Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2425679-2425801-2425821--1802-2428186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 19 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. S. Horowitz: Stilleben. Sie lebten allein und zurückgezogen, er der hochbejahrte Reb Selig und sie, die 18jährige Enkelin Leah. Ihr Häuschen lag abseits von der Fahrstraße, inmitten einer bewaldeten Gegend, im Schöße der grünen Natur, so daß das Gewühl des Dorflebens nur gedämpft bis hieher drang. In den Kronen der Bäume flüsterte es so geheimnisvoll, der grüne Laubdom bot einen imponierenden, majestätischen Anblick, daß ob des Kontrastes der Mensch das Kleinliehe, das verschwindende Winzige seines Ichs empfand. Der heiße Julitag ging seinem Ende entgegen, die müden Schnitterscharen kehrten von ihrem schweren Tagewerk heim und ihre Sensen und Sicheln spiegelten sich in dem purpurnen Reflex des untergehenden Sonnenballes wieder. Die buntscheckigen Herden trabten behäbig und klingelnd nach ihren Stallungen, indeß die hinterdrein schreitenden Schäferjungen ihren primitiven Holzpfeifen heitere Melodien entlockten. Die Luft war von Wohlgerüchen erfüllt und die im Scheine der zur Rüste gehenden Sonnenstrahlen in allen Regenbogenfarben erglänzende Landschaft bot ein entzückendes Bild der wonnigen Ruhe und des Friedens. In amphitheatralischer Staffelförmigkeit dehnt sich das farbenreiche Panorama aus, die sanft emporsteigenden Höhenzüge waren von Waldungen bedeckt und ein Sturzbach schlängelte seine schäumenden Fluten in einem schmalen Bette voller Windungen, daß das Getöse der zwischen Schilfrohr hervorbrechenden Wassermassen die idyllische Stille unterbrach und die Schaumperlen der hoch aufspritzenden Kaskaden, auf denen die Sonnenstrahlen sich brachen, wie Rubinen funkelten. Das obenerwähnte Häuschen mit seiner geschnitzten Holzfassade war von Epheu umrankt und in der Veranda saß der Greis mit seiner Enkelin. Reb Selig halte bereits das siebente Dezenium zurückgelegt, seine hohe, vom Alter nicht gebeugte Gestalt erschien wie von allen irdischen Schlacken befreit und sein durchgeistigtes Antlitz erstrahlte in einer hehren, feierlichen Ruhe. Der lange, silberweiße, auf seine Brust niederfallende Bart verlieh ihm etwas Ehrfurchtgebietendes, seinem Auge entströmte wie das Weltall mit liebender Milde umfassender Blick und auf seiner hohen, von spärlichem Haar umrahmten Stirne, thronte es wie der Abglanz eines Glorienscheines. Jetzt bewegten sich seine Lippen leise, seine Hände waren gefaltet, er richtete seinen Blick gegen Osten und wie weltvergessen wiegte sich seine hohe Gestalt in rhytniische Körperwendungen vor der oben thronenden Allmacht. In den Baumästen begleiteten die Luftbewohner sein Minchagebet, im Grase zirpte eine Grille, im Gehölze neigten von einem Windhauche bewegt, die Baumstämme ihre Häupter wie zum Gruß und Leah schaute mit ihren großen schwarzen Augen zu ihrem Großvater empor. Ihre halbaufgelösten, ebenholzschwarzen Haarflechten, auf welchen ein verirrter Sonnenschein zitterte, stach auf dem schneeweißenHintergrunde, dem Schwanenhälse, desto mehr ab und sie hatte Mühe, das widerspenstig hervorhängende Gelocke von Stirn und Schläfe abzuwehren. Ihre großen, von langen Wimpern umrahmten Augensterne hingen mit kindlich zärtlicher Liebe an der imponierenden Gestalt ihres Großvaters und ein leichter Seufzer der Rührung hob ihren Busen. Sie war nicht über Mittelgröße, ihr elastischer Körper ging schnellen Schrittes der Reife entgegen und bald sollte sie voll erblühen. Ihr Gesicht, welches sich nicht durch Regelmäßigkeit auszeichnete, hatte dennoch einen unaussprechlichen Reiz und ihr brünnetter Teint etwas Bestrickendes. Ihr Gesichtsausdruck war ein unschuldig naiver und nur manchmal wetterleuchtete es auf ihrem lieblichen Antlitz wie ein ahnendes Vorgefühl. Aber ein Blick ihres Großvaters glättete die hochgehende See ihrer erwachenden Empfindungen, sie überhäufte ihn mit ihren Liebkosungen und dann war in ihrem Herzen nur für kindliche Liebe Raum. Reb Selig war mit seiner Andacht zu Ende und ließ sich auf eine Bank nieder. Unten im Dorfe herrschte bereits eine feierliche Ruhe, am azurblauen Himmelszelte kamen die Sterne zum Vorschein und hie und da ertönten von den Bauernhütten die teils lustigen, teils schwermütigen Weisen einer Ziehharmonika von Bauernburschen entlockt. Die Natur schien zu feiern und wie gewöhnlich überließ sich Reb Selig in dieser Dämmerstunde seinen Gedanken. Er hielt in seinem Geiste Revue über die zurückgelegten Tage und so manche Erinnerung aus seinem tätigen Leben stieg vor ihm auf. Sein stabiles Domizil hatte er in der Stadt, nur die heißen Sommermonate brachte er auf dem Lande zu und im Schoß der unverdorbenen, sich immer verjüngenden Natur frische Kräfte sammelnd, lebte er in seinem Tuskulum ganz zurückgezogen in Gesellschaft seiner Enkelin mit dem Studium seiner Talmudfolianten beschäftigt. Dies, seih Studium, war in seinen jungen und in seinen alten Jahren seine liebste Beschäftigung und wie in einem unerschöpflichen Born fand er darin immer Trost und Stütze, um die harten Lebensstürme ertragen zu können und sein Gemüt von den Widerwärtigkeiten nicht abstumpfen zu lassen. Denn, obwohl mit Glücksgütern gesegnet, hatte er viel Ungemach zu verzeichnen. Er sah seine zahlreiche Nachkommenschaft zu seinen Lebzeiten unbarmherzig vom Tode hinweggerafft und Leah war das einzig lebende Reis seines alten Stammes. Und ein schwermütiger Zug der Resignation lagerte sich um seine Mundwinkel, er murrte nicht, sondern beugte sein Haupt unter den unerforschlichen Schicksalsschlägen in Demut. Seit dieser Zeit hatte er sich von seinem ausgebreiteten Geschäft ganz zurückgezogen, lebte nur seinem Studium und seinem übriggebliebenen Sproß, den Ertrag seines bedeutenden Vermögens größtenteils dazu verwendend, das Elend seiner Mitmenschen zu linden. In der Stadt war der leutselige Greis von Jung und Alt gekannt und wo es galt Gutes zu üben, war er an der Spitze. Hier in seiner ländlichen Zurückgezogenheit war er ebenfalls ein Helfer in der Not und da er schon seit einer Reihe von Jahren in diesem Dorf seinen Sommersitz aufschlug, konnte man in jeder Hütte seinen Namen, von Segens- und Dankesworten begleitet, nennen hören. Aber wir hätten beinahe vergessen, zu bemerken, daß Reb Selig auch einen Schüler hatte, und zwar Aron, den 20jährigen Sohn des Meierhofpächters. Er war ein Jünger der Jeschiwa (talmudisch Hochschule) und brachte seine Ferien, die er, ein Kind der Natur, sich erbat, bei seinen Eltern zu. Der Meierhof befand sich in der Nähe von Reb Seligs Villegiatur; der Greis hatte auf seinen Ausflügen, die er unternahm, die Bedürftigen aufzusuchen, den jungen Menschen kennen gelernt und da derselbe ihm gefiel, lud er ihn zu sich