Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 18 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEU LLETON. Schalom Asch: Rinder. Skizze aus Amerika. Ich bin einmal, zur Frühlingszeit, mit meinem Freund Naumberg in einer kleinen deutschen Stadt gewesen. Wir hatten dort keinen Bekannten und als uns das Geld ausgegangen war, befanden wir uns in elender Stimmung. Wir lebten unter fremden Menschen, in einem fremden Lande, und empfanden Sehnsucht nach der Heimat. Als ich meinen Freund eines Morgens aufsuche, treffe ich ihn vor seinem Hause strahlenden Angesichts. Er hält einen Veilchenstrauß in der Hand und singt ein deutsches Kinderlied. „Guten Tag, mein Herr," begrüßt er mich und macht eine tiefe Verbeugung. „Weshalb bist du denn so fröhlich?", frage ich. „Als ich heute mein Zimmer verlasse, begrüßte mich das Kind meines Nachbars, die siebenjährige Elsa, und übergab mir diese Blumen," antwortete er. „Der Kleinen ist es gleichgültig, ob ich ein Deutscher oder ein Fremder bin. Heute, am ersten Frühlingstag, überreichte sie mir die Veilchen und lehrte mich ein Kinderliedchen . . ." Und mein Freund war den ganzen Tag lustig und grüßte alle Leute, denen wir auf der Straße begegneten. Auch ich habe jetzt etwas Aehnliches erlebt. Nichts fesselt mich so sehr an einen Ort, als ein schöner Sommertag und die spielenden Kinder auf der Straße ... Da schlendere ich jetzt in den Straßen New-Yorks herum' und habe das Gefühl, als wäre ich ein Gewächs, das in ein fremdes Klima verpflanzt worden ist. Ich sehne mich nach der Heimat, nach dem alten, elenden Rußland zurück, und vor allem nach Warschau, nach Warschau . . . „Wozu bin ich hier?" frage ich mich. „Was suche ich hier?" Oft gehe ich an die Meeresküste, blicke weit ins Meer hinaus und denke mir: „Wann wird mich das Schiff, das mich hierher gebracht, wieder an das jenseitige Ufer befördern?" Doch kaum scheint die Sonne über New-York und ich sehe in den Gassen die fröhlichen, freien amerikanischen Kinder spielen, werde ich plötzlich in diesem Lande heimisch. Ich möchte am liebsten nach dem Wanderstocke greifen und weit, weit übers Land wandern . . . Oder wenn ich um die Mittagsstunde im Judenviertel von New-York herumschlendere und die vielen jüdischen Kinder die Schulen verlassen sehe; wenn ich ihr jugendliches, unschuldiges Lachen höre, fühle ich eine unbeschreibliche Freude und ich werde mir bewußt, daß jetzt auch in meiner Heimat Frühling ist . . . Die Kinder sind es, die in dieser großen Stadt das jüdische Elend erhellen. Sie bringen Jugend und Frühling in diese dunklen Gassen. 0 Kinder, wie wohl tut mir euere Jugendfreude! . . . Und ich segne Amerika, dieses Land, das eine Heimat der Kinder, nicht der Eltern ist. Die Eltern stehen jenseits des Eisengitters, das den Kinderspielplatz abschließt. Sie tragen ihre Arbeitskräfte auf den Markt, während die Kinder ihr eigenes freies Kinderleben führen. Wenn ich sie so sehe, denke ich an ihre Brüderchen und Schwesterchen in den galizischen und russischen Städtchen, die in engen, stickigen Räumen ohne Licht und Luft aufwachsen. --Eines Tages sah ich in der Essex-Street zwei jüdische Kinder neben einem Polizisten stehen. Sie stießen ihn hin und her und griffen nach dem Stock, den er in der Hand hielt ... Da dachte ich an unsere jüdischen Kinder in Rußland, die man mit dem Kosaken und der Nagaika ängstigt; hier in Amerika aber spielen jüdische Kinder gar mit der Nagaika des amerikanischen Kosaken. Ich weiß nicht, was aus den Kindern wird, wenn sie erst erwachsen sind; wieviel Kräfte, gute und schlechte, schlummern in diesem kleinen Volk, das die engen, finsteren Gassen New-Yorks mit hellem Kinderlachen erfüllt. Die Erwachsenen vergessen ihre Sorgen. Sie sehen ein, daß es noch etwas anderes als Arbeit und Abhängigkeit gibt: Frühling, Sonne und Kindheit . . . Doch ist es mir gleich, was aus den Kindern in Zukunft wird. Heute seid Ihr Kinder, heute seid Ihr jung und schön--! --In Petersburg besuchte ich einmal an einem Sonntag-Nachmittag eine Kindervorstellung im Alexandrowskyj-Theater. Ein bekannter russischer Schriftsteller, der neben mir saß, sagte zu mir: „Sehen Sie, das sind die zukünftigen Beherrscher Rußlands. Wenn diese Kinder erwachsen, werden sie sich in alle Provinzen zerstreuen und sie werden die armen Bauern und Juden beherrschen". Ich habe seine Worte kaum gehört, denn in meinen Ohren widerhallte das Kinderlachen und das Händeklatschen der kleinen Theaterbesucher. Man gab damals ein Stück von Ostrowski. Es handelte von einem alten, reichen Kaufmann, der ein bürgerliches Mädchen heiraten will. Das Mädchen hat einen jungen Geliebten, den sie auf Wunsch ihres Vaters verlassen muß, um die Frau des alten ungeliebten Mannes zu werden. Wie tief wirkte dieses Stück auf die jungen, unschuldigen Gemüter. Die Mädchen weinten still vor sich hin und die Knaben bissen die Lippen fest zusammen . . . Im Zwischenakt war ich in der Garderobe Zeuge eines Streites zwischen dem Schauspieler Dawidoff und dem Regisseur. Dawidoff wollte die Rolle des alten Kaufmanns vor den Kindern nicht wreiterspielen. „Die Kinder hassen mich," sagte er . . . Im letzten Akt, als die Tragödie den Höhepunkt erreicht hatte, schrien die Kinder laut durcheinander, so daß sich Dawidoff nicht mehr zu helfen wußte und den falschen Bart vom Gesicht riß, indem er ausrief: „Seht her, ich bin es doch, ich, Euer alter Dawidoff!" Und die Kinder freuten sich sehr darüber, daß die Geschichte nicht wahr war. Manche weinten sogar vor Freude . . . Ein anderesmal sah ich viele Kinder in der Puschkinskaja Ulica in Petersburg, wo Puschkins Denkmal steht. Die Kinder gingen in den Gartenanlagen herum und lernten für die Schule Puschkins Gedichte auswendig. Ein Knabe kletterte auf das Denkmal und lernte dort. Wenn ihn sein Gedächtnis in Stich ließ, gab er Puschkin einen Nasenstieber und rief: „Puschkin, deklamier* Du weiter!" Auch in Amsterdam sah ich ein ähnliches Bild. In einem Kindergarten steht ein Denkmal Rem-