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Neue Nationalzeitung · 1910-09-16 · Heft 19 (16.9.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 19 (16.9.1910)
Date
1910-09-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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qtdONßL-ZETCUNG XII. JAHRGANG. WIEN, 16. SEPTEMBER 1910. Nr. 19. Schulbeginn und Berufswahl. Von Professor Dr. M. Grünfeld. Vor einigen Wochen begegnete ich einem meiner gewesenen Schüler. Der Mann machte, als ich ihn nach seiner Stellung befragte, ein nicht gerade erfreutes Gesicht. Er sei noch immer, schon das sechste Jahr, Supplent an einer Wiener Anstalt. So befinde er sich an der Grenze der Dreißig. Und was solle er tun, wenn er in diesem Jahre die Supplentur verlieren werde? Ich tröstete den Betrübten und Zagenden und wünschte ihm, er möge am 1. September oder an einem der folgenden Tage seinen Namen in der „Wiener Zeitung" lesen. Unter den für das Lehrfach definitiv Ernannten nämlich. Ich schicke gleich voraus, daß mein Wunsch, und vor allem natürlich der Wunsch meines Schülers, teilweise in Erfüllung gingen. Er wurde „provisorisch" wenigstens in einer Prqvinzstadt angestellt. " Warum ich dies erzähle? Das will ich sofort erklären. Ich fragte nämlich meinen jungen Freund, wer ihm den Rat gegeben hätte, sich dem Lehrberufe zuzuwenden, der doch so schwierig und so wenig aussichtsvoll, natürlich besonders für den Juden, wäre. Da antwortete er mir, fast schüchtern und beinahe vorwurfsvoll: „Wenn ich nicht irre, waren Sie es, Herr Professor." Er mochte recht haben. Aber ich zog aus dem Begegnisse die weise Lehre: Manrateniemand zu einer Berufswahl und beeinflusse ihn nicht; überlasse vielmehr jedermann, auch seinem Kinde, diese Wahl selbst. Daran soll nun eindringlich erinnert werden, da wir wieder vor einem Jahresabschnitte stehen. Das Schuljahr beginnt wieder und in einigen Wochen feiern wir unseren Jahresanfang. Der Neujahrstag ist für uns Juden, wie sinnig und bedeutungsvoll, der Tag des Gerichtes. Wir selbst sollen an diesem Tage zu Gerichte sitzen über unser Tun und Wirken im Leben. Aber auch, was wir unterlassen haben zu tun, wollen wir nach dem Grundsatze beurteilen: „Erkenne dich selbst." Der Beginn des Schuljahres stellt uns ebenfalls vor eine Lebensfrage, er ist in diesem Sinne auch ein „Jom ha-Din": „Was soll aus unseren Söhnen werden?" Das ist die bange Frage, die auf den Lippen von Tausenden bebt. Immer schwieriger wird der Lebenskampf, in allen Lebensstellungen überbietet das Angebot die Nachfrage. Und dazu kommt, daß uns Juden der vielzitierte Kampf ums Dasein noch schwieriger gemacht wird. Soll ich tausendmal Gesagtes wiederholen und erhärten? Auf die schwachen Jünglinge hinweisen, die nichts Eiligeres zu tun haben, als, kaum daß sie den Schulstaub von den Füßen geschüttelt, den „Geburtsfehler" zu korrigieren? Wenn sie sich nur nicht täuschen, die Charakterschwachen und gar zu Voreiligen. Wer heute nicht Tüchtiges leistet, sei es nun in welchem Berufe immer, der wird es zu nichts bringen. Da nützen keine Wasserkuren, und sei auch manch hoher Kirchenfürst oder ein anderer Fürst, wenn nicht ein noch Höherer, dabei als Pate gestanden . . . Ich kannte eine alte, kluge Person, wie wir sie so zahlreich in unserem Stamme fanden, die sagte schon vor Jahren: Die Erlangung einer sicheren, geachteten Stellung ist heute schwieriger, als die „Keriath Jam-Suph", als die Spaltung des Roten Meeres. Oft denke ich an die ehrwürdige Matrone, wenn ich unsere heutigen Verhältnisse betrachte. Wieder werden die Eltern ihre Kinder zur Einschreibung in die Mittelschule führen, unsere Kinder werden wieder die Bänke der Gymnasien drücken, Griechisch, Mathematik, Latein usw. mit vielem Mühen in sich aufnehmen, die Matura endlich über-

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