Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 19 (16.9.1910)
- Date
- 1910-09-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 19 „Neue National-Zeitung" Seite 3 und Charakter. Erst wenn dieses Ziel, aufs innigste zu wünschen, erreicht sein wird, können auch die sozialen Krankheiten, an denen wir leiden, geheilt werden. Das wird wohl noch lange dauern. Bis dahin aber ergehe, besonders an jüdische Eltern, die Mahnung: Lasset euch bei der Berufswahl euerer Kinder nur von ihrer Eigenart, ihrer Befähigung und Vorliebe leiten, beileibe aber nicht von euerer Eitelkeit oder anderen noch niedrigeren Trieben. Wissenschaff und Judentum*) (Taufe und Professur.) Die geniale Entdeckung des Bakteriologen Paul Ehrlich, der nach dem Tode Robert Kochs als die unbestreitbar erste Kapazität in seinem Fache gilt, hat von neuem eine Frage aufs Tapet gebracht, die dringend einer ruhigen, leidenschaftslosen Erörterung bedarf. Ehrlich hat es mit seiner außerordentlichen Befähigung, die mindestens schon seit Anfang der neunziger Jahre in der Wissenschaft allgemeine Anerkennung gefunden hat, bis heute noch nicht zum ordentlichen Professor bringen können. Gerade in der medizinischen Fakultät steht dieser echt preußische Fall nun keineswegs vereinzelt da. Man erinnert sich vielleicht, daß vor einer Reihe von Jahren der Rücktritt des ausgezeichneten Physiologen Hermann Münk, den man in ähnlicher Weise wie. Ehrlich übergangen hatte, das größte Aufsehen erregle. Auch Münk hatte es, trotz einer fünfunddreißigjährigen Dozentenlätigkeit, nur zum Honorarprofessor gebracht, einer Verlegenheitswtirde, die ad hoc geschaffen worden ist, um die offenkundige Hintansetzung jüdischer Gelehrter zu bemänteln. Im Gegensatz zu dem „ordentlichen Professor" ist nämlich der „Honorarprofessor" ein Dozent, der Vorlesungen halten darf, ohne dem Lehrkörper anzugehören, hinwieder der „Extraordinarius" ein fest angestelltes, aber bis vor kurzem nicht voll berechtigtes Mitglied der Universität darstellt. Um diese Liste noch ein wenig weiter fortzuführen, sei bemerkt, daß auch eine Größe wie der eben jetzt von seiner Lehrtätigkeit zurückgetretene Hermann Senator zwar zum Präsidenten der medizinischen Gesellschaft und zum Direktor des medizinisch-poliklinischen Instituts ernannt wurde, aber wiederum über den ordentlichen Honorarprofessor nicht hinauskam. Genau so ging es Emanuel Mendel, dem weltberühmten Psychiater, und ein ähnlich bedeutender Gelehrter dieses Spezialfaches, Hermann Oppenheim, hat die gleichen Schicksale zu verzeichnen. Auch der Laie spürt, daß hier etwas nicht in der Ordnung ist. Vielleicht haben sich diese Akademiker in der Praxis Kunstfehler zu Schulden kommen lassen oder sonst einen Verstoß gegen die guten Sitten verübt? Auf den ersten Blick muß es als eine bösartige Verleumdung erscheinen, wenn man den Ministerien der deutschen Staaten und der preußischen Regierung ganz insbesondere, denn jenseits der Mainlinie hat man ein freieres Auge, bei der Beförderung von Professoren Motive unterschiebt, die mit der wissenschaftlichen Leistung nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Man behauptet nämlich ganz ernstlich, daß, ein paar Fälle ausgenommen, im neuen deutschen Reiche aus vollkommen unerklärlichen Gründen Israeliten kein Ordinariat erhalten dürfen. Diese paar Fälle lassen sich bequem an den Fingern einer Hand aufzählen. Der Jude war da eben nicht zu umgehen. So tüchtige jüdische Gelehrte die Berliner Universität in ihrem Lehrkörper zählt, das Kollegium der ordentlichen Professoren hat sich bis jetzt vollkommen judenrein erhalten. Irren wir nicht, *) Wir enlnehmerr diese treffenden Ausführungen der jüngsten Nummer des „Berliner Salon*. Sie sind auch für Oester» reich nicht ohne Aktualität. Anm. d. Red. so ist der berühmte Kliniker Ludwig Traube, der Begründer der experimentellen Pathologie in Deutschland, der erste und letzte gewesen, der in den siebziger Jahren auf die dringende Fürsprache Gräfes hin hier am Orte einer ordentlichen Professur für würdig befunden wurde. Jeder andere aber hatte, um zu dem ersehnten Ziele des Dozenten zu gelangen, das berühmte „Entreebillet zur europäischen Kultur" eben mit dem Uebertritte zum Christentum zu bezahlen. Wie gesagt, es gibt ein paar Ausnahmen, die aber an der feststehenden Regel nicht das geringste ändern. So hat Straßburg einen jüdischen Historiker, hatte Breslau bis vor kurzem einen israelitischen Philosophen und zählt noch jetzt einen bedeutenden Mathematiker desselben Glaubens zu seinen Ordinarien. In Leipzig stoßen wir in entsprechender Stellung auf den Botaniker Geheimrat Pfeffer und in Erlangen auf einen mosaischen Physiologen, der sogar Isidor Rosenthal heißt. Erst jüngst hat endlich in Berlin der bekannte Ethiker und Kantianer Hermann Cohen, ordentlicher Professor in Marburg, einen Vortrag über die Bedeutung des Judentums gehalten. Damit ist aber unsere Liste weißer Raben bereits erschöpft. Jn der Lebensbeschreibung des berühmten Sprachforschers Heymann Steinthal, eines Schülers von Wilhelm von Humboldt, der trotz seiner in der ganzen Welt anerkannten Bedeutung in einem vollen halben Jahrhundert nicht über den außerordentlichen Professor hinauskam, lesen wir: „Das (nämlich außerordentlicher Professor) ist er bis an sein Lebensende geblieben. Auch die Pforten der Akademie sind ihm verschlossen geblieben. Diese Zurücksetzung trug Steinthal mit dem heiteren Gleichmut eines Weisen." Seinem intimen Freunde und Mitarbeiter Moritz Lazarus ist es nicht besser ergangen. Vor siebzig Jahren hat Heinrich Heine, der ebenso wie Börne durch die kulturellen Verhältnisse eines Landes, das die offizielle Gleichberechtigung der Juden erst nach den anderen Kulturstaaten erwarb und somit ihre augenkundigen Verdienste um die intellektuellpolitische Hebung in mindesten eigenartiger Weise belohnte, zum Uebertritt gedrängt wurde, von dem Judentum als dem schlimmsten von drei bösen Gebresten, neben Armut und Siechtum, geschrieben: „Unheilbar tiefes Leid! Dagegen helfen Nicht Dampfbad, Douche, nicht die Apparate Der Chirurgie, noch all' die Arzeneien, Die dieses Haus den siechen Gästen bietet. Wird einst die Zeit, die ew'ge Göttin, tilgen Das dunkle Weh, das sich vererbt vom Vater Herunter auf den Sohn, — wird einst der Enkel Genesen und vernünftig sein und glücklich?" Damals, in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren, ist den Juden jede Art der akademischen Lehrtätigkeit verschlossen gewesen. Man hatte ihnen die Tore des Ghetto nur so weit geöffnet, um sie ein bißchen Luft schöpfen zu lassen. Aber da schon setzte man eine Prämie auf das Renegatentum, die an die Zeit des seligen Pfefferkorn und an das Treiben der Dunkelmänner erinnert. Eduard Gans, der 1819 mit Leopold Zunz und Moses Moses — alle drei waren intime Freunde Heines — den „Verein für Kultur und Wissenschaft des Judentums" begründete und sich das Jahr darauf in der Berliner juristischen Fakultät habilitierte, machte sofort Karriere, als seine glänzenden wissenschaftlichen Leistungen den allein giltigen Stempel des frisch erworbenen Christentums erhielten. Auf. die Nachricht, daß Gans jetzt das Christentum predige und die Kinder Israels zu bekehren suche, schrieb Heine: „Tut er dieses aus Ueberzeugung, so ist er ein Narr; tut er es aus Gleißnerei, so ist er ein Lump ... Es wäre mir sehr leid, wenn mein eignes Getauftsein Dir in einem günstigen Lichte erscheinen könnte. Ich versichere Dich, wenn die Gesetze das Stehlen silberner