Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 17 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 Neue National-Zeitung" Seite 5 Fremde geblieben zu sein, von den anderen Bewohnern, speziell den russischen Massen, isoliert zu halten. Man begnügt sich nicht damit, sie in das Innere des Reiches zu verschließen, man beharrt sogar darauf, ihnen die nationalen Schulen zu verschließen, die in analogen Fällen alle anderen Staaten, z. B. Amerika mit gutem Gewissen als das wirksamste Mittel der Nationalisierung betrachten. (Schluß folgt.) Ferienbrief aus dem Salzkammergut. Wie Sie also sehen, sitze ich wieder in dem bergumkrönten Mittelpunkte des prächtigen Salzkammergutes, um hier „die 3 Wochen", wenn auch nicht zu vertrauern, sondern doch zu verträumen. Und zu diesem süßen Schlafe der nervenstärkenden Langeweile singt ewig hernieder plätschernder Jupiter Pluvius sein Schlummerlied. Sei's darum. Man hat sich mit dem mißmutigen Gotte in diesem Jahre sozusagen abgefunden, wenn auch kalendermäßig, mit dem herannahenden Tischah-be-Ab, die Hundstagshitze, die Schweiß aus den Poren treibende, uns Saisongemäß, nach alter Ueberlieferung, heimsuchen soll. Da aber schon einmal die Welt auf den Kopf gestellt ist, läßt man sich in diesem Jahre, da heuer Komet erschien, welcher die Einweihung des Tempels durch Juda Makkabi sah und auf den Beginn des Judenkrieges gegen die Römer herniederblickte, vieles, wenn nicht alles von den außer Rand und Band geratenen Naturmächten gefallen. So sehe ich denn täglich von meinem hochgelegenen Fenster aus, wie die Wolkenschleier emporsteigen und Ziemnitz und Katrin — um Mißverständnissen vorzubeugen, sage ich sofort, daß dies Namen von Bergen sind — mit Schlafmützen umhüllen. Das ist etwas altes, sagen Sie, hochgeehrter Freund. Wir wollen Neues hören. Das Lese-Publikum schmachtet nach Neuigkeiten, wenn sie auch noch so unwahrscheinlich klingen. Neues aus Bad Ischl? Das klingt eigentlich wie eine contradictio in adjecto, wie unser Logiknrofessor so gelehrt zu sagen pflegte. Das ist eben das Neue aus Ischl, daß dieser Markt, welcher verkündet: In sale et sole omnia consistunt". ,.Im Salze und der Sonne besteht alles", ewig alt bleibt. Hier ändert sich eigentlich gar nichts, nicht das rauchige Cafe Ramsauer, in dem es von glattrasierten Gesichtern wimmelt, nicht die grünen Fensterläden, nicht die auf der Esnlauade bummelnden Alten beiderlei Geschlechtes natürlich auch nicht die Reinanken. spendende Traun. Reinanken, das sind nämlich die Ischler Forellen und sie schmecken gar nicht schlechtwenn sie in Butter gebraten sind und mit Kartoffeln verzehrt werden. Das mag ein Avis sein für unsere Konservativen, welche in ..den 9 Tagen" Tastensneise essen wollen. So können sie auch hier bei milchiger Kost sich daran erinnern, wie einstens nnse** Staatswesen, unsere Metronole. Jerusalem und der Temoel. zerstört wurden von den unersättlichen Römern. mag ihnen am ..Sabathe des Trostes" em Trost sein, T>och. wenr\ Sie durchaus Ne^po «mis Tsohl hören wnlfon nr»rl wir snhon einmal heim T^sen c-vnd. 7f»icre ir*» Thneu au. daß wV hier einen «enen koscheren Nährvater besitzen, den ich. nach den von mir gemachten Erfahrungen, bestens und wärmstens empfehlen kann. Der Mann führt den nicht seltenen Namen Kohn, und hat sich das unschätzbare Verdienst erworben, vortreffliche ungarische Speisen zu verabreichen. Denn, täuschen wir uns darüber nicht: es wird den Juden, welche „rituell", aber auch gut essen wollen, das Reisen nicht gerade leicht gemacht. Es gibt viele Orte, an denen die Nährväter mit den dazugehörigen Nährmüttern ein manchmal schon despotisch zu nennendes Monopol ausüben. Die herrlichsten Orte Tirols bleiben den koscher essen wollenden und sollenden Juden ohnehin verschlossen. An anderen Orten ist man wieder Einzelnen förmlich ausgeliefert. Eine gesunde Konkurrenz schadet, gerade auf dem Gebiete des Ernährungswesens, nicht. Sie sehen also, hochgeschätzter Herr Redakteur, wie das alte Ischl auf dem Gebiete der koscheren Küche sich wenigstens erneut und moderneren Anschauungen huldigt. Sonst könnte ich Ihnen Neues von hier wenig mitteilten. Ich sehe hier wieder die alten Gesichter behäbiger Wiener Glaubensgenossen und höre meist die echt magyarischen Laute unserer Brüder von der Hälfte jenseits der Leitha. Den ungarischen Juden gefällt es hier sehr gut. Ein Glaubensgenosse aus Arad, welcher von seiner Kehillah behauptete, sie hätte schon vor hundert Jahren mehr als freisinnigen Ansichten in Bezug auf die Religiosität gehuldigt — er muß das besser wissen als ich — versicherte, auch in seiner Heimat esse man nicht bessere Paprikafische als hier. Wie Sie sehen, bin ich schon wieder aut das Gebiet des Essens geraten. Jedenfalls bildet dies ein appetitliches Thema. Und man will sich doch auch einmal von Canalejas und Crippen, dieser, in den jetzt so faden Zeitungen immer wieder kehrenden Alliteration, emanzipieren. Reden wir also auch ein wenig von Zeitungen. — Während es nämlich so ewig von dem trübseligen, griesgrämigen \Himmel herniederrieselt, „als wollt' es sich nimmer erschöpfen und leeren" sitzt ein gewöhnliches Menschenkind, wie es Ihr bescheidener Korrespondent ist, im Lesesaale des Kurhauses. Den Dachstein kann und will ich nicht besteigen, ich bin von wegen des feindseligen Regengottes nicht einmal noch bis in die Mitte des Laufener Waldes gelangt, nach Kartenspielen stand nie mein Sinn; so vertiefe ich mich denn in die langweiligsten Feuilletons und leersten Leitartikel unserer „Weltblätter". Dann mache ich in dem Lesesaale meine Rekogno'szierungsgänge. Ich suche nämlich auch nach jüdischen Zeitschriften. Da kann ich lange suchen. Doch halt, man darf nichts verschwören, sagt Alfred de Musset: da sehe ich ein jüdisches Blatt hängen. Es wird n i e zur Hand genommen, ich kann es i m m e r haben, was in dieser grausen Regenzeit, von anderen Blättern nicht behauptet werden kann. Dieses Blatt nennt sich nun mit der üblichen Verschämtheit „Israelitische Zeitung". Es erscheint in Regensburg und enthält — wie mag wohl der Redakteur auf dieses Werk gekommen sein — den alten Roman des seligen D'Israeli „David Allrqy", natürlich in deutscher Uebersetzung. Ein anderes, aber jüdisches Blatt, findest du, geneigter Leser, im ganzen Lesesaale nicht. Wie wohl die löbliche Kurkommission von Bad Ischl gerade auf diesen enfernten Ableger des Israelitentums in Regensburg gekommen sein mag! Vergeblich zermartere ich mir darüber den Kopf, ich könnte selbst, wenn ich den Grafen Oerindur fragte, dieses Naturrätsels