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Neue Nationalzeitung · 1910-08-05 · Heft 16 (5.8.1910) · p. Seite 11

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 16 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16 „Neue National-Zeitung" FEUILLETON. A. M. Weissenberg: Die Widerspenstige. (2. Fortsetzung.) „So! Sie meinten vorhin ihre Nacht, Jossei? So, so!" „Dachten Sie vielleicht, ich kümmere mich um Mond und Sterne? — Ja, von meiner Nacht sprach ich." „0, die interessiert mich sehr. Aber ich verstand eigentlich nichts von alledem, was da in der Stube vorging." „Liegt Ihnen was dran, das zu verstehen?" fragen mich seine funkelnden Augen. „Nun gut, so hören Sie mich an, und Sie sollen dann sagen, ob ich ein Mörder bin." „Ich fahre diesen Weg sehr oft, weil mich mein Geschäft hier vorbeiführt. Ich halte hier immer, um den Gaul zu füttern. Schon so lange, wie mein Vater tot ist. So etwa fünf Jahre. Das heißt: meine Mutter lebt noch und auch eine Schwester. Da muß man fürs Leben sorgen. Und so hab ich mir das Fuhrwerk zugelegt. Na, so fahr ich also hier ganz oft vorbei und halte hier dann immer, wie gesagt, eine, zwei Stunden. Die Deborah, die Sie da im Bett gesehen haben, war noch ein Mädel, und so oft sie mich durchs Fenster sah, da stand sie schon an der Tür und ihr Lachen und Jüchen hallte so freudig überrascht, als käme ihr toter Vater ihr entgegen.--- Sie verstehen mich doch. Kurz, sie konnte mir und sogar meinen Gaul nicht genug tun. Da gabs gutes Essen und einen guten Schluck. Nicht umsonst. Gott behüte! So was läßt unser einer nicht zu. Wir stehen uns gut. Und ich lasse mich nicht lumpen, wenn man mich gut behandelt. Gut — ist eigentlich nicht richtig gesagt. Stellen Sie sich vor! Wie oft hat Deborah zu mir gesagt: So einen Bruder hätte ich mir gewünscht — einen so getreuen! Und ich — offen gestanden! . . . Na, und wenn man so was von einem fremden Mädel hört, dann wird das Herz weich wie Butter auf frischem Brot. Und warum auch nicht? Aufrichtig gesprochen : Mit meiner Schwester gibt es auch mal eine derbe Szene. Aber da die Deborah, wie ein schönes, liebes Täubchen. Stellen Sie sich vor: Hier zum Beispiel steht mein Gaul. Wie oft hat sie ihm den Rücken gestreichelt . . . Was ist dabei schließlich, wenn sie mein Pferd streichelt? . . . Und doch ist das so lieb, daß ich kaum hinzugucken wagte. Die Augen wollen sich mir schließen vor lauter Lust; und ich drehe mich ganz weg und betrachte das Dach . . . Aber das hilft alles nicht, denn hinter mir — weiß ich — steht eine und streichelt mein Pferd . . . Und ein wohlig weicher Hauch kost mir durch die Knochen, als ob sie nicht das Pferd, sondern mir den Rücken streichelt. Nur noch so möcht ichs. — Stellen Sie sich vor! Ich komme gerade an, da die Leute zum Essen gehen. Deborah ißt nicht. Warum? Ich soll mich auch an den Tisch setzen. Natürlich laden mich die andern auch ein. Und selbstverständlich wird sich auch die Mutter nichts weiter dabei denken. Offen gestanden liebe ich solche Eijüadereien nicht gerade, wie „unsere Brüder" alle solche Sachen hassen. Schließlich, ein paar Gulden mit einem guten Bruder durchzubringen, da bin ich immer bei. Aber solche beglückenden Einladungen machen auch tot!.. Aber wissen Sie, Deborah kann ich nichts abschlagen. Ich falle eben wieder darauf rein . . . Ich denke, du wirst versuchen, für's Essen zu zahlen. Ich esse und frage dann nach meiner Schuldigkeit. — Donnerwetter! „Sie haben nur für Hafer und Zigaretten zu zahlen" sagt sie. Und dabei lächeln die kleinen Lippen so süß, und die Augen blicken mich mit so schelmischem Blick an, als wollten sie sagen: „Reingefallen!" . . . Was denken Sie davon? . . . Nun, so schnell lasse ich mich nicht reinlegen. Und wie sie gerade wegguckt, lasse ich in ihre Tasche—mir nichts, dir nichts — ein Silberstück verschwinden — ganz heimlich. Ich drücke mich aus der Stube und bin schon auf meinem Wagen. Hopp, mein Waßke! Ich ziehe die Leine an und schwinge die Peitsche. Fort gings. Erst auf der Chaussee traute ich mich, mich umzudrehen. Deborah st£ht auf der Schwelle und blickt mir nach und winkt mir von ferne mit dem Kopf, wie einer sagt: Fahr gesund! Und ich denke: Sei du gesund. Und ich lasse meinen Gaul langsamer laufen, damit wir uns länger angucken können — ich und Deborah. Ein paar Tage später komme ich desselben Weges und gebe meinem Gaul zu saufen. Ich habe kaum die Krippe zwischen den Rädern vorgeholt, da steht Deborah schon hinter mir. So — sagt sie — willst du mich reinlegen! Sei brav und nimm das Silberstück zurück! Und sie zwingt mir das Guldenstück in die Hand. „Dummes Zeug," sage ich und weise sie zurück, als wüßte ich von garnichts. Sie aber läßt sich auf nichts ein und beschwört mich bei ihrer Gesundheit, das Geld zurückzunehmen. Stecke ich also das Geld in meine Tasche. Werden uns später sprechen. Und wie sie mich wieder mal zu einer guten Suppe einladen will, sage ich kurz: nein. Jnd sie? Meinen Sie, sie hat gegessen? Donnerwetter! Sie ist in die Stube gegangen und hat sich ans Fenster gestellt. Und ihre Augen suchten mich. Ich lehne an meinem Wagen und blicke sie an. Wir schweigen beide. Aber ihre Augen reden, bitten, flehen. Vielleicht, daß ich in die Stube kommen soll. Wer weiß? Aber ich bleibe fest. Nein. Und so bliebs. Ich bin weitergefahren und habe nicht mal zum Abschied gewinkt; nicht einmal umgesehen habe ich mich, ob sie mich grüßte . . . Wie ich nun am anderen Morgen zurückfahre, halte ich wieder vor dem Gasthaus, um den Gaul zu füttern. Deborah sieht mich vom Fenster aus, kommt gleich heraus und bleibt auf der Schwelle stehen. Ihr Gesicht ist kreidebleich, die Augen müde, versonnen und voller Tränen und so still sieht sie aus wie ein Huhn, das sich vom Dach aus den bewölkten Himmel anschaut. Ich gehe auf sie zu. „Was ist dir, Deborah?" sage ich. „Gar nichts," antwortet sie — und Tränen perlen ihr in die Augen. „Du siehst so blaß aus!" sage ich und ich fühle, wie ein seltsames Mitleid mich packt. „Blaß? Vielleicht! Ich bin nicht ausgeruht." „Hast du die Nacht nicht geschlafen?" „Nein," sagt sie leise. „Warum denn?" „Ach, du weißt es schon!" sagt sie und wendet sich ab und wischt sich die Augen mit der Schürze. In mir siedet's und ich sage: „Möge uns nie Böses treffen, wie ich von nichts weiß."

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