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Neue Nationalzeitung · 1910-08-19 · Heft 17 (19.8.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 17 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NftCiONftL-ZEiCüNG XII. JAHRGANG. WIEN, 19. AUGUST 1910. Nr. 17. Meine Amerikareise, (Betrachtungen und Rückblicke.) Von Rüben Brainin. Im Mai ist Rüben Brainin aus Nordamerika zurückgekehrt, wo er während eines halben Jahres bis Kanada nach dem Norden und bis St. Louis nach dem Westen mit seinen hebräischen Vorträgen großen Enthusiasmus erweckt hat. Brainin ist seit jeher als scharfer Beobachter bekannt und er hat auch in einer Reihe von Artikeln, die er für die hebräischen und die Jargonzeitungen verfaßt hat, in sehr übersichtlicher Weise das geistige, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Leben der Juden in Amerika geschildert. Brainin, der sich gegenwärtig mit seiner Frau, die ihn auf allen seinen Reisen begleitet, in Marienbad aufhält, hatte die Freundlichkeit, mir in einer Unterredung die interessantesten Momente aus seiner amerikanischen Reise mitzuteilen und vor mir gewissermaßen Revue zu halten über die wichtigsten Beobachtungen seiner Reise. Dabei teilte er mir auch mannigfaltiges Material mit, das er bisher publizistisch noch nicht verwertet hat, um als alter Freund und Anhänger dieses Blattes seinen Lesern manche bisher noch ganz unbekannte Einzelheiten über die Juden in Amerika aus erster Hand mitzuteilen. Ich lasse nun Herrn Brainin selbst sprechen: Die Einwanderer. Der Charakter der Einwanderer hat sich in den letzten 10 bis 15 Jahren sehr geändert Es langen speziell aus Rußland Leute von Intelligenz und mit Kapital ein, die in Amerika Freiheit und Gleichberechtigung suchen. Es ist längst nicht mehr wahr, daß in Amerika alles nur nach dem Dollar jagt. Soweit die jüdischen Emigranten in Betracht kommen, entwickeln sie alle, sobald sie sich einmal satt essen können, ein Streben nach Idealen, nach jüdischer Wissenschaft, nach Kultur. Für alle Institute, die hier in Betracht kommen, geben sie gerne die notwendigen Geldmittel. In Amerika entsteht ein neuer jüdischer Menschenschlag; die Kinder der Emigranten sind körperlich und geistig gesund, sie entwickeln sich nach jeder Richtung harmonisch, während die eingewanderten Kinder noch überspannt und nervös sind. Die russischen Juden erfreuen sich jetzt, nach früheren zwei Perioden, wo sie zuerst als Bettler verachtet und dann als Anarchisten gefürchtet waren, allgemeiner Achtung. Sie scheuen vor keiner Arbeit zurück und während sie bei Tag schwer, arbeiten, um sich ihr Brot zu verdienen, widmen sie die Abende und Nächte ihrer Bildung. Es gibt eine Reihe hervorragender Juden in Amerika, Richter, Advokaten usw., die bei Tag Kohlen geschaufelt oder sonst schwere Arbeit verrichtet und erst durch das Nachtstudiuni die zu einer höheren Karriere notwendige Bildung erworben haben. Darin besteht eben der Unterschied zwischen den jüdischen und anderen, italienischen und polnischen Einwanderern, daß diese Leute ihr ganzes Leben Arbeiter bleiben, während der Jude zu geistigen Berufen hinaufsteigt. Die jüdischen Lehrerinnen. Die meisten Lehrerinnen in New-York, ebenso die Leiterinnen in den Volksbibliotheken sind Jüdinnen. Eine geborene Amerikanerin würde sich nie diesem Berufe widmen, bei dem es mehr auf den Idealismus als auf den Gehalt ankommt. Die Lehrerinnen in Amerika sind durchwegs nicht besonders glänzend be-

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