Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Neue National-Zeitung' Nr. 19 Löffel erlaubt hätten, so würde ich mich nicht getauft haben." Der berühmte Verfasser des „Erbrechts" erhielt rasch genug die Quittung des Staates für den Uebertritt, den man in der guten alten Zeit ganz so wie heute den Beteiligten unter vier Augen „nahelegte*. Man machte ihn, den einstigen Reformator des Judentums, zum ordentlichen Professor. Und ein Menschenalter hernach hat man den bekannten „Judenstämm- 1 i n g" Friedrich Julius Stahl, den Fährer der Kreuzzeitungspartei, noch weit reicher für den Sprung über den Jordan gelohnt. Heine spricht in den herzenswarmen Nachruf auf Ludwig Marcus von der jüdischen Emanzipation, „die doch früh oder spät bewilligt werden muß", und erklärt mit wehmütigen Humor die Judenbeschränkungen für Hühneraugen an den deutschen Staatsfüßen. „Hütet Euch, die Taufe unter Juden zu befördern. Das ist eitel Wasser und trocknet leicht . . . Fördert, beschleunigt die Emanzipation, damit sie nicht zu spät komme und überhaupt noch Juden in der Welt antrifft, die den Glauben ihrer Väter dem Heil ihrer Kinder vorziehen. Es gibt ein Sprichwort: Während der Weise sich besinnt, besinnt sich auch der Narr.* Wir stehen, diesseits und jenseits des heiligen Flusses, den Judentaufen heute kühl bis ans Herz gegenüber. Auch der Frage, ob Jude oder Christ. Für halbwegs denkende Menschen ist es völlig gleichgültig, ob Richard Wagner oder Hans von Marees wirklich jüdischer Abstammung sind oder nicht. Es kann doch nur so verrannten Zeloten wie dem Weimarer Literaturpabst und Heinefresser einen schmerzlichen Genuß bereiten, wenn er Thomas und Heinrich Mann, Hofmansthal und Heyse, Schnitzler und Wassermann auf einer jüdischen Ascendenz „ertappt". Liebermann und Israels sind darum nicht weniger Führer der modernen Malerei, weil sie dem Judentum angehören; und Antokolski ist darum kein schlechter Bildhauer geworden. Aber ein anderes ist es, ob der Staat sechzig Jahre nach der erklärten Gleichberechtigung der Juden noch eine Prämie aussetzen soll für einen Schritt, der zum mindesten leicht mißverstanden werden kann. Ob er nicht eben damit eine Einbuße an moralischen Werten verschuldet, die einem Regiment, das immer ex officio Würde und Charakter prästiert, auf die Dauer nicht entbehrlich ist. Wenn deutsch sein mit Charakter haben und Individualität besitzen gleichbedeutend sein soll, müßte man sich hüten, von staatswegen eine Taktik zu befolgen, die vor achtzig Jahren Gabriel Rieß er in seiner Schrift „Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland" mit den haarscharfen Worten brandmarkte: Das ist nicht ein Kampf mehr zwischen Glauben und Glauben, sondern zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Redlichkeit und Trug, um den es sich handelt. Es ist die Frage, ob der Staat länger auf die Lüge einen Preis setzen soll, die entweder mit der Maske der Heuchelei erscheinen oder sich nicht die Mühe der Heuchelei geben und ihre Häßlichkeit offen zur Schau tragen könnte." Wenn der Staat überall im Auslande die offene Tür beansprucht, sein Herrscherhaus das suum cuique im Wappen trägt, sein Kaiser zum Schmerzen der Alldeutschen mit Juden freundschaftlich verkehrt, so ist die Meinung, daß die Bekenner des alten Testaments durch Üebertritt zum neuen an wissenschaftlicher Befähigung gewinnen, ein Irrtum, um stärkere und sinnfälligere Bezeichnungen zu vermeiden. Unsere P. T. Abonnenten werden um die Begleichung der rückständigen Abonnements-Gebühr höflichst ersucht. Die Administration. Brief aus Salizien. (Die Enquete wieder verschoben. — Abgeordneter Ernst Breiter über die Enquete. — Beschwerden gegen die Kredit-Union. — Der Oberste Gerichtshof über defi Fall Kluger.) Lemberg, den 11. September. Die bereits vertagt gewesene Enquete ist nun wieder verschoben worden. Angeblich soll daran die Regierung schuld sein, welche den galizischen Landtag gerade für den 22. September einberufen hat Wie man sich wohl erinnern wird, ist bereits voriges Jahr die Einberufung des galizischen Landtages als deus ex machina für die Vertagung der Enquete verantwortlich gemacht worden. Nun hat die Vertagung ein ganzes Jahr gedauert. Die Enquete soll endgültig Ende Oktober, nach Schluß des Landtages, stattfinden. Anfangs November kommt aber die Einberufung des Reichsrates. Wenn schon der Landtag, der ja auch in.Lemberg seine Sitzungen abhält, der Enquete hinderlich ist, wie sollte es der Wiener Reichsrat nicht sein, bei dessen Sessionseröffhung doch zahlreiche als Experten in Aussicht genommene Abgeordnete anwesend sein müssen? Wir wollen nun sehen, was wieder mit der neuerlichen Vertagung werden wird. Wir möchten den Veranstaltern dieser Enquete nicht raten, die Sache gar in die Länge zu ziehen, denn eine solche frivole Behandlung einer für hunderttausende Menschen tiefernsten Lebensfrage könnte sich an den Veranstaltern dieser Enquete, speziell an dem Hauptmacher derselben, Dr. Nathan Löwenstein, sehr bitter rächen. * Abgeordneter Ernst Breiter nimmt in der letzten Nummer seines „Monitor" zur Enquete Stellung. Er steht derselben nicht sympathisch gegenüber. Wir registrieren hier sein Gutachten, weil er ja ein sehr genauer Kenner der galizischen Verhältnisse ist und es mit den Juden wirklich gut meint. Und dieses Gutachten geht dahin, daß die Juden nur von ihrer eigenen Organisation und ihrer Selbsthilfe etwas zu erwarten haben. Die Enquete nennt er einen Humbug Und ein Feuerwerk. „Die ganze Gesetzgebung des Landes und des Staates in den letzten 15 bis 20 Jahren hatte ihre Spitze gegen die Juden gerichtet; die ganze fieberhafte soziale Tätigkeit der Polen und Ruthenen ging darauf hinaus, die Juden durch Gründung von katholischen Genossenschaften und Kaufläden von Stadt und Land zu verdrängen; es werde den Juden der Zutritt zur Beamtenkarriere erschwert; die Offerten jüdischer Industriellen werden so weit nur möglich gar nicht berücksichtigt; mit einem Worte, es wird ein geräuschloser, aber systematischer Vernichtungskampf gegen die Juden geführt . . . Und dieselben Männer, die auf dem Standpunkt stehen, daß selbst die kleinste Konzession an die Juden die eigene Nation schädige — sie sollten die Juden retten! Ist das nicht eine klassische Komödie?" Breiter entwirft dann einen ausführlichen Plan jüdischer Selbsthilfe. Dazu gehören jedoch seiner Ansicht nach: Tüchtige Menschen, ausdauernde Arbeit, Millionen und schließlich die Schaffung eines jüdischen Bauernstandes.