Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 17 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'* Nr. 17 jetzt in Bachform erschienen ist. Um es gleich im Vorhinein xu sagen: Wir hätten es lieber gesehen, wenn der hochtalentierte Verfasser der „Juden von Zirndorf, von „Alexander in Babylon*, des „Kaspar Häuser" sich einen andereren Stoff gewählt hätte, als den in seinem neuesten Romane behandelten. Der Inhalt ist sehr kurz anzugeben: Ein junger, reicher Wüstling, der bereits den Becher der Lüste bis zur Neige geleert hat, wird, sonderbarerweise, von seinem Freunde, der sich auf eine Weltreise begibt, zum Beschützer oder besser Bewacher des mit ihm verlobten Mädchens gemacht. Ihre Tugend und Standhaftigkeit werden die Wellenbrecher in dem Kampfe, welche der rücksichtslose Wollüstling gegen die Sittenstrenge des jungfräulichen Mädchens führt. Natürlich endet die Geschichte mit dem Selbstmorde des übersättigten Menschen, des Bockes, der von seinem Freunde zum Gärtner gemacht wurde, während der Freund zurückkehrt und die Virginia bürgerlich, sittlich heiratetet. Wir nehmen wohl mit Recht an, daß die meisten Leser dieses Romanes Wassermanns nur die Schönheit der Form und Darstellung, die Gewalt und der hinreißende Glanz der Sprache entzückt haben. Doch, das zu beurteilen ist nicht unsere Sache und auch nicht der Zweck dieser Zeilen. Was hat nun dieser Roman, der ein sehr aktuelles Kapitel unserer allgemeinen, gesellschaftlichen Zustände behandelt, aus welchem Alte und Junge ohne Unterschied des Bekenntnisses und Geschlechtes, wahrhaft nützliche Lehren ziehen können, was hat dieser Roman mit den Juden zu tun? Das müssen die neugierigen Leser der Stephan Großmann-Fragen nachlesen. Sein Scharfsinn hat herausgefunden, daß der Typus „Erwin Reiner" am üppigsten auf dem Boden des Judentums gedeiht oder, genauer ausgedrückt, auf dem Boden jener jüdischen Familien „die plötzlich reich geworden und den Sprößling jäh aus der eroberten kommerziellen Welt heraus in eine rein geistige Atmosphäre versetzen". Wir sind gewiß die Letzten, welche gewisse ni eh t jüdische Erscheinungen, wie wir sie leider in den Kreisen unserer jüdischen Finanzwelt wahrnehmen, billigen werden; aber wer gibt dem Herrn Großmann von der „Arbeiter-Zeitung" das Recht, sich auf den hohen Stuhl des Kritikers zu setzen, eine Philippika gegen den „Degenerationstypus" loszulassen, der in „jüdischen Familien" am leichtesten gedeiht? Wo, an welcher Stelle, spricht Wassermann davon, daß Erwin Reiner einer jüdischen Familie entstammeV Der Dichter hat vielmehr den Typus der geistreichelnden, übersättigten Wollüstlinge schildern wollen, denen nichts mehr heilig ist. Und wir denken, diesen Typus findet man in den verschiedensten Salons, ohne Unterschied des Bekenntnisses. Aber die Kritiker von der Sorte Stephans, vollgesogen von Vorurteilen, von denen sie sich, trotz ihres Austrittes aus dem Judentum, nie) t befreien können, obgleich sie angeblich für Menschenbefreiung kämpfen, doktrinäre, kleinliche Naturen, die sich zur Höhe wahrer, freisinniger Weltanschauung nicht erheben können — für die gerade so, wie für die Kollegen vom „Deutschen Volksblatt" der Judenpunkt jener Pol ist, um den sich ihr bischen Verstand dreht und über den ihre ganze Weisheit nicht hinauskommt, diese sogenannten Rezensenten, sie benützen jeden Anlaß, um den Juden eins am Zeug zu flicken; bietet sich dieser Anlaß nicht von selbst dar, so ziehen sie ihn bei den Haren herbei. Ein Großmann wagt es, uns Juden, die wir alles, was wir besitzen, erringen und erkämpfen müssen, zu sagen: „Es bleibt für uns nichts übrig als ein leeres Leben in Masken*. Und dann kleidet er sich in den Mantel seiner Belesenheit und ruft aus : „Der genialste Seelenkenner unserer Zeit, nichts weniger als ein Judenfeind, hat die Juden das eigentliche Schauspielervolk genannt", er spricht „von ihrer Lust an der Verstellung, ihrer Falschheit mit gutem Gewissen dem inneren Verlangen in eine Rolle und Maske, in einen Schein hinein". Wir aber geben Großmann den Rat, sich in Kreisen, die ihm näher stehen, umzuschauen, dort wird er die Masken der Verlogenheit, der Verstellung und Falschheit viel eher finden, er braucht nicht allzusehr in die Ferne zu schweifen, er hat das Schlechte so nah. Das ist die Manier der verschämten und unverschämten Antisemiten: Fehler gewisser, von uns gewiß nicht verteidigten Menschenklassen zu verallgemeinern, und sie der Gesamtheit, anzuheften. Das nennen dann die Herren Menschheitsbeglücker Gerechtigkeit, Wahrheit. Wir aber und mit uns alle Vorurteilslosen, haben dafür eine andere Bezeichnung. Doch, ich glaube, wir hätten uns nun mit der ästhetischen Würdigung, die Stephan dem Romane Wassermanns zuteil werden läßt, genügsam, mehr als sie wert ist, beschäftigt. Wassermann sowohl, als auch wir, können jedoch, wenn wir Stephans Worte in der „Arbeiter-Zeitung" lesen, ausrufen: Der Herr behüte uns vor unseren Freunden, mit unseren Feinden werden wir schon selbst fertig werden. Vielleicht aber erinnern sich die Juden, wenn wieder die Wahlzeit kommt, was das Organ für „Freiheit und Menschenrechte", über sie geschrieben hat, über ihre „Falschheit und Lust an Verstellung". Dann gibt es auch für uns ein Philippi, wo wir uns wiedersehen. Iwri. Notizen. Sehiffsnachrichten. Hamburg-Amerika - Linie. Die nächsten Abfahrten von Post- und Passagierdampfern finden statt: Nach Newyork: I4./8. Postdampfer Pennsylvania. 18./8. Postdampfer Kaiserin Auguste Victoria. 2;i./8. Postdampfer Patricia. 21./8. Postdampfer Blücher 25./8. Postdampfer Cleveland. 28./8. Postdampfer President Lincoln. 30./8. Schnellpostdampfer Deutschland. 1./9. Postdampfer Amerika. 4./9. Postdampfer President Grant. Nach Boston: 20.<8. Postdampfer Patricia. 6./9. Postdampfer Bosnia. Nach Baltimore: 20./8. Postdampfer Patricia. 6. 9. Postdampfer Bosnia. Nach Philadelphia : 20./8. Postdampfer Dortmund. 3 /9. Postdampfer Pisa. Nach New- Orleans über Newport News: 24./8. Postdampfer Barcelona. Nach Quebec-Montreal: 12./8. Postdampfer Willehad. 2. 9. Postdampfer Prinz Adalbert. Hochfeines natürliches Tafelwasser Klösterle -Natürlicher Sauerbrunn Lirhion-Quelle. von Klösterle bei Karlsbad. — Ueberall zu haben. Niederlage: Wien, I., Sonnenfelsgasse 4. nMERIKRNI5GHE BUCHHRLTUNE5uhdBURERU- RMtRGEN UÜIEN-I WIESINGERtBIBERrnfr viSAVisPÖSTSPFIRKflSSH. JERRyi « p