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Neue Nationalzeitung · 1910-09-02 · Heft 18 (2.9.1910) · p. Seite 2

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 18 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 18 Moses Kanarek, Sohn des Rachmiel Kanarek, Großgrundbesitzer bei Tarnobrzeg. Es klingt sehr merkwürdig und doch ist es Tatsache: In der Partei, die als ihr wichtigstes taktisches Ziel die Vertreibung und Aushungerung der Landjuden aufgestellt hat, ist Moses Kanarek ein Führer. Die antisemitischen Allpolen, die sich mit Pater Stojalowski liiert haben, zählen unter ihren 15 Abgeordneten zwei Juden — Gold und Gall; die Partei Stapinskis hat den Beweis erbracht, daß in unserem Zeitalter auch eine Bauernpartei über einen Hausjuden verfügen muß. Kanarek ist nicht bloß Soldat, er ist im Besitze einer Vertrauensstellung. Die Bauern von Tarnobrzeg haben ihn zum Präsidenten ihres Bezirkskomitees gewählt und in dieser Eigenschaft ist er Mitglied der Zentralleitung, der obersten Parteiinstanz. Ob er auch in der Lage ist, die Parteibeschlüsse und Enunziationen zu beeinflussen, das entzieht sich unserer Kenntnis. Aber er kennt sie; er weiß also, daß die Polnische Volkspartei den Juden viel gefährlicher ist, als alle Wiener Ghristlichsozialen oder sonstigen Rassenantisemiten. Diese Partei hat in ihrem Programme keinen Judenpunkt, sie heuchelt sogar demokratische Anschauungen, Aber sie schlachtet grausame jüdische Hekatomben. Die Volksparteiler versuchen es gar nicht, ihr antisemitisches Vorgehen wissenschaftlich oder sonst theoretisch zu bemänteln, sie sind brutal offen. Sie predigen also gar nicht gegen die Karczma und den Alkohol, sondern sie wollen selbst den Branntwein ausschänken. Daher müssen tausende jüdischer Existenzen über Nacht vernichtet und aus den Dörfern hinausgeschafft werden. Ote toi, que j' y me mets. Und Moses Kanarek, der mit seinem Typus, seinem Exterieur, seinen Familientraditionen den Landjuden noch nicht abgestreift hat, sitzt in der Zentralleitung dieser Partei. Er kann sich allerdings über den Antisemitismus nicht beklagen; er erfreut sich sogar der Freundschaft des Chefs selbst. In derselben Nummer, worin frohlockend die Vertreibung der jüdischen Schanker vom Lande geschildert wird, [rindet sich an leitender Stelle ein Artikel Stapinskis „An die geistlichen Politiker". In diesem Artikel verteidigt Stapinski seine Partei wider den in polnischen christlich-sozialen Blättchen erhobenen Vorwurf der Verjudung. Die Volkspartei, die die Landjuden im Einvernehmen mit dem Statthalter aushungert — „verjudet"! Sie muß sich aber diesen Vorwurf gefallen lassen, wegen ihres — Kanarek. Doch das geniert Herrn Stapinski nicht. Er besteigt das Piedestal des demokratischen Volksmannes, drückt Herrn Kanarek fest an die Brust und ruft aus: „Wir Volksparteiler haben nur ein klaresZiel, das wir anstreben. Wir wollen eine Bauern-Armee schaffen behufs Verteidigung der bäuerlichen Interessen. Wer sich dem widersetzt, ob Gutsherr oder Geistlicher, ob Beamter oder Jude, der ist unser Gegner und den werden wir bekämpfen. Wer aber unser Ziel anerkennt und uns beisteht, der ist unser Freund, der verdient unseren Dank. Die Bauern des Bezirkes Tarnobrzeg wissen sehr gut, warum sie sich Moses Kanarek zum Präsidenten erkoren haben. Denn er dient seit Jahren ihren Interessen in aufopferungsvoller Weise. Und es kann kein vernünftiger Mensch verlangen, daß die Volkspartei eine ehrliche Arbeit in ihrem Dienste nicht anerkenne." Herr Stapinski unterscheidet da zwei Kategorien; die ihm helfen und die sich ihm widersetzen. Den ersten will er danken, die letzteren muß er bekämpfen. Warum bekämpft er aber, warum vernichtet er die armen Juden, die sich ihm nicht widersetzen, die weder ihm noch seiner Partei die Kreise stören? . .. . Hier versagt schon die Logik des Herrn Stapinski. Der Vernichtungskampf gegen die Landjuden, wie ihn Stapinski führt, ist der Appell an die Habgier, an den brutalsten Egoismus der polnischen Bauern. Zuerst geht es gegen die jüdischen Schanker. Dann könnte an die jüdischen Pächter und Großgrundbesitzer die Reihe kommen. Vielleicht denkt Herr Moses Kanarek einmal darüber nach. L. POLITISCHE RUNDSQH/W. Der Thronfolger beim Baron Rothschild. Die Tagespresse, speziell soweit sie in Diensten der Rothschild'schen Banken steht, hat in der ausführlichsten Weise den eintägigen Besuch des Thronfolgers beim Baron Albert Rothschild behandelt und die verschiedensten Hypothesen über die Gründe dieses Besuches aufgestellt. Zwischen den Zeilen wurde auch versucht, aus diesem Besuch auf die politische Gesinnung des Thronfolgers, respektive auf eine Aenderung in derselben zu schließen. Daß hier nur leeres Stroh gedroschen wurde, ist klar. Dieser Besuch ist von jüdischem Gesichtspunkt ganz bedeutungslos. Die Familie Rothschild repräsentiert in der Bilanz des Judentumes nur den Wert eines Kultursteuerzahlers — sonst nichts. Gesellschaftlich und politisch bedeutet sie für das Judentum eher eine Last, als eine Aküvpost. Die 20.000 Kronen, die Baron Rothschild jährlich an Kultussteuer zahlt, machen ihn zwar zum Beherrscher des Wiener Kultusvorstandes, aber sie wiegen nicht auf jene Unsumme von Haß und Verfolgung, die der arme Jude seinethalben ertragen muß. Der Besuch des Thronfolgers war jedenfalls bloß eine persönliche Auszeichnung. Jüdische Agenten und antisemitische Spekulanten. Der Strafprozeß, den die Wiener Baukreditbank wider einen Erpresser angestrengt hat, endete mit dessen Verurteilung. Aber es hat sich gezeigt, daß diese Bank, die von Generalstabschef der antisemitischen Armee gegründet und von dessen Sohn geleitet ist, nur mit einem Heer jüdischer Agenten ihr Auskommen findet. Antisemitische Gründer und jüdische Agenten unter einem Hut — das ist die neueste Phrase im Kampfe der Wiener Christlichsozialen gegen die — „jüdische Korruption". Die Pläne des Herrn Stand. Herr Abgeordneter Adolf Stand trägt sich jetzt mit zwei großen Plänen, die er urbi et orbi verkündet: er will die hebräische Sprache in Galizien organisieren und eine Vereinigung aller jüdischen Abgeordneten der ganzen Welt schaffen .... Hat denn Herr Stand wirklich keine anderen Sorgen? Wäre es nicht eines jüdischen Abgeordneten würdiger, die jüdische Bevölkerung politisch aufzurütteln und wirtschaftlich zu organisieren, statt durch originelle Ideen auffallen zu wollen, deren Verwirklichung das Volks wohl keineswegs beeinflußt? Herr Stand scheint sich aber wohler zu fühlen auf dem Gebiete der Träumereien, als der praktischen Wirklichkeit. Diese überläßt er den Herrerr Kolischer und Loewenstein . . .

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