Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 17 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 .Neue National-Zeitung" Nr. 17 zahlt und es ist daher hauptsächlich der Drang nach geistiger Betätigung, der die eingewanderten Jüdinnen zum großen Teil für den pädagogischen Beruf prädestiniert So finden wir daher die merkwürdige Erscheinung, daß die amerikanischen Kinder ihre englische Muttersprache bei eingewanderten Jüdinnen erlernen. Educational Alliance und Hebrew Institute. Zu den hervorragendsten Lehrinstituten, die für die jüdischen Einwanderer bestimmt sind, gehören die Educational Alliance in New-York und das Hebrew Institute in Chicago. Die Alliance wird hauptsächlich erhalten vom Bankier Jacob Schiff, der als der amerikanische Rothschild bezeichnet wird. Allerdings ist dieser Multimillionär mit seinen europäischen glaubensgenössischen Berufskollegen nicht zu vergleichen. Schiff begnügt sich nicht damit, bloß Geld herzugeben, sondern er beteiligt sich auch selbst aktiv an der Leitung des Institutes. Er hält Vorträge und zwar bald über Emigration, bald über die Verhütung der Schwindsucht u. s. w. Das Institut in Chicago verdankt wiederum seinen Bestand dem Inhaber des größten Versandtgeschäftes von Nordamerika, Julius Rosenwald. Dieses Institut ist nicht bloß ein Lehrhaus, sondern es kann auch als ein jüdisches Volkshaus angesehen werden. Hier befinden sich Säle für jüdische Versammlungen, eine Turnhalle, eine Synagoge, ein Kindergarten und Baderäume; hier wird in Abendkursen englischer Unterricht erteilt und es versammeln sich Männer und Frauen, um verschiedene Vorträge anzuhören. Solche Institute sind eben nur in Amerika möglich, wo jeder Jude sehr gerne für gemeinnützige Zwecke sein Scherflein beiträgt. Der Verband der galizischen und Bukowinaer Juden. Eine sehr große Rolle im sozialem Leben der Juden Nordamerikas spielt der „Verband der galizischen und Bukowinaer Juden", welcher mit seinen 400 Filialen unter der klugen Leitung seines Präsidenten Bernhard Semmel den Mittelpunkt des jüdischen Lebens in New-York bildet. Antisemitismus und Taufe. Die Juden assimilieren sich mit den Amerikanern nur insofern als sie amerikanische Patrioten werden. Eine Assimilation in dem Sinne, wie in Europa, daß man sich dem jüdischen Volksstamm entfremdet und in einem verschwommenen Panamerikanismus aufgeht, habe ich in Amerika unter den selbst gebildeten Massen der Juden nicht gefunden. Denn, eine zielbewußte Assimilation wie in Europa habe ich in Amerika nicht gefunden. Derselben steht in den höheren Schichten ein starker sozialer Antisemitismus entgegen. Auch die Mischehe als ein Mittel der Assimilation findet in der jüdischen Bevölkerung Amerikas wenig Verbreitung. Die Mischehe kommt nur vor in den niedrigsten sowie in den sehr reichen jüdischen Kreisen, allerdings auch hier nur in einem sehr kleinen Perzentsatz und nur in kleineren Städten, wo wenig Juden wohnen. Getaufte Juden habe ich in Amerika überhaupt nicht gefunden. Diese europäische Unsitte findet beiden amerikanischen Juden ein Lächeln der Verachtung. Die Rabbiner. In Amerika gibt es zwei Rabbinerseminare: ein orthodoxes unter der Leitung von Schechter in New-York und ein reformiertes unter der Leitung von Kohler in Cincinati. Es ist bekannt, daß die amerikanischen Rabbiner bedeutende Gehalte beziehen, die man in Europa gar nicht kennt. Dafür aber weichen die amerikanischen Rabbiner auch vielfach in ihrer Lebensführung von ihren Amtsbrüdern der alten Welt ab. Es ist in Amerika nichts außergewöhnliches, wenn ein Rabbiner gleichzeitig auch Arzt ist (Dr. S i 1 b e r s t e i n in St. Louis), oder wenn er gleichzeitig Bankbeamter ist (Dr. Rosen in Philadelphia). Ich kenne einen Fall, daß sich ein Rabbiner (Reverend Ab e 1 s o hn), als er einmal auf Urlaub ging, von seiner Frau vertreten ließ. Die Dame war gewiß um das Thema zur Predigt nicht verlegen, da ja bei den Reformern oft die neuesten Romane oder Theaterstücke von der Kanzel besprochen werden. Es gehört gar nicht zu Seltenheiten, daß Rabbiner in denKirchen predigen oder vor versammelten Christen den Gottesdienst abhalten, wenn deren in der Nähe gelegene Kirche umgebaut oder restauriert wird. Das ist eben amerikanisch. Die Zukunft der amerikanischen Juden. „Die Zukunft der Juden in der Diaspora liegt in Amerika", betonte mit allem Nachdrucke Herr Brainin. Auf eine weitere Frage, wie er dieses Urteil mit seiner zionistischen Weltanschauung in Einklang bringen kann, erwiderte Herr Brainin: „Gerade vom Standpunkt des Zionismus finde ich, daß die weitere Emigration nach Amerika dem Zionismus nur nützen kann. In moralischer Beziehung, weil die Juden als freie Bürger den Zionismus eher verstehen werden und in materieller Beziehung, weil ich von Amerika mehr als von allen anderen Ländern in Bezug auf die Unterstützung der jüdischenAnsiedlung in Palästina erwarte. In der Zukunft des Judentums wird uns Amerika ein neues Wort bringen. Dieses Wort heißt: Panjudaismus." POLITISCHE RMNDSQH/W. Der achzigj ährige Kaiser Kaiser Franz-Josef I. feiert am 18. August seinen 80. Geburtstag und alle Bürger dieses Staates, ohne Unterschied der Nationalität und des Religionsbekenntnisses, wetteifern in den Kundgebungen ihrer Loyalität und Anhänglichkeit. Daß die Juden diesem Staate und seiner Herrscher-Dynastie in unwandelbarer Treue ergeben sind, ist an maßgebendster Stelle wiederholt anerkannt worden. Wir aber sind bescheiden und haben uns bisher mit den Worten des Lobes begnügt. Bürgermeister Gaynor. Das Attentat, welches ein entlassener Bediensteter wider den Bürgermeister von New-York versucht hat, als derselbe gerade eine Europa-Reise unternehmen wollte, ist mißlungen. Gaynor ist zwar verwundet, aber sein Leben ist nicht gefährdet. Niemand hat diese Nachricht mit größerer Freude vernommen, als die Million der Juden von New-York. Sie haben in ihrem derzeitigen Bürgermeister einen treuen Freund und Beschützer,