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Neue Nationalzeitung · 1910-09-02 · Heft 18 (2.9.1910) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 18 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 ,Neue National-Zeitung" Seite 5 durch den „jüdischen Geist" geschützt geblieben wären, so hätten doch die Mißbräuche seiner Verwaltung und die Berührung mit Europa genügt, dort durch die Macht der neuen Ideen liberale Bestrebungen hervortreten zu lassen. Wenn es wahr ist, daß in den Reihen der Parteien der äußersten Linken, unter den Revolutionären, die sich zum Umsturz zusammengescharrt hatten, sich sehr viele Israeliten befanden, so liegt die Schuld weniger an dem jüdischen Geist als an den russischen Gesetzen, die indem sie ihnen die bürgerliche Gleichheit und Freiheit verweigerten, diese aller Rechte beraubten Menschen der Revolution, der geheimen Verbindungen und Konspirationen in die Arme warfen. Das sicherste Mittel, die israelitischen Massen der revolutionären Propaganda zu entziehen, wäre aber gewesen, ihnen dieselben Rechte zu gewähren, die ihre Mitbürger bereits besitzen. Uebrigens ist es nicht richtig, daß alle Juden des Reiches gemeinsame Sache mit den Sozialisten machen, und noch weniger mit den Konspiratoren und den Terroristen. Wenn eine Anzahl russischer Juden anarchistischen Tendenzen huldigt, so ist dennoch der Gedanke, daß sie diese Tendenzen nach Rußland gebracht haben, abzuweisen, sie sind der russischen Atmosphäre entnommen, der russischen Intelligenz, die man Nihilisten nennt. In Wirklichkeit sind es weder die so verabscheuten Juden, noch die gefürchtetsten, „Russischen Männer" oder die Absolutisten, weder die Revolutionären, noch die Sozialisten des Bundes, noch die Zionisten, die von einer jüdischen Republik träumen; in der Tat sind es die Liberalen, die Freunde der „K a d e 11 e n", die sich bemühen, in Rußland die Prinzipien des westlichen Liberalismus zu verbreiten. Jene hegen die lebhaftesten Antipathien gegen die von Milrakow geleitete politische Gruppe. In Rußland, wie in anderen Ländern, ja auch in Deutschland und Oesterreich-Ungarn ist eine der häufigsten Beschwerden gegen die Juden die, daß sie einen zu großen Platz in der Presse einnehmen. Um diese von der „semitischen" Herrschaft zu emanzipieren, hat einer der bekanntesten Journalisten von Petersburg, Mentschikow, in dem verbreitetsten russischen Blatte, dem einzigen, das der Zar liest, der „Nowoje Wremj e", eine Maßregel vorgeschlagen, die nur im Kopfe eines Russen entstehen konnte. Mentschikow hat ein Gesetz verlangt, das den Juden verbieten soll, in anderen Blättern als in jüdischen, ohne Zweifel hebräisch oder im Jargon, mitzuarbeiten. Es ist wahr, daß der nationale Publizist beabsichtigte, eine ähnliche Behandlung auch für die Polen, die Armenier, alle „Fremden**, alle Nationalitäten, die Rußland unterworfen sind, vorzuschlagen. Die russische Presse soll nach diesem Patrioten das Monopol der „wahren Russen", d. h. der orthodoxen Russen werden. Und damit dieses neue Privileg ihnen nicht heimlich geraubt werde, verlangte der Schreiber der „Nowoje Wremja", daß das Gesetz zu gleicher Zeit jedes Pseudonym und jeden anonymen Artikel verbiete. Ein solches Beispiel zeigt, wie weit sich der Exzeß des groß-russischen Nationalismus und die Intoleranz der Leute versteigt, die vorgeben, im Namen des russischen Volkes zu sprechen. Die parlamentarische Geschichte hatte uns bereis den Irrtum der politischen Neulinge gezeigt, die sich einreden, daß das konstitutionelle Regime und die Einführung von Parlaments immer und sofort zum Vorteil der politischen Freiheiten, zum Vorteil der religiösen und nationalen Minoritäten ausfallen. Das Beispiel Rußlands läßt uns wieder einmal sehen, daß die Gegner des konstitutionellen Regimes und der religiösen Toleranz sich der Tribüne und der Prärogativen des Parlaments bedienen, um die neuen Freiheiten zu bekämpfen und sich der Ausdehnung der politischen oder bürgerlichen Rechte derjenigen zu widersetzen, die sie als Gegner betrachten. Die Finnländer, die Polen, die Israeliten, alle, welche die Russen unter dem Namen „inorodzy" oder Fremdlinge vereinigen, laufen Gefahr, hiebei eine traurige Erfahrung zu machen. In der III. Duma hat sich zwischen der äußersten Rechten und den Oktobristen eine „nationale" Gruppe gebildet, deren Programm alle russischen Untertanen, die dem orthodoxen Glauben fern stehen, beunruhigt. Wenn die religiöse Freiheit nur die Katholiken, die Protestanten, die Juden und die Muselmanen interessierte, könnte das Toleranzedikt vom April 1905 Gefahr laufen, bald nur ein toter Buchstabe zu sein. Zum Glück für die nächste Zukunft Rußlands ist dies nicht wahr. Die noch so nationalistisch gesinnten Russen können nicht leugnen, daß es unter ihren Mitbürgern russischen Blutes Millionen gibt, welche die Autorität der offiziellen Kirche zurückweisen und das Recht für sich in Anspruch nehmen, Gott anzubeten und ganz frei Christus zu dienen nach den Gebräuchen ihrer Vorfahren und den Bedürfhissen ihres Glaubens. Und wie auch die Freiheit verderblich ist und wie es auch unbequem ist, sie an einen geschlossenen Ort zu verweisen, so ist es doch erlaubt zu hoffen, daß sie schließlich auf alle Einwohner des ungeheuren Reiches sich erstrecken und zum Nutzen aller beitragen wird, durch Annäherung der Menschen und Rassen im gemeinsamen Vaterlande. Moses Richter (New-York): Der Czortkower "Rabbi. An der Spitze der galizischen Chassidim stehen zwei Wunderrabbis: Der „Czortkower" und der „Beizer". Die Dynastie des Czortkower Rabbi entstammt vom „Ryzyner", der sieh in Galizien niedergelassen hatte. Rabbi Moses Dawid war unter den Söhnen des Ryzyner Rabbi der Fähigste. Zwar haben die anderen Söhne, unter denen sich der „Sadagoraer" und der „Husiatyner" befanden, auch einen großen Anhang gehabt, allein Rabbi Moses Dawid, wurde durch sein geniales Wesen das Haupt der Familie. Noch heute fühlt sich die ganze Familie durch die Anwesenheit des „Czortkower" bei einem Feste oder bei einer Hochzeit hochgeehrt. Ehen werden nur unter Familienmitgliedern geschlossen. Die Familie hat kein Bürgerrecht in Galizien und ihre Söhne sind von der Pflicht, in der österreichiscken Armee zu dienen, enthoben, weil sie in Galizien und in der Bukowina als türkische Untertanen kein Bürgerrecht besitzen. Der erste „Czortkower", Rabbi Moses Dawid, starb vor zehn Jahren. Sein Nachfolger ist sein Sohn, Rabbi Jisrultsche, welcher nach seinem Großvater benannt wurde. Es blieb noch eine Enkelin, die Tochter eines verstorbenen Bruders, zurück, die sich der jetzige Rabbi als Schwiegertochter auserwählte; aber durch „Hof-Intriguen" kam das junge Paar auseinander und die Ehe wurde gelöst. Der alte Czortkower hatte seine Enkelin Sara sehr geliebt und nach seinem Tode fiel ihr eine Erbschaft von fünfundfönfzigtausend Gulden zu. Sie heiratete dann einen

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