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Neue Nationalzeitung · 1910-09-16 · Heft 19 (16.9.1910) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 19 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 19 DIE JÜDISCHE EniQRdTION. Ein Emigrationskongress in Wien? Seit einem Jahre werden von einem unbenannten Wiener Komitee Notizen an die jüdische Presse versendet, daß nach Wien ein jüdischer Emigrationskongreß einberufen wird. Zuerst hieß es, der Kongreß werde im Frühling, dann aber, er werde im September stattfinden. Jetzt aber wurde er bis auf Weiteres vertagt. Erst in letzter Zeit wurde der anonyme Schleier des Komitees soweit gelüftet, daß die Umrisse zweier seiner Mitglieder erkennbar wurden: Kultus - Vizepräsident Dr. Gustav lohn und Kultusvorsteher Dr. Sa m u e 1 y. Nun veröffentlicht die „Welt" ein Interview mit einem „ausgezeichnet informierten Gewährsmann". Daraus geht eben nur hervor, was jeder mit den Wiener jüdischen Gemeinde- Verhältnissen einigermaßen Vertraute ohnehin gut weiß: daß in Wien angesichts der Indolenz der maßgebenden Kreise (Allianz, Kultus vorstand, Gemeindebund) jede großzügige jüdische Aktion unmöglich ist. Eine Aktion von dieser Seite wäre allerdings überflüßig, wenn die Wiener respektive die österreichischen Zionisten die Kraft und die Fähigkeit hätten, in der Emigrationsfrage eine Initiative zu ergreifen. Allein seit dem Tode Dr. Herzls haben sich die Zionisten in das Basler Programm noch mehr verbohrt und sind daher außerstande, für das immer akuter werdende Emigrationsproblem eine vernünftige Lösung zu finden. Wie bekannt, hat sich der „Verband der östlichen Juden* in Wien die Reform des jüdischen Emigrationswesens zur Aufgabe gemacht und er dürfte schon in der nächsten Zeit mit seinen Vorschlägen an die kompetenten Behörden herantreten. Dann wird es sich nicht mehr ereignen, daß die Wiener Allianz zwar in Galizien Geld und Mitglieder sammelt, die jüdischen Emigranten aus Rußland und Galizien jedoch in Krakau auf die Informationen eines Missionärs angewiesen sind. . . . Wir führen nun aus dem Eingangs erwähnten Interview Nachstehendes an: „Ich glaube nicht an das Zustandekommen der Tagung. Im besten Falle wird etwas herauskommen, was mit einem großzügigen Volkskongreß zur Regelung der jüdischen Wanderung kaum den Namen gemein haben wird. Der Kongreß scheitert an der Mannigfaltigkeit und Vielheit der Absichten und oft gegensätzlichen Ansichten seiner Organisatoren. Es ist auch irreführend, die Sache so darzustellen, als wäre der Kongreß eine beschlossene Sache, als wäre man in Wien gerüstet und aktionsbereit, man erwarte nur die tatkräftige Kundgebung der Sympathie aus Rußland. In der Wirklichkeit ist in Wien alles noch im embryonalen Anfangs st adium: man richtetete erst vor mehreren Wochen Anfragen an die Emigrationsgesellschaften, ob sie eine Konferenz zu beschicken bereit wären. . . . Das ist alles. Nun herrschen innerhalb des Einberufungskomitees nicht unerhebliche Meinungsverschiedenheiten über die Zusammensetzung und die Aufgaben des Kongresses. Der Vorsitzende des Komitees, der Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde Herr Dr. Gustav Kohn, interessiert sich vornehmlich für die rumänische Juden- und Emigrationsfrage. Er meint, die Emigration der Juden Rußlands sei hinreichend und gut geregelt. Dagegen kümmere man sich viel zu wenig um die nicht selbsttätigen Juden Rumäniens. Eine Vertretung Galiziens am Emigrationskongreß würde er ungern'.sehen, da er den Gedanken der Vertretung des „Emigrationsmaterials" überhaupt verwirft. Dagegen interessiert Herrn Dr. S a m u e 1 y just ausschließlich die österreichisch-galizische Aus wanderung. Nun behauptet aber der Präsident der „Allianz", Herr R. v. Guttmann, daß es eine jüdische Auswanderung aus Oesterreich gar nicht gebe, dann aber erscheine ihre Regelung infolge schwerwiegender staalspolitischer Bedenken inopportun. Ein Emigrationskongreß in Wien, dessen Einberufer noch nichts getan hatten, um die Auswanderung in ihrem eigenen Lande zu regeln, die nicht einmal Kenntnis von ihr haben, sie in Abrede stellen, ist ein Unding. Das Wiener Komitee wird höchstens eine zweite Frankfurter oder Brüsseler Konferenz zuwege bringen. Damit aber wäre der Emigrationskongreß für absehbare Zeit umgebracht. Durch die Agitation in der jüdischen Presse Rußlands, die, wie bereits erwähnt, von den tatsächlichen Verhältnissen im Wiener Komitee völlig abzusehen scheint, werden aber in Rußland gerade diejenigen Kreise abgeschreckt, deren Teilnahme in Wien sehr gewünscht wird. Die jüngsten Erklärungen Baron Ginzburgs und die Einberufung der Libauer Emigrationskonferenz deuten darauf hin, daß man sich in den maßgebenden Kreisen Rußlands der Beteiligung an einem „internationalen" Emigrationskongreß gegenüber ablehnend verhält. L i b a u wird möglicherweise keine Vorkonferenz, sondern ein Ersatz für Wien werden. Dem allgemeinen jüdischen Emigrationskongreß muß meines Erachtens die Regelung der jüdischen Auswanderung aus Galizien vorangehen. Nur wenn eine derartige Organisation ins Leben tritt, würde die Abhaltung eines Emigrationskongresses in Wien denkbar und nutzbringend sein. Jetzt gehört er eher nach Berlin." * Der jüdische Emigrations-Kongress in Liban. Der von uns bereits angekündigte Kongreß in Libau beginnt am 12./25. September. Er wird v i e r Tage dauern und folgende Tagesordnung erledigen: I. Tag: Die Kongreßeröffnung. Die Wahl des Redaktionskomitees sowie der Kommissionen. Aerztliche Hilfe für die Emigranten. Die Emigranten in Libau und die Tätigkeit des Libauer Komitees. II. Tag: Billige Schiffskarten. Rechtshilfe für die Emigranten. (Auslandspässe, die Bekämpfung der geheimen Agenten, Frauenschutz, Unterstützung der in Rußland zurückgebliebenen Emigrantenfamilien). III. Tag: Besichtigung der Auswandererschiffe. Fortsetzung der Debatte vom zweiten Tag.

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