Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-09-02 · Heft 18 (2.9.1910) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 18 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425820--1788-2428171
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 10 „Neue National-Zeitung" Nr. 18 allem die Säuglingssterblichkeit, ist überaus günstig. Die Eheziffer ist niedrig und konstant; im hohen Prozentsatz der Mischehen steht München den größten jüdischen Gemeinden Deutschlands gleich. Die erwähnte Zuiahme der jüdischen Bevölkerung Münchens (in gleichem Schritt mit der christlichen) hat nicht darin ihren Grund, daß die eingesessene jüdische Bevölkerung sich auf dem natürlichen Weg der Fortpflanzung entsprechend (d. h. in gleichem Schritt mit der christlichen) vermehrt habe, sondern in der Einwanderung fremdgebürtiger Juden nach München, besonders aus dem Ausland und ganz besonders in den letzten Jahrfünften. Da die deutschen Juden zum größten Teil Städter sind, so dürfte es möglich sein, durch Erforschung und Darstellung der BevölkerungsVerhältnisse der Juden in einer Anzahl deutscher Großstädte, deren statistische Aemter die konfessionelle Gliederung der Bevölkerung eingehender berücksichtigen, als dies in der Reichsu'id Landesstatistik geschieht, unsere Kenntnis der Bevölkerungsverhältnisse der deutschen Juden überhaupt wesentlich fördern. Dies ist tatsächlich schon durch die vorliegende Arbeit, deren Hauptergebnisse wir kurz hervorgehoben haben, teilweise erreicht. Die Segallsche Arbeit ist daher wissenschaftlich und praktisch von bedeutendem Wert. Sie kennen zu lernen, wird für jeden erforderlich sein, der sich irgendwie mit der gegenwärtigen Lage der jüdischen Bevölkerung beschäftigt. Prot Dr. Samuel Kraasa: Antoninus und Rabbi» Vorliegende Abhandlung, welche im XVII. Jahresbericht der Wiener israelitisch-theologischen Lehranstalt (Wien 1910) veröffentlicht ist, wird nicht verfehlen, einerseits großes Aufsehen wegen der neuen Idee, mit der der Verfasser vor die Oeffentlichkeit tritt, hervorzurufen, andererseits aher auf den entschiedenen Widerspruch der engeren gelehrten Fachgenossen des Verfassers zu stoßen. Wenn nun auch der in Gelehrtenkreisen sehr bekannte Verfasser seine „neue Idee" mit dem ganzen Aufwände seiner immensen Gelehrsamkeit und mit sehr geschickter Verwertung der bezüglich historischen Quellen zuerst zu begründen und dann zu stützen sucht, werden sich dennoch wenige Forscher der jüdischen Wissenschaft finden, die in der Antoninus- und Rabbifrage seine Anschauung zu der ihrigen zu machen gewillt sein dürften. Es muß zugegeben werden, daß die eigenartige Auslegung der auf Antoninus und Rabbi bezughabenden Agadoth in beiden Talmuden und in der älteren und jüngeren Midraschliteratur geeignet ist, des Verfassers Belesenheit und Scharfsinn in das günstigste Licht zu stellen. Ob es sich aber mit dem ursprünglichen Sinn dieser Agadoth so verhält, wie ihn der gelehrte Verfasser auseinandersetzt, daran zu zweifeln sei uns gestattet. Die sehr interessante Abhandlung stellt gewissermaßen unter Beweis — wenn dieser Ausdruck überhaupt zulässig ist — daß Avidius Cassius, unter dem philosophischen Kaiser Mark Aurel Statthalter von Syrien, der sich auf die falsche Nachricht vom Tode Mark Aurels im Oriente zum Kaiser hat ausrufen lassen und im Jahre 175, als Mark Aurel gegen ihn zu Felde zog, von seinen Anhängern verlassen, von seinen eigenen Soldaten getötet worden ist, der Antoninus des Talmud sein müsse, der mit Rabbi in Freundschaft gelebt und mit ihm über religiöse, soziale, politische und philosophische Probleme unterhandelt hatte. Diese Agadoth werden dann von Professor Krauß so gedeutet, daß sie auf die Verhältnisse der Zeit des Avidius Cassius passen. Bekanntlich wird im Talmud die Frage aufgeworfen, warum der Patriarch Judal., auch der „Heilige" genannt wird? Die Antwort, die angeblich von ihm selbst stammt, lautet, daß seine Keuschheit unbegrenzt war (b. Sabbath 118 b, nicht wörtlich zu übersetzen). Zu der Idee des Verfassers paßt diese talmudische Begründung für das Epitheton Rabbis nicht. Daher muß Rabbi, der seine letzten Jahre in Sephoris verbrachte, da ein Gefangener sein, wegen des Verdachtes, mit dem nachmaligen Empörer Avidius Cassius, der sich zum Kaiser ausrufen läßt, gemeinsame Sache gemacht zu haben. Rabbi war demnach ein Märtyrer, ein nationaler Märtyrer, der für die Freiheit seines Volkes, die er ihm mit Hilfe seinerpolitischen Klugheit wiederrobern helfen wollte, auf seine alten Tage in Gefangenschaft schmachten mußte. Verfasser will also die Anschauungen seiner Vorgänger, Graetz, Rappaport, Frankel usw., die Rabbi wegen seines Leidens (Chole ma-jim) nach Sephoris übersiedeln lassen, nicht akzeptieren, wiewohl talmudische Stellen darauf indirekt hinweisen*). Krauß behauptet ohne Belegstellen, daß Rabbi als nationaler Märtyrer „Kaddosch" genannt werden mußte. Krauß' eigene Worte lauten: „Rabbi war heilig, weil er der Märtyrer einer verlorenen Sache war, ein Verfolgter wie R. Akiba, R. Meir, R. Jose u. a. (S. 134). Wir erlauben uns, den Verfasser zu fragen: „Wie läßt es sich dann erklären, daß R. Akiba, der nicht nur vermutlich, sondern ganz bestimmt ein Märtyrer war und für seines Volkes Freiheit den Märtyrertod gefunden hatte, den Titel „ba-Kaddosch" nicht geführt hat?**)" Im Großen und Ganzen ist die vorliegende Arbeit vom Geiste ernster Forschung getragen. Ihr Verfasser hat sich die Mühe nicht verdrießen lassen, ein bis heute noch ungelöstes Problem seiner Lösung zuzuführen. Dr. H. E. Kauf mann- Virovitica. * Ben-Jehudas grosses hebräisches Wörterbuch. Soeben ist in dem bekannten Verlag G. Langenscheidt das 3. Heft des 2. Bandes des Thesaurus Totius Hebraitatis von E 1 i e s e r Ben-Jehuda erschienen. Vom dem Werke liegen bis jetzt 15 Lieferungen vor, die bis zum Buchstaben Gimel reichen. Das vollständige Werk wird zwölf Bände von durchschnittlich 600 Seiten umfassen. Der erste Doppelband soll mit dem Ende dieses Jahres fertig vorliegen. In den darauffolgenden Jahren soll die Herausgabe eine Beschleunigung erfahren, so daß das ganze Werk etwa im Jahre 1915 vollendet sein wird. Liste der Ausgetretenen. Vom 17. bis 30. August 1910. (Nr. 328—345.) Friedmann (Ferencsi) Hilda, geb. 10. Mai 1868, Budapest, III., Salesianergasse 8. Fries Johanna, geb. 7. November 1885, Schönhof, IX., Marktgasse 9. Heinner Hilda, geb. 26. Mai 1889, Wien, III., Löwengasse 6. Kraus? Karl, Privatbeamter, geb. 19. April 1881, Wien, II, Ennsgasse 18. Melinger Samuel Josef, Schauspieler, geb. 27. Juli 1887 in Tarnow, IX., Simondenkgasse 6. Menkes geb. Gussenbauer Rachel, Kaufmannsgattin, geb. 10. April 1881, Wien, IL, Obermüllnergasse 4. Pewny Justine, Vermischtwarenhändlers-Toehter, geb. 13. Mai 1886, Wien, wohnhaft Horn. Schlesinger Bianca, Private, geb. 5. August 1880, Trautenau, XX., Jägerstraße 20. Stern Gisela, geb. 1. April 1882, Wien, III., Am Heumarkt 3. Hermann Johanna, geb. Glauber, geb. 18. August 1849, VIII., Strozzigasse 17. Kanto Marianne, Künstlerin, geb. 4. Oktober 1880, IL, Praterstraße 44. Rosenzweig Michael, Bankbeamter, geb. 16. November 1874, IL, Brigittenauerlände 4. Stein Seima, Friseurin, geb. 22. April 1882 in Wr.-Neustadt, IL, Nordbahnstraße 13. Kredens Malvine, Kleidermacherin, geb. 16. November 1879 in Neutra, VI., Webgasse 30. Rendler Debora, geb. 1876 in Rudko, XVL, Grundsteingasse 10. Zeckendorf Melanie, Kontoristin, geb. 26. September 1889, XX, Staudingergasse 14. Rosenthal Ernst, geb. 14. Dezember 1888, Wien, VI., Amerlingstraße 19. *) B. Fr. Kethubot 103 al und b) enthält das Wesentlichste über Krankheit und Tod Rabbis. **) Graetz (Geschichte der Juden SIV Seite 211) und J. H. Weiß (Dor dor W dorsew 1 II 1895 Seite 159) meinen, daß Rabbi erst nach dem Tode das Atribut „ha-Kaddosch" beigelegt wurde, was mit der von uns zitierten Stelle aus b. Sabbath 118 b im Widerspruch steht, da danach Rabbi selbst den Grund angibt, warum man ihn .heilig" nennt. Die von Hamburger zur Stelle gebrachten Zitate stimmen nicht, was wahrscheinlich auf ein Vorsehen des Korrektors zurückzuführen sein dürfte. Auch Juchassin (ed. H. Filipowski Seite 48-49) und Heilpern im Seder Hadoroth (ed. Maskil V Ethan) sind der Ansicht, daß Rabbi noch zu Lebzeiten mit dem Ehrentitel ha-Kaddosch ausgezeichnet wurde.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.