Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 18 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18 „Neue National-Zeitung' Seite 3 Die neue Polenklub-Partei. Im Polenklub soll jetzt, nachdem die Gegensätze scharf aneinanderstoßen, eine neue Partei entstehen. Die blutarmen Demokraten Krakauer Kouleur, die halben Allpolen, die wohl Karriere machen, aber im Interesse des teueren Mandates nicht den Statthalter vor den Kopf stoßen möchten, und schließlich die vier Hausjuden, die unstett und flüchtig zwischen den Parteien herumpendeln, wollen sich zu einer neuen Fraktion zusammenschließen. Ihr Programm entspricht auch ganz dem Charakter ihrer Mitglieder : sie möflhten und möchten nicht. Sie sind judenfreundlich, aber .... Der Judenpunkt des Programmes lautet: „In der Judenfrage betrachten wir nach jeder Richtung, nicht nur in der Theorie, sondern auch praktisch, alle diejenigen Juden als Polen, die nicht nur mit ihren Worten (l) sondern auch mit ihren Taten Polen sind. Wir müssen entschieden alle separatistischen Strömungen bekämpfen. Wir müssen uns im vitalsten nationalen Interesse, welches in der Anzahl polnischer Mandate im Osten des Landes sowie in der Notwendigkeit der Loslösung der Juden vom Sozialismus (Warum nur der Juden? Anm. d. Red.) und von dem uns feindlichen Zionismus zum Ausdruck kommt, bemühen, die jüdischen Volksmassen für unsere nationale Politik zu gewinnen — und zwar durch eine ernste Berücksichtigung des jüdischen Massendends bei unserer volkswirtschaftlichen Arbeit und durch Unterlassung alles dessen, was als eine Zurücksetzung der Juden angesehen werden könnte." Der Verfasser dieses Programmpunktes meint es vielleicht gut, aber er scheint die letzten Jahre verschlafen zu haben. Auf diesen Leim gehen heute keine jüdischen Gimpel mehr. Hands off — Herr Geheimrat Geiger! Es geschieht bereits zum zweitenmale, daß der Herr Geheime Regierungsrat Dr. Geiger sozusagen seine Nase in Dinge hineinsteckt, die ihn gar nichts angehen. Wenn es schon dem Herrn Geheimen Kommerzienrat Rudolf M o s s e als Eigentümei der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" gefallen hat, auch einen „Geheimen" von seiner Studierstube weg, wo er sich mit Literaturgeschichte abgeplagt hat, zum Chef einer jüdischen Zeitung zu machen, so sollte man glauben, daß sich Herr Professor Geiger bei der Behandlung jüdisch-politischer Fragen als Neuling etwas Reserve auferlegen wird. Aber der Herr Professor scheint fest an den Spruch zu glauben : Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch den nötigen Verstand. Und so erweist er uns plötzlich die Ehre, sich auch mit den jüdisch-politischen Verhältnissen unserer Monarchie zu beschäftigen, als ob die österreichischen Juden für ihr soziales Wirken oder politisches Verhalten die Ratschläge des reichsdeulschen Literaturhistorikers gar nicht entbehren könnten. Herr Professor Geiger hat sich bereits einmal blamiert, als er die Schandartikel des dummdreisten Renegaten und Reklamejägers Lessing gegen die galizischen Juden veröffentlichte. Seitdem weiß man, was man von seinem neugebackenen journalistischen Talent zu halten bat. Offenbar genügte ihm der eine Mißgriff nicht und so hat er, weil ihm die deutsche Judenheit wahrscheinlich zu wenig Stoff liefert, eine „Rosegger-Affäre14 in Oesterreich konstruiert. In einem Berliner jüdischen Blatte war nämlich von einem Wiener Autor ein Artikel veröffentlicht worden, worin der antisemitische Geist des „Deutschen Schul Vereines" geschildert und die Loslösung von diesem Vereine und seinen Stiftungen, also auch seiner Rosegger-Stiflung, als Gebot judischer Selbstachtung erklärt wurde. Wer die Verhältnisse in Deutschösterreich und die Entwicklung des Schulvereines bis zu seiner jetzigen „Judenreinheit" kennt, wird dem Verfasser lebhaft zustimmen. Anders aber der Berliner Geheimrat. Er packt den Artikel zusammen und interviewt schriftlich Rosegger über den Antisemitismus. Natürlich bestreitet Rosegger die antisemitischen Tendenzen des Schulvereines und gibt von sich den klugen Satz, den sich die Juden merken sollten, daß der Schulverein beim Geldnehmen keinen Unterschied macht. Herrn Geiger genügt dies und er hat „eine wirkliche Freude". Das Nächste wäre, daß er dem Schulvereine beitritt. Wenn er dann selbst den obligaten Faßtritt bekommt, dann wird ihm vielleicht endlich die Lust vergehen, uns von Berlin aus zu schulmeistern. Botschafter Oskar Strauss in Petersburg. Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Nordamerika, Oskar Strauss, hat sich, um nach Rußland reisen zu können, vom russischen Minister des Innern eine spezielle Bewilligung erbetteln müssen. Diese persönliche Demütigung des Botschafters ist auch gleichzeitig ein Beweis, daß die nordamerikanische Regierung trotz der feierlichen Versprechungen Tafts vor der Präsidentenwahl und trotz der Urgenzen der hervorragendsten jüdischen Politiker in Washington dem Wunsche ihrer jüdischen Bürger auf Anerkennung der Pässe in Rußland bisher in Petersburg nicht den gebührenden Nachdruck verschafft hat. Es fehlt daher nicht an Stimmen in den Vereinigten Staaten, welche alle Zusicherungen des Staatssekretärs für bloße Phrasen ansehen und die Ueberzeugung aussprechen, daß es der Regierung gar nicht ernstlich um eine Intervention zu tun ist. Der Fall Oskar Strauss beweist, daß Onkel Sara trotz aller Großsprecherei nicht die genügende Macht hat, seinen jüdischen Staatsbürgern im Auslande eine gleiche Behandlung zu garantieren wie seinen Christen oder sogar seinen Negern. 1D f)ie jüdische Ackerbauschule Slobodka lesna *) Während des vergangenen Jahres hat sich diese Anstalt noch mehr entwickelt. Der Unterricht ist meist praktischer Natur, die theoretischen Fächer nahmen während des Sommers lediglich einige Stunden wöchentlich in Anspruch. Dagegen wird im Winter der theoretische Unterricht durch vier Stunden täglich, und zwar in Landwirtschaft, Mathematik, Polnisch und Deutsch betrieben. Am Freitag und Samstag wird das ganze Jahr hindurch Religionsunterricht ert ilt. *) Seitdem vor zwölf Jahren unter Beihilfe einiger jüdischer Großkapitalisten das Gut des galizischen Landsmann-Ministers Jedrzejowicz in SJobodka lesna an die Ica übergegangen ist, hat man von diesem Orte und der darin errichteten Ackerbauschule nichts gehört. Bios der Jahresbericht der Ica wußte in trockenen Ziffern von dem Entwicklungsgange der Schule zu erzählen. Die jüdische Bevölkerung nahm an derselben bisher gar kein Interesse, wofür nicht der letzte Grund darin zu suchen war, daß sich die Schule allzusehr von der Oeffentlichkeit abschloß und dadurch ihre Vorteile für das jüdische Proletariat viel zu wenig bekannt wurden. Die Frage der landwirtschaftlichen Betätigung der Juden tritt anläßlich der Enquete wieder in aktueller Form auf die Tagesordnung, und wir glauben durch Veröffentlichung des letzten Berichtes über den Stand der einzigen jüdischen Ackerbau schule in Galizien etwas Material nach dieser Richtung vorzubereiten. Daß der Bericht nur wenige trockene Ziffern enthält, aber viele wesentliche Angaben, insbesondere über die Unterbringung, die Verwendung und die Chancen der absolvierten Zöglinge vermissen läßt, ist leider sehr zu bedauern Anm. der Red.