Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 „Neue National-Zeitung" Seite 7 zu Hause geliehen habe. Ich bin jetzt im Besitze von 5 Dollars und wende mich an die gleiche Adresse wie mein Freund Reitberg." Frage: Woher haben Sie die Adresse? Antwort: Vom Rabbiner in Bremen. Frage (an beide) : Sie haben 5 Dollars. Woher haben Sie die? Antwort: Da wir kein Geld hatten, gab man uns 5 Dollars. F r a g e : Wer? Antwort: Der Rabbiner. Frage: Wißt ihr nicht, von welchem Verein der Rabbiner Vorsteher ist? Antwort: Er ist eine der wichtigstgen Personen bei Mißler (Mißler ist ein Fahrkartenbareau) und er gab jedem von uns 5 Dollars von der Schiffahrtsgesellschaft. Frage : Was hat er euch bei Uebergabe dieser 5 Dollars gesagt? A n t w o r t: Er fragte uns, wohin wir fahren, ob wir in Amerika Freunde oder sonst eine Adresse haben. Wir erzählten nun, daß wir das Schiff nach Galveston versäumt haben, daß wir unsere Familien zuhause zurückließen, ohne daß jemand für dieselben sorgen würde und daß es für uns sehr traurig wäre, wenn wir in Bremen warten müßten. Frage: Was hat er darauf erwidert?' Antwort: Er hat uns darauf gefragt, wohin wir . reisen möchten. Wir antworteten : nach Baltimore. Er gab uns daher jedem 5 Dollars sowie die Adresse. Frage: Sie waren also ganz mittellos, als Sie nach Bremen gekommen sind? Antwort : Ja. Frage: Sie wären also ohne Unterstützung des Rabbiners nicht in der Lage, nach den Vereinigten Staaten zu reisen? Antwort: Wir wären auch sonst hergefahren. Denn das war unser einziger Ausweg. Frage: Waren Sie schon im Besitz der Schiffahrtskarten nach Galveston, bevor Sie nach Bremen gereist sind? Antwort : Nein. Frage: Sie haben also nur die Reisespesen bis Bremen bezahlt? Antwort: Wir haben jeder dem Komitee in Kiew 85 Rubel gegeben, damit sie uns nach Bremen expedieren. Und so geschah dies auch. Frage: Als Sie in Bremen ankamen, hatten Sie also die Reisespesen bis Amerika noch nicht bezahlt? Antwort: Nein. Frage: Wer hat denn sonst ihre Reisespesen nach Baltimore getragen? Antwort: Als wir in Bremen ankamen gab man uns Schiffskarten. Frage: Wer gab euch Schiffskarten? Antwort: Der Rabbiner im Bureau Missler. Frage : Warum habt ihr euch die Karten nach Amerika nicht selbst gekauft, sondern euer Geld dem Komitee in Kiew gegeben? Antwort: Weil wir dadurch billiger gefahren sind. Frage : Wer hat euch denn mitgeteilt, daß ihr billliger fahren könnt, wenn Ihr die Reisespesen beim Komitee in Kiew erlegen werdet? Antwort: Wir haben in Kiew gehört, daß dort ein solches Komitee besteht und wir haben uns daher an ein solches gewendet. Frage: Also nur mit Hilfe dieses Komitees war es euch möglich nach den Vereinigten Staaten zu reisen? Antwort: Ja. Frage: Hat man auch mitgeteilt, warum das Komifee annonciert? Antwort: Wir haben diese Annoncen gelesen und haben uns daher an das Komitee gewendet..' Dort empfahl man uns nach Galveston zu reisen. Frage: Ist es euch bekannt, daß die Reise nach Galveston billiger ist, als nach Baltimore? Antwort : Ja. Frage: Habt ihr welche Verwandte oder Freunde in den Vereinigten Staaten? Antwort (K1 o t z m a n n) : Ich habe Verwandte in Philadelphia und zwar Cousins, doch ist. mir ihre Adresse nicht bekannt. Ich müßte erst zu Hause anfragen. Reitberg: Ich habe in New-York eine Schwester, doch ist mir ihre Adresse nicht bekannt. Frage: Als euch der Rabbiner die 5 Dollars und die Adresse gab, was hat er euch sonst für Anweisungen gegeben? Antwort: Es hat uns lediglich gefragt, wohin wir fahren wollen und er hat uns sonst nichts gesagt. Frage: Seit ihr von den Behörden gezwungen worden, Rußland zu verlassen? Antwort: Ja. Frage: Habt ihr einer politischen oder sonstigen Organisation angehört, die von der Regierung verfolgt wird? Antwort: Nein. Frage: Hat denn die Regierung aus sonstigen Gründen euch zur Abreise gezwungen? A n t w o r t: Ja. Frage: Wurden euch die Gründe mitgeteilt, aus welchen ihr wegfahren müßt? Antwort: Nein. Wir sind auf eigene Kosten abgereist, da wir zuhause keine Arbeit hatten und sehr arm waren. Wir mußten daher auswandern. Frage: Bei wem habt ihr euere Familie zurückgelassen : Antwort (Reitberg): Ich habe meine Frau bei meinem Schwiegervater untergebracht. Klotzmann: Meine Frau und Kinder sind in Rußland zurückgeblieben. Ich habe ihnen versprochen, daß ich mich wohl in 6 Wochen zurecht finden werde. Bis dahin müssen sie sich helfen, wie sie können. Frage: Habt ihr euerer Familie Geld zurückgelassen? Antwort: Nein. Frage: Habt ihr noch etwas zu bemerken? Antwort: Wir bitten Sie um' eines, und zwar um Arbeit, wir wollen alles tun, was in unseren Kräften steht, bloß das haben wir zu sagen. Frage: Habt ihr den Dolmetsch gut verstanden? Antwort: Ja. * Die Einwanderungs-Kommission .erklärte beide einstimmig für unterstützungsbedürftig, da sie der öffentlichen Wohltätigkeit zur Last fallen könnten. Es wurde ihnen daher nicht gestaltet, nachAmerika einzuwandern. Das Resultat wäre wohl ein anderes, wenn die Emigranten vor ihrer Abreise entsprechend informiert oder vorbereitet worden wären. Die 5 Dollars, die Herr Rabbiner Rosenack in Bremen den Emigranten gibt, sind, wie es sich zeigt, eigentlich ganz zwecklos. Wenn man damit bezweckt, sie aus Deutschland los zu werden, so erreicht man gerade das Gegenteil.