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Neue Nationalzeitung · 1910-09-02 · Heft 18 (2.9.1910) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 18 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" Nr. 18 Verwandten aus Rußland, der jetzt in Stanislau Rabbiner ist, ohne sich jedoch besonders auszuzeichnen. Die Familie des jetzigen Czortkower Rabbi besteht aus einem unverheirateten und zwei verheirateten Söhnen, einer Tochter von 16 Jahren und einer Tochter der genannten Sarah, einem Mädchen von 14 Jahren, die beim Großvater zurückgeblieben ist. „Der Hof." Czortkow ist ein Städtchen in der Nähe der russischen Grenze und wird von 3500 Juden bewohnt. Es liegt zwischen Bergen gebettet. Hinter der Stadt liegt der prachtvolle „Hof" in einem wunderschönen Garten. Der Hof war früher im Besitze eines polnischen Grafen. Gleich beim Eingange steht die neuerbaule „Klaus"*), ein Prachtbau, der hunderttausend Gulden gekostet hat. Die „Klaus" hat der alte Rabbi zwei Jahre vor seinem Tode erbaut. Zwei Bethausdiener sind angestellt, um den Fremden die Sehenswürdigkeiten dieses Bethauses zu zeigen. In der „Klaus" sitzen viele junge Leute und lernen. An der Ostwand beten die Kinder des Rabbi. Für den Rabbi selbst ist ein wundervolles Gebetzimmer eingerichtet. In einem Winkel der Misrachwand dieses Zimmerchens steht die silberne „Heilige Lade". In einem seidenen Fauteuil sitzt der Rabbi und betet. Von diesem Räume führt eine Tür in die „Klaus*. Bei dieser Tür steht der Sekretär des Rabbis und wenn der Rabbi mit einem Abschnitte zu Ende ist, bewegt er die Tür. Der Sekretär gibt nun dem Vorbeter ein Zeichen, daß der Abschnitt zu Ende gesagt werden kann. Wenn der Bethausdiener einen Fremden in die Gebetsslube des Rabbi führt, erklärt er ihm vor dem Eintreten: „Jetzt führe ich Euch in die heilige Stube. Von hier steigen alle Gebete zum Himmel. Das ist das Tor der Barmherzigkeit". Dann öffnet er das Zimmer, zeigt und erklärt alle seine Kostbarkeiten. Beim Hinausgehen sagt er wörtlich folgendes: „Da Euch beschieden war in der heiligen Kammer zu weilen, saget, was für Wünsche Ihr habt." Gleichzeitig fragt er durch Gesten, was er für seine Mühe bekommt. Neben der Klause, auf einem großen, umgitterten Platz befindet sich das Wohnhaus des Rabbi. Auf einer Seite wohnen die Kinder und auf der andern der Rabbi selbst. Seine Wohnung besteht aus 22 Zimmern, von denen 8 seiner Frau zugewiesen sind. Dort ist ein Empfangsalon für ihre Gäste, ein Garderobezimmer, ein Zimmer mit ausgestopften Tieren, ein Damen-Schreibzimmer, ein herrlich eingerichtetes Zimmer mit einer großen silbernen Menorah für Chanuka. Von hier führt eine Tür in ein mit altertümlichen Möbeln eingerichtetes Zimmer. Das ist das Sterbezimmer des alten Rabbi. Daneben ist ein Zimmer, das wie ein Schlafzimmer eingerichtet ist. Darin steht ein Bett mit einer teuren türkischen Decke zugedeckt. Es ist eingerichtet als Laubhütte und hier schläft der Rabbi in den Sukkolh-Feiertagen. Dann kommen der große Empfangssaal des Rabbi, das Bibliothekzimmer, in dem sich auch viele deutsche Bücher befinden und das Schreibzimmer. Vom Schreibzimmer führt eine Tür ins Schlafzimmer, das nicht sehr groß aber fürstlich eingerichtet ist. Die Fenster führen in den Blumengarten. An den Wänden hängen kostbare, türkische Teppiche. Es folgt nun ein Ankleideraum für die Frau des Rabbi, mit Spiegelwänden, mit allerhand Toilettegegenständen und wohlriechenden Parfüms. Daranscbließen sich das Badezimmer mit Mamorwannen, das Reinigungsbad (Mikwa), das Speisezimmer und zwei große Speisezimmer für die Dhassidira. *) Bethaus. Die Wohnung des Rabbi kann man nur am Freitag- Abend oder Samstag-Früh, wenn die Familie beim Beten ist, besichtigen. Als Führer dient ein christlicher Diener Pawel, dessen Vater schon bei „Hof angestellt war. Vom Rabbi spricht er mit Begeisterung wie ein Ghassid. Er versteht denselben Spruch wie der Bethausdiener herzusagen und spricht fließend jüdisch. Als er mich ins Sterbezimmer des alten Rabbi führte, sagte er in jüdischer Sprache: „Jetzt kommen wir in das Zimmer, wo der alte Zadik Sichrojne Liwruche*) gestorben ist. Von hier ist seine koschere Neschome**) in den Himmel entflohen." Als ich ihn fragte: „Pawel, was hältst du vom Katholizismus?" antwortete er mir: „Drei große Neschomes (Seelen) sind auf der Welt: Der Papst, der Czortkower Rabbi und Kaiser Franz Josef". Der Garten erstreckt sich eine halbe Meile weit. Er wird von einem tüchtigen Gärtner gepflegt. Im Garten wachsen verschiedene Früchte, auch Weintrauben und Essroigim. Alle Stadtbewohner, auch Christen, promenieren hier. Die Familie des Rabbi spaziert gewöhlich von 9 bis 12 vormittags und von 5 Uhr bis zum Mincha-Gebet. Die Männer bei „Hof" tragen seidene Kaftans und Sammthüte. Die Kleider der Frauen, die immer nach der letzten Mode sein müssen, werden aus Paris bezogen. Die Frauen tragen viel Schmuck. Im Orte selbst sind sie fast gar nicht zu sehen, nur ab und zu fahren sie in ihren Equipagen spazieren. Der Rabbi. Der Rabbi ist ein schöner Mann von fünfzig Jahren Er unterscheidet sich vorteilhaft von den anderen galizischen Wunderrabbis. Wenn er im Garten spaziert, blickt er jeden Vorübergehenden mit seinen klugen Augen an und wenn ihn jemand auf europäische Weise grüßt, so zieht auch er den Hut. Man sieht ihn fast immer mit seinen Söhnen, doch ohne Siikretär oder Garde. Ich habe zweimal mit ihm gesprochen. Er gilt in Galizien als der größte jüdische Gelehrte, aber auch die deutsche Literatur ist ihm nicht fremd. Die Landes- Politik versteht er wie ein Staatsmann. Die „Neue Freie Presse" und die „Zeit" liest er jeden Tag. Die polnische Landessprache versteht er nicht. Wie der alte „Czortkower" sympatisiert auch er mit Zionismus. Bei den letzten Reichsratswahlen war er der einzige Rabbi in Galizien, der für einen jüdisch-nationalen Kandidaten eingetreten ist. Als ich mit ihm sprach, vergaß ich ganz, daß ich einen Wunderrabbi vor mir habe, einen so guten Eindruck hat er auf mich gemacht. Etwa sechstausend Chassidim aus allen Teilen Galiziens verbringen gewöhnlich die Feitertage in Czortkow. Am ersten Abend vor jedem Feiertag stellen sie sich nach dem Beten in zwei langen Reihen von der „Klaus" bis zum Hause des Rabbi auf. Der Rabbi geht mit den Kindern in der Mitte und wünscht jedem „Gut Jörn tow". Denjenigen, den er noch nicht begrüßt hatte, reicht er jetzt die Hand. Die Kinder haben Gouvernanten. Sie sprechen polnisch mit schlechten Akzent. Ich hatte Gelegenheit, mit der sechzehnjährigen Tochter des Rabbi ein längeres Gespräch in deutscher Sprache zu führen, Sie spricht sehr gut deutsch. Sie ist Zionistin und hat auch einige zionistische Zeitungen abonniert. Sie kennt auch die moderne Jargon-Literatur, aber eine Theatervorstellung hat weder sie, noch sonst ein Familienmitglied jemals besucht. * Gelobt sei sein Andenken. ** Seele.

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