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Neue Nationalzeitung · 1910-09-30 · Heft 20 (30.9.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 20 (30.9.1910)
Date
1910-09-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
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N5Ü5 EiCüNG RERAüSGgBgR: OrS.R.LNNÖlSÜ XU. JAHRGANG. WIEN, 30. SEPTEMBER 1910. Nr. 20. Rück- und Ausschau, (5670.) Von Professor Dr. Max Grünfeld. „Am Rosch-ha-Schana ziehen alle Geschöpfe vor dem Weltenrichter vorüber, den Schafen gleich", sagt bedeutungs- und sinnvoll die Mischna. Daher scheint es, daß dieser Jahresbeginn der wichtigste von allen Jahresanfängen sei, deren die Mischna vier aufzählt. So wollen denn auch wir wieder unsere Jahresbilanz ziehen und sehen, wie unser Haben und Soll-Konto im Lebensbuche ausgefallen ist. Denn dies ist ja wohl die Bedeutung dieses Gerichtstages: Daß wir über uns selbst an ihm zu Gerichte sitzen und eifrigst erwägen, was wir in diesem Jahre getan und zu tun unterlassen haben. Dabei wollen wir den trockenen Ton der bloßen Aufzählung von Tatsachen, die man ja in den Kalender-Revuen nachlesen kann, vermeiden; vielmehr sollen diese Rück- und Ausblicke auch zeigen, wie für jeden sein Stündchen schlägt, in dem er erkennt, daß das Wort vom „Weltgerichte" doch etwas mehr als eine Redensart ist. Es kann uns auch sehr gleichgültig sein, ob im verflossenen Jahre in diesem oder jenem Lande Europas der eine oder andere unserer „Glaubensgenossen" erhöht, mit Orden geschmückt oder sonstwie ausgezeichnet wurde. Dies zu verzeichnen und danach Schlüsse auf die mehr oder weniger günstige Lage der Juden in Europa oder Amerika zu ziehen, scheint uns nicht sehr vernünftig. Wir wissen es gar wohl, daß in England, Frankreich, Italien die konfessionellen Unterschiede kein Hindernis zur Erlangung hoher, oft seht* hoher Staatsämter bilden. Es ist gewiß erfreulich zu hören, daß in Frankreich im verflossenen Jahre der dritte jüdische General ernannt wurde und dieses Land nun auch einen jüdischen Präfekten in einem Departement besitzt. Es wäre nur notwendig, zu erforschen, ob diesen Ernennungen auch die allgemeine Lage des jüdischen Volkes in Frankreich entspricht. Was wir vor einiger Zeit über Beschlüsse der dortigen Rabbinen gelesen haben, scheint darauf hinzudeuten, daß das Judentum in Frankreich einen unaufhaltsamen Assimilationsprozeß durchmacht, der zu seinem vollständigen Niedergange führen muß. Erfreulicher mögen nach dieser Richtung die Verhältnisse der Juden in England sich gestalten, das in diesem Jahre seinen König verloren hat. Daß Eduard VI. wahres Verdienst, auch bei Juden, zu würdigen wußte, wem wäre dies unbekannt? Die 70. Geburtstagsfeier des Chief-Rabbi Dr. Adler war gewiß nicht nur eine Ehrung dieses hochangesehenen Mannes, sondern auch eine Ehrung des von ihm repräsentierten Judentums. Italien hat neben dem jüdischen Bürgermeister Roms auch einen jüdischen Ministerpräsidenten erhalten. Dies sind erfreuliche Zeichen der Zeit, erfreuliche Zeichen, daß das Vorurteil schwinden muß in Tagen, in denen man die Luft und den Nordpol erobern möchte. Die Nebel der Vergangenheit müssen der Sonne der Gegenwart weichen und der Ausblick in die Zukunft wird ein immer freierer. Aber „zögernd kommt diese Zukunft hergezogen". Wir in Oesterreich wissen davon etwas zu sagen. Der Märztag, an dem Dr. L u e g e r unter noch nie dagewesener Prachtentfaltung hinausgetragen wurde auf die Stätte, wo der Ruhelose, der mächtigste Organisator der christlichsozialen Partei, nun von seinen Kämpfen und — wer würde es leugnen? — Siegen ausruht, war für seine Partei ein Gerichtstag. Er war sich dessen wohl bewußt; was er, schon sterbend, seinen Parteigenossen zurief: „Bleibt zusammen!" Wie sollte er es nicht wissen, daß manche morsche Balken in dem Gebäude zu finden seien, das er errichtet hatte. Und so kam denn für einige seiner, von ihm selbst so genannten Barrierestöcke auch der

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