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Neue Nationalzeitung · 1910-09-02 · Heft 18 (2.9.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 18 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
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WCiONAL-ZEiOING RELRAUSGBBERI DrS.R.LflNÖAU: XII. JAHRGANG. WIEN, 2. SEPTEMBER 1910. Nr. 18. Jan Stapinski und Moses Kanarek. Der Vernichtungskampf, den der Führer der polnischen Volkspartei gegen die jüdischen Schänker aufgenommen hat, ist unseren Lesern aus mehrfachen Berichten bekannt. Stapinski hat sich im galizischen Landtag mit der ganzen Wucht seines politischen Einflußes dafür eingesetzt, daß nicht die bisherigen jüdischen Schänker, sondern in erster Linie die Gemeinden selbst und sohin seine Parteigenossen, die bäuerlichen Agitatoren, Schankkonzessionen erhalten. Gegen die Verleihung an die Gemeinden hat sich der Statthalter ausgesprochen; er hat vielmehr erklärt, daß in erster Linie die bisherigen Interessenten Berücksichtigung finden werden. Das scheint jetzt nicht vollständig zuzutreffen: die veränderte innerpolitische Lage Galiziens und speziell die politische Anbiederung Stapinskis an den Statthalter Bobrzynski wird die Vernichtung von tausenden jüdischer Existenzen zur Folge haben. In Westgalizien werden die Anhänger Stapinskis auffallend bevorzugt. Er rühmt sich selbst dessen in seinem Bauernblatt. In der letzten Nummer lesen wir: »Die Bemühungen der polnischen Volkspartei im Interesse der Bauern waren sehr erfolgreich. Im Bezirk Tarnobrzeg haben die Bauern 40 Prozent, im Bezirk Brzesko haben sie 52 Prozent der Konzessionen erhalten. Das kann uns noch lange nicht befriedigen. Unsere Aufgabe muß vielmehr darin bestehen, alle j ü d ischenSchänkervom Lande wegzuschaffen. Vorläufig aber mag es uns genügen, daß von Neujahr angefangen Gott sei dank einige tausende Gemeinden im Lande ihre jüdischen Schänker los werden. Diese glü c klichen Gemeinden mögen aber nicht vergessen, wie viel Arbeit dies die bäuerlichen Abgeordneten gekostet hat." Glückliche Gemeinden — wo den Bauern der Schnaps aus christlichen Händen kredenzt wird, wo zur Wahlzeit nur Partei-Branntweinschänker die Propaganda für Herrn Stapinski besorgen werden! Der jüdische Karczmarz muß dieses Dorf, wo er eine bescheidene aber doch gesicherte Existenz hatte, wo er vielleicht selbst geboren wurde und die Gebeine seiner Eltern ruhen, mit Weib und Kind für immer verlassen, um mit den rasch zu Geld gemachten Resten seiner Habe irgend in einem fremden Ort einen unsicheren Kampf ums Dasein aufzunehmen. Aber in der Politik gibt es keine Skrupel. Stapinski ist kein Gefühlsmensch. Wie unmenschlich, wie roh klingt doch dieser Satz: »Gott sei dank werden einige tausende Gemeinden von Neujahr angefangen ihre jüdischen Schänker loswerden." Wieviel Unglück, wieviel Tränen, wieviel Verzweiflung birgt in sich diese traurige mit diabolischem Frohlocken angekündigte Tatsache für tausende jüdischer Familien, Herr Stapinski zuckt aber nicht mit der Wimper. Er fürchtet nicht einmal, daß der Fluch dieser Tausenden seinen Namen in den Augen aller gesitteten Menschen mit dem Brandmal der Verachtung stigmatisieren könnte. Was sind dem Stapinski tausende jüdische Schänker? Er schreitet über ihre Leichen hinweg, im Namen seiner Partei und seiner Karriere. Nur ein Jude bedeutet für Herrn Stapinski sehr viel. Er schmiegt ihn an sich, er schützt ihn mit seiner Brust, er verkündigt sogar seinetwegen der Geistlichkeit den Krieg. Dieser Jude heißt: Moses Kanarek. Wer oft Gelegenheit hat, in die Parlamentskuloirs zu kommen, der bemerkt dort eine merkwürdige Gestalt. Barhäuptig, in kurzem Sakko, mit dem spärlichen, zerzausten, blonden Bärtchen, verrät sie dennoch den unverfälschten polnischen Juden, der noch gestern einen Sämtplüschhut, einen langen Rock und Seitenlöckchen getragen hat. Zappelnd bewegt sich das magere Männchen in Gesellschaft der schwerfälligen bäuerlichen Abgeordneten, die ihn als ihresgleichen mit einer gewissen Vertraulichkeit behandeln, auf die er stolz ist. Der Mann ist

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