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Neue Nationalzeitung · 1910-09-16 · Heft 19 (16.9.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 19 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 19 stehen . . . Und, was dann? Dann erst kommt das große Fragezeichen des Jörn ha-Din. Wir wollen nicht mißverstanden werden. Man lasse die Kinder viel, recht viel lernen. Der Jude lernte zu allen Zeiten. Aber, wie einstens nicht aus jedem Bachur ' ein Lamdon wurde und manch Einer der Bachurim im Hafen der Ehe mit der Tochter irgend eines Wohlhabenden landete, der es sich in den Eopf gesetzt hatte, nur einen Talmudisten sich zum Eidam zu wählen, so werden auch viele der sich mühenden, plagenden, schwatzenden Mittelschüler keine Doktoren, Professoren, Ingenieure werden, am allerwenigsten Sektionschefs oder gar Minister. Das können sie schon nicht aus ganz bestimmten und wohlbekannten Gründen. Napoleons Grenadiere mochten den Marschallsstab in ihren Tornistern tragen, aber wenn eitle Väter und überzärtliche Mütter ihre Söhne, da sie noch im Gymnasium seufzen, mit den Doktorhüten schon geschmückt sehen, werden manche unter ihnen arge Enttäuschungen erleben. Das Studium stellt heute große Anforderungen an die sich ihm Ergebenden; es verlangt unausgesetzten Fleiß und entschiedene Begabung. Und selbst angenommen, daß mancher durch Fleiß und Ausdauer die heißersehnte Höhe erklimmt, mit dem höchsten Grade, den die Universität zu verleihen hat, ausgezeichnet wurde, beginnt nicht für den Graduierten dann erst der schwere Kampf? Und wieder erhebt sich vor seinem entsetzten Auge das große Fragezeichen: „Was nun?" So mehrt sich von Tag zu Tag das „geistige Proletariat" — auch ein solches verzweifeltes und zur Verzweiflung bringendes Wort unserer Zeit — ohne daß man weiß, wo' und wie dieses seine Verwendung finden soll. Nochmals also, unsere jungen Leute mögen sich Bildung, viel Bildung erwerben, aber wer nicht den Beruf dazu in sich fühlt, bleibe den „gelehrten" Ständen ferne, lasse sich nicht von der Eitelkeit und Selbstüberhebung dazu verleiten, Stellungen anzustreben, die nur von den Talentierten, wahrhaft Begabten erreicht werden können, die es ja auch am besten wissen, wie viel Protektion heutigen Tages dazu gehört, sie zu erlangen. Endlich einmal müssen wir Juden uns von dem Wahn befreien, die sogenannten Intellektuellen stünden "höher, als die in praktischen Lebensstellungen sich Befindenden. Vor einiger Zeit hat ein Berufener in einem lesenswerten Artikel ausgeführt, wie es unseren großen Bankinstitutionen an wirklichen, intelligenten, weitausschauenden Geschäftsleitern fehle. Nicht ein jeder, der in ein solches Institut eintritt, und auch dies ist ja mit großen Schwierigkeiten verbunden, hat das Zeug in sich, in eine leitende Stellung zu gelangen. Aber hätte nicht mancher Doktor Juris in einem solchen Institute vielleicht seinen Platz besser ausgefüllt? Freilich wäre er nur „gewöhnlicher" Geschäftsmann geworden. Und das wollte die Frau Mama nicht. Wir wollen aber auch davon nicht reden, wie viel Geld ein solches langwieriges Studium kostet. Man kann es sehen, wie jüdische Eltern, durchaus nicht mit Glücksgütern gesegnet, mit Aufwendung ihrer kärglichen Mittel alles daran setzen, um den Herrn Sohn „studieren" zu lassen. Wir sind keine laudatores temporum actorum. Aber das müssen wir sagen: Die meisten der heutigen „Herren Söhne" sind anders, wie die Kinder der früheren Zeiten, die darauf bedacht waren, ihren Unterhalt auf der Hochschule sich selbst unter schweren Entbehrungen und vielfachen Kämpfen zu verdienen. Das ist jetzt meist anders geworden. Mag allerdings sein, daß auch in dieser Beziehung Angebot und Nachfrage in unseren Tagen in keinem richtigen Verhältnisse stehen. Wir wollen uns darüber nicht länger verbreiten. Es gehört nicht hieher. Um aber wieder zur Frage der Berufswahl zurückzukehren, wollen wir unseren Kindern und den Eltern vor allem den Rat geben, sich bei dieser nur von der Gesichtsfrage leiten zu lassen, ob der erwählte Beruf dem Betreffenden innere Befriedigung gewähren werde, er Beanlagung für ihn besitze und glaube, ihn ganz ausfüllen zu können. Er wird dann, wenn es ihm doch fehlgeht im Leben, sich sagen müssen: „Du hast es so gewollt", und wird niemand die Schuld geben können, ihn zur Wahl seines Berufes genötigt zu haben. Den jüdischen Eltern aber rufen wir insbesondere zu: Geben wir endlich die Eitelkeit auf, unsere Kinder nur gelehrten Berufen zuzuführen. Handwerk, Landwirtschaft, Geschäft mögen uns nicht als niedriger stehende Berufszweige erscheinen. Gar mancher, der sich diesen zugewendet hat, erreichte bereits sein Ziel, während der „ewige" Student noch immer an der Krippe des Vaters, die auch nicht allzuvoll war, zehrt. Das Wort von den Berufenen und Auserwählten kommt besonders für uns Juden in Betracht. Es mag richtig sein, daß dem Befähigteren, nur weil er ein Jude ist, in mancher Stellung der minder befähigte Nichtjude vorgezogen wird. Aber wir können auch die Bemerkung machen, wie oft dieser Fall der Bevorzugung eintritt, wo es sich um nicht jüdische Kreise handelt. Wie viele Einflüsse kommen bei der Besetzung einer Stelle oft in Betracht? Protektion, Stellung der Eltern, das Aeußere und wie sie alle heißen mögen, diese Imponderabilien, die schon manchen emporgebracht haben, während' der andere, weniger Glückliche, noch immer in der Niederung wandelte. Wir wünschen, daß unsere Kinder intelligente, freisinnige, weitauschauende Männer /werden, Männer, die sich von Vorurteilen und Irrtümern befreien, wie dies nur durch wahre Herzens- und Geistesbildung geschehen kann. Aber deshalb muß nicht ein jeder, ob er nun dazu befähigt ist oder nicht, ein Brotstudium treiben, ein Jurist, Mediziner oder . Professor werden. Vielleicht wird es dann auch weniger Unglückliche und Unbefriedigte unter uns geben. Auch der Abfall von unserem Judentum wird dann möglicherweise weniger überhand nehmen. Denn, wie schon gesagt, mancher Jüngling sieht die Schwierigkeit, es in einem gelehrten Berufe „zu etwas zu bringen", nicht so sehr in seiner Unfähigkeit, als darin, daß ihn das „Unglück" betroffen hat, als Jude geboren zu werden. Wenn sich also jetzt die Pforten des neuen Schuljahres öffnen, viele unserer Kinder sich den Mittelschulen zudrängen, viele den Universitäten, mögen sie alle genau erwägen, wie sie in der Wahl ihres Berufes am vorsichtigsten vorgehen. Von dem modernen Menschen verlangt man, er möge sich ganz ausleben können. Das vermag er aber nur in dem richtig gewählten Berufe. Freilich ist es auch notwendig, daß der Staat, die Gemeinde, die verschiedenartigsten Stände und Vereinigungen, kurz die ganze Gesellschaft sich von dem Vorurteile befreien^ den Menschen nach seiner Abstammung, Nationalität, Konfession oder sonstigen gesellschaftlichen Zugehörigkeit bei seiner Anstellung zu befragen und nicht allein nach seinen Fähigkeiten, seinem Fleiß

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