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Neue Nationalzeitung · 1910-08-19 · Heft 17 (19.8.1910) · p. Seite 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 17 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 „Neue National-Zeitung* Nr. 17 FEUILLETON. A. M. Weissenberg: t)ie Widerspenstige. (Schluß.) Und wir gingen auf die Chaussee zu und setzten uns am Graben ins Gras. Und wie wir dasitzen, blickt sie auf den Himmel, als ginge sie nichts weiter an, als die stillen Sterne, die über unsern Köpfen funkeln. Ich für mein Teil gucke in die Welt hinein — so — und wenn ich auch mehr an uns beide denke, als an die ganze Welt umher, starre ich wie vergessen auf die verbogene Weide mit den flüsternden Blättern, die drüben an der Chaussee steht. Stille ist's ringsum. Und Deborah blickt, schier ohne zu atmen, immer auf die friedlichen Sterne. Ich kann mich nicht länger halten und frage: „Was suchst du denn da?" „Was soll ich da suchen?" „Zählst etwa die Sterne?" Sie antwortet: „Ich suche einen Stern, meinen Stern." „Nun, siehst du ihn?" „Meinst du, er ist so — hell?" Und sie wirft mir einen Blick zu. Sie stützt ihren Ellenbogen in den Schoß und läßt den Kopf auf ihre Hand sinken. Ich soll ihr nicht ins Gesicht sehen können- „Was ist dir, Deborah?" Ich fasse ihre Hand. „Gar nichts!" antwortete sie kurz. Und ich denke, sie sehnt sich nach ihrer toten Schwester und sage: „Nach so einer Schwester kann man sich wirklich bangen und sehnen. Aber was nützt das alles?" „Ach, nicht daß sie tot ist!" seufzt sie. „Was also?" „Daß ich lebe!" In ihrer Stimme zittern Tränen. Ich wurde still. Ihre Hand glitt wie von selbst von meiner. Ich fühlte, wie ein tiefes Mitleid mir am Herzen zupfte. „Du bist so still," sagt sie, „so still. Weißt du mir nichts zu sagen?" „Ich bin so still," antwortete ich, „denn ich weiß nichts zu sagen." „Du bist so still! Ja, es ist schöner zu schweigen." „Glaub' mir, ich weiß wirklich nichts zu sagen. Was sollte ich auch sagen? Was sollte ich auch wissen?" „Weißt du wirklich nichts," sagte sie, „oder willst du nichts wissen? Ach, es ist alles eins: im Wasser zu ertrinken oder im Feuer zu verbrennen. Nur zwei Worte: Willst du mich retten? Nimm mich von hier!" — „Warum das, und wohin?" frage ich erschrocken und mein Herz pocht mir vor einer bösen Ahnung. „Wohin du willst. Und wär's in die Weichsel hinein; nur fort aus meiner Mutter Stube." Und sie sinkt mir weinend ans Herz. „In die Weichsel? Du närrisches Mädel. Was ist denn bei Euch los?" Aber sie antwortet auf meine Frage nicht. Sie hört nicht. Öder will nicht hören, und als fürchte sie sieh, preßt sie immer wilder ihren Kopf an meine Brust, wie ein Schulbub sich an die Mutter drückt, der sich in tiefer Nacht vor Dieben fürchtet Ich frage dringlicher und das Herz will mir schier zerspringen. „Aber was ist denn geschehen?" „Noch nichts! Aber es wird kommen. Es wird kommen! Ich soll den Schwager heiraten." Wie sie das sagt, bebt ihr Leib. Und mir ist, als schnitte mir ein Glasscherben in die Seele. Und gewaltsam halte ich an mich. „Und was willst du tun?" „0, nichts!" Und sie hebt ihren Kopf von meiner Brust ab, als hätte ich sie gestochen. Sie blickt mir scharf ins Auge: „Wenn d u mich fragst, was ich tun will, dann ist's aus, dann kann ich nicht mehr leben." „Nein, du mußt Jeben! leben!" Ich umschlinge ihren Hals und bedecke ihre Wange mit Küssen. „Du wirst leben. Ich gebe alles drum." Und mein Kopf sinkt auf ihre Schulter und ich weine. Ein Schluchzen durchbebt ihren Körper und wie ich mich auch mühe, ihr streichend und kosend die Ruhe zu geben, ich schluchze nur mit. Und ich suche mich selbst zu stützen: „Steht's so? Was tut man da?" „Du sagst, was man tun muß," sagt sie schluchzend. „Sag du's!" bitte ich sie wieder. „Tu mit mir, was du willst." „Du! Ist die Hochzeit schon festgesetzt?" „Ja. Auf den Sabbat nach Pfingsten. Doch als ich wegen der Hast zu weinen anfing, haben sie sie für den Sabbat Nachmu — den Sabbat des Trostes — bestimmt." „Still nur," sage ich, „das ginge schon an, da kann man noch etwas unternehmen. Ich nehme dich zu mir, verstehst du, in die ganz fremde Stadt nach — nach Kaluschin zu meiner Mutter. Mut! Gott wird schon helfen." „Warte nicht, mein Jossei," fleht sie kosend. „Warte nicht. Ich hab so Angst." „Sei ohne Angst," sage ich und ich streichle ihr das weiche Haar, „es wird schon alles werden." „Nein, Jossei, nein! Nimm mich gleich, gleich auf der Stelle und wärs zu dir ins Haus," sagt sie verschämt. Da bleibe ich verwirrt stehen. Dumme Geschichte. Ein Einfall von einem Mädel! Nimm sie nach Haus! Gut. Ich machte es so. Ich komme in später Nacht daheim an, klopfe gegen die Fensterladen. „Mamme macht auf." Das Kettchen knarrt und ich und Deborah kommen rein. „Willkommen!" Meine Mutter ist eine kluge Frau und begreift schnell. Fragt so zum Anfang, wie um ihr auf den Zahn zu fühlen: „Deborah, was machst du Gu^es?" Mittlerweile hebt meine Schwester den Kopf vom Bett und guckt sich verwundert um, bald zu mir, bald zu Deborah, als will sie sagen: feine Geschichte! „Für seine ältere Schwester sorgt er nicht! Geschäfte hat er. Na, ja!" Aber das ist noch gar nichts. Kleinigkeiten. Und am Sabbat! Da wirds nur so regnen von Sticheleien. „Unsere Brüder" haben ein loses Maul. Ja,, wärs nicht so gekommen? Ich müßte doch daran denken, wenn ich ihr den Willen tun wollte, und so schlage ich ihr vor: „Höre nur, Deborah, du sprichst wie ein Kind. Deine Mutter wird dir nachlaufen bis in die Stadt und der Rabbi wird bald seinen Diener schicken."

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