Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 18 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 18 Wien. (Wohltätigkeitsakt des I. Wiener isr. hum. Heiratsausstattungs-Verein.) Donnerstag, den 18. August, halb 1 Uhr mittags, fand im Tempel, 1. Seitenstettengasse, anläßlich des 80. Geburtstages Sr. Majestät des Kaisers über Veranlassung des obigen Vereines die Trauung eiues Waisenmädehens statt. Das Waisenmädchen wurde auch mit einem entsprechenden Heiratsausstattungsbeitrage aus den Mitteln des Vereines beteilt, und von den Herren Oskar Rubin, Präsident, Julius Adler, Vizepräsident und Armin Donath, Schriftführer, beglückwünscht. Herr Rabbiner Dr. Bach, der den Trauungsakt vollzog, richtete an das Brautpaar eine auf das Fest bezugnehmende Ansprache. WClXCCiLSN Hofrat Professor Dr. Leopold Oser, der Direktor des Wiener Rothschild-Spitales, ist im Aller von 7L Jahren an Altersschwäche in Gainfahren gestorben. Hofrat Oser war am 27. Juli 1839 in Nikolsburg geboren. Seine Gymnasial- und medizinischen Studien absolvierte er in Wien und wurde an der hiesigen Universität, wo er unter Skoda, Oppolzer und Rokitansky studierte, im Jahre 1862 zum Doktor promoviert. Er habilitierte sieh dann für innere Medizin. Im Jabre 1872 wurde er Primarius im Rothschildspital und Abteilungsvorsland an der Allgemeinen Poliklinik, zu deren Gründern er zählte; 1874 wurde er Mitglied des Niederösterreichischen Landessanitätsrates, 1885 außerordentlicher Professor; im Jahre 1902 erhielt er den Titel und Charakter eines Ordinarius, ein Jahr später den Hofralstitel; 1905 wurde er Vorsitzender des Landessanitätsrates. — Das Leichenbegängnis fand am vorletzten Mittwoch bei großer Beteiligung der Behörden und der medizinischen Kreise statt; der Kultusvorstand hat den Verstorbenen in einem Ehrengrab8 bestatten lassen. Wie wir erfahren, wird die freigewordene Direktorstelle vom Kultusvorstande im Konkurswege besetzt werden. Als ernste Bewerber gelte die Dozenten Dr. Breuer, Doktor Hammerschlag und Dr. ZuckerkandI. Das deutsche Reichsgericht bleibt—judenrein. Die „Vossische Zeitung" erzählt folgende Geschichte aus neuester Zeit: „War da irgendwo ein Oberlandesgerichtsrat, der als schneidiger Korpsstudent die Kollegia dennoch nicht geschwänzt, als Offizier dem Kaiser gedient, als Staatsanwalt seine Pflicht getan und sich allgemach einen Ruf erworben hatte, daß man von Amtsgenossen auf die Frage, ob sie ihn kennen, die verwunderte Antwort erhielt: „Den nicht kennen? Es ist der beste Jurist in unserem Lande!" Das meinte auch seine Regierung und erkundigle sich bei ihm, ob er bereit sei, Reichsgerichtsrat zu werden. Er sagte zu und sie schlug ihn vor. Aber siehe da, in Berlin zog man die Augenbrauen hoch und vom Reichs-Justizamt wurde abgewinkt, weil das Reichsgericht — judenrein bleiben müsse. Der Staatsmann, der den Oberlandesgerichtsrat vorgeschlagen hatte, ist ein Konservativer durch und durch, aber dieses Verfahren brachte ihn in Harnisch; er wollte eine Plenarentscheidung des Bundesrates herbeiführen. Doch er wurde beschwichtigt und freundlieh zu- oder abgeredet und, wie es so zu gehen pflegt, er fügte sich schließlich um des lieben Friedens willen. Der Oberlandesgerichtsrat ist inzwischen Landesgerichlsdireklor und Geh. Justizrat geworden. An das Reichsgericht aber kam jüngst ein christlicher Rat von demselben Oberlandesgericht, dem der abgelehnte Jude angehört hatte". Also in England kann ein Jude Generalprokurator werden. In Deutschland und Oesterreich bleibt die Oberste Geriehtsinstanz^ den Juden verschlossen! Ein jüdischer Schulreferent im Bukowinaer Landes-Schulrat: Die Czernowitzer „Volkswehr" berichtet: Dank den Bemühungen des Abg. Dr. Straucher ist es gelungen, den schon lange gehegten Wunsch, die jüdischen Interessen im Landesschulrate durch einen jüdischen Adlalus vertreten zu sehen, in die Tat umzusetzen. Der Supplent am gr.-or. Gymnasium in Suczawa, Heinrich Teller, wurde dem Bukowinaer Landesschulrate als jüdischer Adlatus zugewiesen und bereits zur Dienstleistung einberufen. Ein jüdischer Abgeordneter in Spanien. Ueber den vor einiger Zeit zum Abgeordneten in Spanien gewählten Bankier Gustav Bauer schreibt der „American Israelite" folgendes : „Bauer stammt aus Wien und ist der Neffe des verstorbenen Abbe Bernhard Bauer, des Beichtvaters der Kaiserin Eugenie. Dieser Abbe Bauer stammte aus Budapest und hatte als Künstler und Soldat eine romantische Laufbahn, bis er sich in Frankreich taufen ließ. Als Prediger zog er die Aufmerksamkeit der Kaiserin Eugenie auf sich und sie nahm ihn als ihren Beichtvater. Der Abbe wurde dazu ausersehen, die Zeremonie anläßlich der Eröffnung des Suezkanals zu verrichten. Das folgende Jahr brachte den Fall der Napoleonsdynastie und des christlichen Glaubens des Paters Bauer. Er verließ die Kirche, wurde ein ganzer Lebemann und ein ständiger Besucher der Wettrennen und der Oper und starb ganz vergessen am 14. Mai 1898. Sein Bruder Theodor, ein Bankier in Wien, war Jude geblieben und dessen Sohn ist nun dazu ausersehen, die jüdische Geschichte in Spanien zu eröffnen. Die Vertreibung hat bekanntlich im Jahre 1492 stattgefunden und seit dieser Zeit haben sich Juden in Spanien nur spärlich angesiedelt als Fremdbürger, obschon die Verfassung vom Jahre 1869 völlige Religionsfreiheit proklamierte. Bei verschiedenen Anlässen, insbesondere zur Zeit der Judenvertreibungen aus Rußland im Jahre 1881, wurde die Rückberufung der Juden nach Spanien vielfach erörtert und die Regierung erklärte, daß das Verbannungsdekret nicht mehr in Kraft bestehe. Innerhalb der letzten Jahre haben mehrere Politiker, wie Zorilla und Pulido, für eine Wiederansiedlung von Nachkommen spanischer Juden plädiert". Judenexzesse in Rnss.-Polen. Dieser Tage fand im polnischen Orte S e g r z e ein kleiner Pogrom statt. Anläßlich des katholischen Feiertages war in der dortigen Kirche eine große Menge Beter aus dem gesamten Kirchspiel versammelt. Unfern der Kirche saß der jüdische Fuhrmann Don, der einige Passagiere aus dem benachbarten Flecken Serolzk zur Kirche gebracht hatte uud wartete auf den Schluß des Gottesdienstes, um die Passagiere nach Hause zurückzubringen. In der Nähe befanden sich noch weitere sechs Juden aus Serolzk, lauter Kleinhändler, die zur Messe herbeigeeilt waren, um den Kirchenbesuchern erfrischende Getränke, Früchte u. dgl. feilzubieten. Gegen 1 Uhr, als der Gottesdienst zu Ende war und die Menge die Kirche zu verlassen begann, wurden feindliche Aeußerungon gegen die Juden vernehmbar. Bald kam es zu deutlichen Drohungen und Heizrufen. „Haut die Juden!" ertönte plötzlich; einer aus der Menge stürzte auf den jüdischen Fuhrmann und schlug ihn mit einem Knüppel aufs Haupt. Blutüberströmt brach der Fuhrmann auf der Stelle tot zusammen. Andere stürzten sich auf die jüdischen Verkäufer. Zwei von ihnen wurden mit Fruehtweinflascben am Haupte verwundet. Die übrigen retteten sich mit knapper Not. Der Ermordete hinterläßt eine Frau und drei Kinder. Die Frau wurde vor Kummer wahnsinnig. Auf Anordnung der Behörde wurden der Mörder und