Der gewaltige, das ganze politische Leben durchsetzende und zersetzende nationale Streit in Böhmen und Mähren hat auf die Juden in diesen Ländern furchtbar verheerend gewirkt. Welcher Partei sollen sie sich zuwenden? Einst waren die Juden in diesen Kronländern die festeste Stütze der Deutschen. Sie haben mit diesen die traurigsten Erfahrungen gemacht. Sollen sie sich den Tschechisch-Radikalen zuwenden, die mit den Deutschnationalen um den Vorrang im Antisemitismus streiten? Wohin wir blicken, trübe Aussichten, überall tönt uns der verzweiflungsvolle Ruf entgegen: „Wir wissen nicht, was wir tun sollen!" Auch in dem gesegneten Ungarn macht der Antisemitismus, der dort schon lange im stillen sein •Unwesen trieb, immer größere Fortschritte. Man will, wie man sagt, dem sich immer breiter machenden Judentum entgegentreten, bildet einen christlichsozialen Landesverband, die ungarischen Kaufleute schließen sich wieder zu einem anderen Verbände zusammen, um Juden zu verdrängen und zu boykottieren; sie wenden sich gegen arme Hausierer und bewirken Ausweisungen galizischer Juden, denen man keine Schuld nachweisen kann. Das erleben jetzt die magyarischen Juden, die sich in ihrem Magyarentum nicht genug tun konnten. Werden sie nicht auch einmal die Zeichen der Zeit erkennen? Nicht die Lehren aus der Lage ihrer Brüder in Oesterreich ziehen? Wir sind also in Oesterreich so weit gekommen, daß wir selbst Spanien beneiden müssen. Mächtig hebt die Aufklärung in diesem Lande ihr Haupt empor. Es wird auch hier Licht. Wie horchte ganz Europa auf die ungewohnten Rufe, die aus diesem Lande uns entgegentönten, das unsere Ahnen vor jetzt 418 Jahren verlassen mußten und in dem sich eine spanisch-israelitische Allianz gebildet hat, die unseren Brüdern die Pforten des schönen Landes wieder öffnen will, in dem' Jehuda ha-Levi sang und Maimonides geboren wurde. So erschließt sich den Juden wieder der sonnige Süden. Auch in dieser Tatsache erkennen wir ein höheres Gericht, wie es sich auch an dem mächtigen Herrscher des nordischen Reiches offenbart, der, umgeben von Bataillonen von Polizeimännern, mit seiner Gemahlin nach Deutschland sich begab, um hier für diese Genesung von schwerem körperlichen und seelischen Leide zu suchen. Wann wird das Licht der Freiheit auch für unsere unter politischem und wirtschaftlichem Joche stöhnenden Brüder im Lande der Pogrome aufgehen? Schicksalsschwere Frage, auf die noch keine Antwort erfolgt. Aber hat nicht das dunkelste Rußland auch seinen Gerichtstag erlebt? . . . Dieser nordische Koloß wird jetzt selbst von der sich verjüngenden Türkei beschämt. Dort herrscht ein neuer Geist, der überall neues Leben hervorruft, das auch unseren Glaubensgenossen zugute kommt, die einst in diesem Lande, als sie von der katholischen Isabella verjagt wurden, ein gastliches Asyl fanden. „Amerika, du hast es besser!" rufen wir aus, wenn wir von dem alten Europa noch zum Schlüsse unseren Blick werfen auf die großartige Organisation, welche das Judentum der Vereinigten Staaten und insbesondere die eine Million zählende jüdische Bevölkerung New-Yorks geschaffen hat. Hier geht alles ins Gewaltige, Kolossale. Wir können von diesen amerikanischen Juden viel lernen. Freilich müssen wir uns auch zu der Höhe freiheitlicher Gesinnung erheben, die hier herrscht. Mit sehr gemischten Gefühlen haben wir diese kurze Rück- und Ausschau niedergeschrieben. Wir wünschen, daß bald der Rosch-ha-Schana-Tag erscheine, den wir mit wahrer Freude begehen könnten und Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verkündet würde durch des Schophars mächtigen Schall. POLITISCHE RUNDSCHAU. Die Landtagswahl In der Leopoldstadt haben bei den in der Leopoldletzten Landtagswahlen die btirgerstadt. liehen Freisinnigen kaum den dritten - Platz erobert. Von abgegebenen 23.000 Stimmen sind 4000 auf sie entfallen, während die Sozialdemokraten mit 6500 Stimmen ihnen den Vorrang abliefen. Die Wiedereroberung der Leopoldstadt dürfte also schwerlich den Freisinnigen gelingen. Selbst wenn sie 1—2000 Stimmen gewinnen, so kommen sie dennoch nicht in die Stichwahl. Es ist also recht heiter, wenn man sieht, wie der Ofner'sche Kandidat Dr. Schwarz- Hiller und der liberale Kandidat Dr. Mittler sich ein Mandat streitig zu