Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1910-08-19 · Heft 17 (19.8.1910) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 17 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425801-2425819--1776-2428158
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17 „Neue National-Zeitung" Seite 11 „Du fürchtest dich vor dem Rebben?! (und sie schüttelt ihren Kopf). Du fürchtest dich? Und ich? Glaub mir, mein Jossele, ich kenne nicht Furcht und nicht den Tod, wenn d u nur willst! Doch, willst du etwa, daß ich mich fürchten soll?" Das sind böse Worte, denke ich mir, und laut sage ich: „Glaube mir, Deborah, ich will dir folgen, wohin immer und mein Herz ist bei dir. Aber die Menschen." Da wurde sie still. Sie hatte verstanden. Konnte sie mir ganz Unrecht geben? Ich fühlte, daß mir das Herz zerspringen wollte. Aber was war zu tun. Man mußte eben warten. Keiner wagte ein Wort zu sprechen. Und versonnen saßen wir im Grase. Ihr Kopf liegt an meiner Brust. Oft seufzt sie und ihr ganzer Körper bebt. So saßen wir, bis der Morgenstern aufging. Da standen wir auf, küßten und umschlangen uns. Sie ging heim und ich blickte ihr nach, wie sie In leichten, hurtigen Schritten fortlief. Ich blickte ihr nach, bis ich den Riegel an ihrer Tür knarren hörte. Ich hatte mein Pferd wieder angespannt und war kaum wieder auf dem Wagen, da hörte ich die Türe von Deborahs Haus wieder gehen und sehe das Mädchen auf der Schwelle. Sie steht still da, regungslos, ohne Wort, ohne Zeichen. Und mir wird so bang ums Herz, daß es mich nicht fortfahren läßt. Was sollte ich nur tun? Mitnehmen — nicht mitnehmen. Ich sehe keinen Weg. So ist's schlecht und anders auch. Sie aber regt sich nicht. Ich werfe die Zügel wieder hin und steige vom Wagen. Ich fasse ihre Hand und sage: „Deborah, sei nicht traurig, meine Deborah. Gott wird helfen. Nach Pfingsten wird alles werden." Sie hat kein Wort geantwortet, blickte mich nur starr und weinend an. Und als ich sie wieder und wieder küßte, preßte sie sich dicht an mich und ich fühlte küssend das Beben ihres jungen Leibes. Wir nahmen Abschied, still und lieb. Ich sprang auf meinen Wagen. Sie aber blickte mir nach, bis ich weit auf der Chaussee verschwand. Und in ihren Augen lag die Klage: „das letzte Mal." Wirklich — das letzte Mal. Die Mutter hatte ihr vorgeredet, daß die Hochzeit auf Sabbat Nachmu verschoben sei. Vielleicht könnte dieser fromme Trug die Tränen hemmen in Deborahs Augen. Als aber Pfingsten vorüber war, den Freitag darauf, hatte die Mutter zehn Männer herbeigerufen. Vier hätten das Tuch des Trauhimmels gehalten und die Geschichte war fertig. — Aus! Der Himmel wurde bleich und bleicher, das Sterngefunkel wurde matt und verlosch wie ein Jahrzeitlicht. Der Mond senkte sich tief zur Erde herab und rot, als wäre er trunken vom Blute, guckte die eine Hälfte über den Horizont hervor und warf einen letzten traurigen Blick auf das Haus, vor dem wir hielten. Ich blickte Jossei an, der versonnen dastand und sagte: „Was wollen wir hier noch länger stehen!?" Er antwortete: „Sie haben Recht". Und er setzte seinen Fuß auf das Vorderrad. „Sie haben Recht. Ich habe hier garnichts mehr zu suchen."--- Vorwärts, mein Pferdchen! Hopp! Unter dem Striche der „Arbeiter- Zeitung". Von Friedrich dem Großen wird erzählt, er sei nach der Schlacht hei Kunersdorf über das Schlachtfeld geritten und als er hier die gefallenen Russen, Franzosen usw. sah, habe er in seiner derben Manier ausgerufen: »Und mit solchem Pack muß ich mich herumschlagen". Wenn wir Juden die große Walstatt betrachten, auf der wir unsere Kämpfe auszufechten haben, möchten wir in die Worte des preußischen Königs einstimmend ausrufen: Verschiedenartig ist das Pack, mit dem wir uns herumschlagen müssen. Und die Kunschaks und Schneiders, Bielohl aweks und Verganis. sind vielleicht nicht einmal die Aergsten in dieser Gesellschaft. Seit den ältesten Zeiten sind die Renegaten, die aus unserer Mitte hervorgegangen sind und im blindwütigem Kampfe, um nur ja nicht an ihre Abkunft erinnert zu werden, den meuchlerischen Dolch gegen uns zückten und das Gift ihrer Verleumdung gegen uns ausspritzten, die widerlichsten unserer Feinde gewesen. Und ein Ekel ergreift uns, wenn wir diese Schwätzer, die uns mit ihrer verleumderischen Zunge vernichten möchten, in die Schranken zurückweisen sollen. Von Zeit zu Zeit läßt unsere angebliche Beschützerin, die „Arbeiter-Zeitung" und wie sie von den antisemitischen Kolleginnen genannt wird, das Organ der „Judenschutztruppe* irgend einen ihrer giftgeschwollenen Mitarbeiter gegen uns los, dem die „zionistischen Kindsköpfereien" in der jüngeren Generation des Judentums nicht gefallen wollen. Es ist ein gewisser Stephan Großmann, der wieder einmal gesprochen hat. Und was er redet ist Gift und was er schimpft ist Galle.*) Wir kennen ihn schon, den Stephan. In unserer Erinnerung lebt noch die „Besprechung" des Romanes Schnitzlers „Der Weg ins Freie". „Genosse" Großmann bedauerte damals, es war vor etwa zwei Jahren, sehr, daß Schnitzler einen „Juden-Roman" geschrieben hat. Und, daß diese Juden alle so edle Mensehen sind, dies schmerzte ihn noch mehr. Freilich, wenn Schnitzler Großmann gewesen wäre, er hätte einen „Welt-Roman" geschrieben. In diesem wären die Juden als das erschienen, was sie in Stephans Gehirn eigentlich sind: Degenerierte Schacherseelen, plötzlich reich gewordene Börsianer und das jüngere Geschlecht, das hätte sich aus Jünglingen zusammengesetzt, für die es „kein Zurück ins Ghetto", denen aber auch die Fähigkeit fehlt „zum stillen Einleben in eine andere Welt". Bestenfalls wären es „zionistische Kindsköpfe" gewesen, denen jeder „natürliche Scharfblick" fehlt. Stephan hat geredet, das Urteil über das moderne Judentum ist gefällt. Gehet hin und bessert euch, wählet Großmanns Teil. Jetzt aber fragen wir, wo hat Stephan also gesprochen? Hat er wieder eine Rezension über einen „Juden-Roman" von sich gegeben? Wir wüßten nicht. Unter dem Striche der vorletzten Sonntagsnummer der „Arbeiter-Zeitung" (ob wohl ihre Artikel von Arbeitern wirklich gelesen und verstanden werden?) findet sich die neueste Offenbarung des Kritikers Stephan Großmann, betitelt: „Der Roman des bürgerlichen Nihilisten". Unter diesem hochtrabenden Titel birgt sich eine Rezension (lucus a non lucendo) des neuesten Romans Jakob Wassermanns „Erwin Reiners Masken", der unendlich viele Spalten der „NeuenFreien Presse" fällte und * Aber nur in der „Arbeiter-Zeitung"! Dieser Genosse ist nämlich gleichzeitig ständiger Feuilleton-Mitarbeiter des „Berliner Tageblatt", welches dem Inhaber des bekannten Annoncen-Bureaus und Mitglied des Berliner Kultus Vorstandes, Herrn Rodolf Mosse, gehört. Der gewesene theoretische Anarchist, der in "Wien antisemitische Tendenz-Kritiken ablegt, verschmäht es also gar nicht, gleichzeitig von einem klerikalen Juden — das ist ja nach der „Arbeiter-Zeitung" jeder Kultusvorsteher — eine fette Pfründe zu beziehen. Anm. der Red.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.