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Neue Nationalzeitung · 1910-08-05 · Heft 16 (5.8.1910) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 16 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 „Neue National-Zeitung'* Nr. 16 „Aber warum hast du dich gestern nicht nach mir umgeblickt?" „Neue Geschichte!" sage ich, „wie kommt eines zum andern. Deswegen schläfst du nicht?" „Nein . . . aber es hat mir leid getan, daß ich dich zwang, den Gulden zurückzunehmen." „Wegen eines Guldens all das! Na, da hast du dreie, aber schlaf!" Und ich zog meinen Geldsack. „Und wenn ich sie nehme, bist du dann wieder gut mit mir?" fragt sie, und um die tränenden Augen huscht ein Lächeln. „Ja!" antwortete ich, als obs mir im Traum eingefallen wäre, ihr zu zürnen. „Drei nicht. Den einen Gulden kann ich nehmen." „Nun gut," sage ich und lasse die drei Gulden auf dem Handteller tanzen. „Aber du bist mir nicht mehr böse?" „Wirklich nicht! Ich wiederhole dirs!" Sie nimmt den einen Gulden. Die Tage gingen dahin. Wir lebten freundlich miteinander. Da kommt das Unglück. Am Vortag des Osterfestes wird die ältere Schwester, die verheiratete, krank und kaum sind zehn Tage vorbei, gerade einen Tag nach dem Fest, stirbt sie. Ein goldiges Weibchen, lieb wie eine Schwester — das kann ich euch versichern. So wahr ich ein Jude bin, tiöf ins Herz hat mich dieser Schmerz getroffen. Ich konnte nicht in die Stube gehen und nun gar Deborah in die Augen sehen. Deborah ging wie ein Schatten herum, den Kopf gesenkt. Ihr Gesicht war bleich wie eine eben gekalkte Wand. Früher — wars so lieb und heimlich. Und nun das Unglück. In jedem Winkel der Stube hockt die Trauer. Die Mutter — bei jedem Wort kommen ihr die Tränen. Selbst die Wände standen so traurig da. Man. jagt das gewaltsam unterdrückte Leid aus der Stube. Einmal, vor Pfingsten war es, fahre ich eine Schar Chassidim zum Rebben nach Kalibiel, da in ein nahes Städtchen. Und wie ich hier nun anhalten will, um meinen Gaul zu füttern, lassen es die Chassidim nicht zu: ich solle schneller fahren. Was kehre ich mich drum? Ich denke, mein Pferd ist kein Chossid und hat keine Eile mit dem Rebben. Aber ich will mich auch nicht besonders aufhalten. Ich kehre also nicht in meiner alten Stelle ein und bleibe auf der Chaussee stehen. Vor der Brücke. Lade die Krippe ab und gehe zum Brunnen — da hinterm Haus. Ich seh mich um: Deborah sitzt auf dem Gras, blaß wie der Tod, den sorgenschweren Kopf gegen die Brust gedrückt. Da muß sie wohl Tritte hören. Sie blickt auf und sieht mich und das Blut schießt ihr vor Scham ins Gesicht. „Was sitzt du so?" frage ich. „Ich weiß es selbst nicht," antwortet sie, „ich sitz eben so und bin so ganz vergrübelt." Und vergrübelt sah sie wirklich aus — ich weiß selbst nicht: ich hätte gern erfahren, was sie beschäftigt. Aber fragen, das ist nicht meine Art. Na, ich schöpfe mir die Krippe voll und wie ich nun fortgehen will, da fragt sie mich, wann ich wieder zurückfahre. Ich sage ihrs und gehe zu meinem Wagen. Ich brachte meine Chassidim zu ihrem Rebben und denke, nun kannst du nach Hause fahren. Was soll ich noch da? Etwa mit den Chassidim tanzen und mich um einen Löffel Erbsensuppe schlagen? 3h der Tat, wie käme ich dazu? Ich überlege nicht lange, dreh meinen Wagen und mache kurzen Prozeß. „Nicht schlecht, mein Pferdchen," denk ich mir, „du kriegst neuen Hafer: wir halten vor Deborahs Tür." Und so bliebs. Den ganzen Weg nicht gefüttert. Es war schon spät bei Nacht, als ich wieder hier war. Ieh spanne meinen Gaul aus, drehe ihn zwischen den Deichselstangen um, daß er mit dem Kopf zum Wagen steht und schiebe ihm den Sack Hafer vor. Die Läden waren schon zugemacht. Aber drinnen war noch Licht. Und durch die ausgeschnittenen Halbmöndchen sehe ich, wie Deborah allein im Zimmer herumhantiert. Ich wäre gern hineingegangen. Ein Glas Tee hätte mir gut getan. Besonders bei Nacht. Verstehen Sie mich: Am ganzen Tag hatte ich keinen Löffel warmen Wassers im Maul gehabt. Und ich weiß doch: ein Blick und sie kocht mir in der Kupferkasserolle Tee. Trotz alledem halte ich mich zurück, werfe mich auf meinen Wagen ins Stroh. Und liege. Schlafen habe ich nicht können, halte meine Augen zu und höre, wie das Pferd mir zu Kopfend kaut. Da fühle ich, wie sich eine dichte Finsternis, ein Schatten über mein Gesicht legt. Ich mache die Augen auf. Deborah ist's. Sie steht am Wagen, den Kopf in ein Tuch gewickelt und blickt mich an . . . Sie zittert wie ich die Augen öffne und fragt verwirrt: „Schläfst schon, Jossei?" Ich hebe meinen Kopf aus dem Stroh — so als Antwort und sie sagt weiter: „Man kann dich ja wegstehlen." Und ihr bleiches Gesicht lächelt dabei. „So leicht nicht," sage ich, „bin ein zu schweres Päckchen." „Dich schläfert aber doch?" fragte sie still. „Nein!" „Dann komm doch herunter!" bittet sie. Wie hat mich ihr blasses Gesicht und dieses flehende Wort gepackt! Ich stieg vom Wagen, ihr zuliebe. _ Wir standen einer gegen den anderen und sagten kein Wort. Ich fühlte, wie die Stille mich packte. Kein Glied wagte ich zu rühren. Ich weiß selbst nicht, warum. Und schließlich denke ich: weshalb die Stille — und ich frage: „Hörst du, wie das Pferd schnauft?" „Ich höre es. Aber warum stehen wir hier? Komm ein bißchen!" sagt sie. (Schluß folgt.) Hochfeines natürliches Tafelwasser Klösterle _ Natürlicher Sauerbrunn Lirhion-Quelle. von Klösterle bei Karlsbad. — Ueberall zu haben. Niederlage: Wien, L Sonnenfelsgasse 4. RMERiKnmsnHEi BUCHHRLTUNG5uhdBURERU- HHLHGEN lUIEN-F* UJIESIMGERtBIBERSTlf: visÄvisPDST5PBRKH«B. n.

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