Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung* Nr. 19 f)avid Wolfsohn über den 6000 Pfund-Scheak. Herr David Wolf sohn ist sehr krank. Er unterzieht sich gegenwärtig einer ernsten Kur in Homburg, wohin ihn die Aerzte wegen seines Herzleidens geschickt haben. Wir hätten es also dem Herrn Wolf söhn nicht verargt, wenn er in der Frage der Schenkung des 6000 Pfund-Schecks an den verflossenen Sultan Abdul Hamid, in die er ja ohne jeden Zweifel eingeweiht war, trotz unserer Apostrophierung in unserer vorletzten Nummer, auch weiter geschwiegen hätte. Um so mehr, als die ganze zionistische Presse aller Länder über diesen dunkeln „diplomatischen" Punkt hinwegging, wiewohl man glauben sollte, daß die Schenkung von K 144.000 aus den Sammlungen der kleinen und allerkleinsten Leute für eine volkstümlich sein wollende Presse nicht ganz gleichgültig sein sollte. Allein Herr Wolfsohn hat geantwortet. Er hat sich nämlich von einem Redakteur des Warschauer Tagblattes „Unser Leben" in Homburg interviewen lassen, dem er folgende Darstellung des Falles gab: „Gerade gestern erhielt unser Bureau in Köln eine Anfrage seitens der ottomanischen Botschaft in Berlin, wie es sich eigentlich mit den 500 Pfund verhalte. Das Bureau erwiderte darauf, daß ich mich gegenwärtig in der Kur befinde und werde daher erst nach meiner Rückkehr eine Antwort erteilt werden können. Mit diesen 500 Pfund hat es folgendes Bewandnis: Seinerzeit hat sich der Gouverneur von Jerusalem an unsere Bank in Jaffa ebenso wie an alle anderen Banken mit dem Vorschlag gewendet, zum Bau der Hedzas-Eisenbahn (nach Mekka) einen Betrag zu spenden. Daraufhin hat mich der Bankdirektor, Herr Levontin, gebeten, die Beitragssumme zu bestimmen, weil dies auch bereits der Credit Lyonnais und andere Banken getan haben. Da ich zu jener Zeit in sehr nahen Beziehungen (!) zum gewesenen Sultan stand, habe ich den von mir bestimmten Betrag von 500 Pfund nicht an den Gouverneur von Jerusalem, sondern an den Sekretär des Sultans geschickt, welcher den Scheck dem Sultan selbst übergab. . Einige Wochen später brach bekanntlich die Revolution aus und der Scheck konnte nicht mehr einkassiert werden. Nun wurde er zwischen den Papieren des Sultans gefunden und bei der Bank präsentiert. Herr Levotin hat jedoch die Zahlung verweigertj weil die Zahlungsfrist verstrichen war. Aus diesem Grunde dürfte daher die Botschaft über Verlangen der jungtürkischen Partei Erkundigungen beim Bureau eingezogen haben." Auf die Frage des Redakteurs, ob der Scheck nunmehr eingelöst werden wird, erwiderte Herr Wolfsohn: „Das kann ich heute noch nicht sagen, das werden wir erst sehen." Herr Wolfsohn hat nun die Tatsache des Schecks, der nach seiner Angabe bloß auf 500 Pfund gelautet haben soll, selbst zugegeben. Die Leichtfertigkeit dieser Schenkung wird damit motiviert, daß auch andere Banken Beiträge gestiftet haben. Womit rechtfertigt man aber diese ungeheuerliche Spende von 120.000 Kronen? Ja, wenn die Herren Wolf söhn, Warburg und Kann diesen Betrag aus dem eigenen Vermögen für den Bau einer dem Islam heiligen Bahn schenken, dann geht das niemanden an, denn die Herren sind sehr reich und können sich das leisten. Aber aus den Groschen des jüdischen Proletariats dem Sultan, von dem man weiß, daß er sich alles selbst behalten hat, eine Riesensumme schenken — das ist ein Vorgehen, welches am besten beweist, auf welcher Höhe die „Diplomatie" des Herrn Wolfsohn steht. Daraus kann die jüdische Bevölkerung auch klar ersehen, für welche unkontrollierbaren Zwecke das Geld verwendet wird, das unter verschiedenen Schlagworten aus Oesterreich, speziell aus Galizien und anderen Ländern nach Köln herausgeführt wird. Die Emigranten-Inquisition in Hord-ftmerika. Ein Verhörs-Protokoll mit jüdischen Emigranten. Der Emigration nach den Vereinigten Staaten werden immer größere Schwierigkeiten bereitet. Die Emigranten müssen gesund sein, sie müssen lesen können, sie müssen Geld bei sich haben, sie müssen in einem langen Verhör auf alle möglichen Fragen Rede und Antwort stehen. Dieses Frage- und Antwortspiel ist für den Emigranten geradezu eine Tortur. Aus jedem Widerspruch wird ihm ein Strick gedreht; spricht er die Unwahrheit, dann wird er wegen Irreführung zurückgewiesen, spricht er die Wahrheit, kann er sich mit der kleinsten Redewendung schaden. Und weiß denn der arme, gehetzte, von langer Seereise abgemarterte polnische oder russische Jude, ob er sich selbst bei der gleichgültigsten Frage nicht schaden könnte? So sind diese ^Fragen des Einwanderungskommissärs, in dessen Händen das ganze weitere Lebensschicksal des Emigranten liegt, für diesen psychische Daumenschrauben, unter denen er sich schmerzlich windet und abquält. Das freiheitliche Nordamerika, das nur durch den fremden Menschenzuzug groß geworden ist, streift, trotz aller Roosevelt-Tiraden, immer mehr die Maske der Humanität ab. Wir bringen hier ein solches Verhörsprotokoll mit zwei russischen Juden im Hafen von Baltimore zum Abdrucke. Es spricht selbst für sich. * Der Emigrant Reitberg erzählt: „Mein Name ist Reitberg, ich bin 24 Jahre alt und verheiratet. Das ist, auf den zweiten Emigranten (Klotzmann) zeigend, mein Freund aus demselben Städtchen. Ich war zu Hause Fruchthändler; in Amerika war ich noch nicht. Ich bin heigereist auf eigene Kosten, indem ich meine Wohnungseinrichtung zu Geld machte. Ich bin im Besitze von 5 Dollars und habe bei mir die Adresse von einem Emigrantenschutzverein in Baltimore." Frage des Einwanderungskommissärs: Woher haben Sie die Adresse? Antwort: Vom Rabbiner in Bremen. Frage: Wieviel haben Sie alles in allem für die Reise nach den Vereinigten Staaten bezahlt? Antwort: 115 Rubel. Frage: War das Ihr ganzes Vermögen? A n t w o r t: Ja. Frage: Haben Sie nicht anfangs nach Galveston fahren wollen? A n t w o r t: Ja. Frage: Wieso kamen Sie also nach Baltimore? Antwort: Ich habe das Schiff versäumt. Klotzmann erzählt: „Mein Name ist Moses Klotzmann, bin 31 Jahre alt und verheiratet. Frau und Kinder habe ich in Rußland zurückgelassen. Ich bin vom Beruf Schuhmacher und bin in Amerika noch nicht gewesen. Ich bin auf meine eigenen Kosten hergereist, die ich mir