Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 16 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „Neue National-Zeitung* Seite 9 Jüdische Grundbesitzer in Ungarn. Die ungarische Regierung hat das königlich ungarische statistische Zentralbureau beauftragt, eine Statistik des Grundbesitzverkehrs in Ungarn seit dem Jahre 1880 auszuarbeiten. Das statistische Zentralbureau versendet nun Fragebogen, durch die ermittelt werden soll, wie viele Besitzungen in Ungarn in den letzten 30 Jahren ihren Eigentümer gewechselt haben und wer die neuen Grundbesitzer sind. Der betreffende Fragebogen enthält nun u. a. folgende Rubriken: Welcher Religion gehört der neue Besitzer an? — Welche ist seine Muttersprache? — Wo ist er gehören und wo heimatsberechtigt? — Der Beschloß, diese Statistik anzufertigen, ist die Folge einer Besprechung zwischen dem Handels- und dem Ackerbauministerium. Maßgebend für den Beschluß war, wie die Regierung sich vernehmen läßt, der Umstand, „daß manche Kreise es in ihrem Interesse gelegen finden, den Irrglauben zu verbreiten, in Ungarn werde sämtlicher Grundbesitz von eingewanderten galizischen Juden angekauft". Eine Reformgemeinde in London soll demnächst nach Art der Berliner Reformgemeinde entstehen. Ihr geistiger Führer ist Claude Montefiore, der Neffe Moses Montefiores. Der Mann hat sich durch seinen religiösen Spleen schon genügend lächerlich gemacht. Ueber die von ihm eingerichtete „Synagoge" wird folgendes berichtet: Der Gottesdienst wird fast ausschließlich in englischer Sprache stattfinden und die Richtung im allgemeinen die der äußersten Reform in Amerika sein. Die Synagoge wird ein Novum in England darstellen, wo man bisher für derartige Reformmätzchen kein Verständnis hatte. Mr. Montefiore ist soeben aus Amerika zurückgekehrt, wo er sich einige Zeit aufgehalten hatte, um die verschiedenen Reformgemeinden kennen zu lernen und einen passenden Rabbiner ausfindig zu machen, den er in England nicht auftreiben konnte. Die Judenexzesse in Persien. Infolge der Vorstellungen, die bei den europäischen Gesandtschaften in T eheran wegen der Angriffe auf Juden in verschiedenen persischen Städten, namentlich in H a m a d a n, erhoben worden waren, beauftragte der britische Gesandte den Konsularagenten in Hamandan, eine genaue Untersuchung einzuleiten. Der Direktor der dortigen Allianceschule übergab dem britischen Konsularagenten das Aktenmaterial über den jungen Juden, der unter falscher Beschuldigung verhaftet worden war. Auch der französische Botschafter in Teheran hat an den persischen Minister der Auswärtigen Angelegenheiten eine dringende Note in dieser Sache gerichtet und versprach dem Direktor der Allianceschule, den weiteren Verlauf der Angelegenheit mit der größten Aufmerksamkeit verfolgen zu wollen, Jüdischer Adel in früheren Jahrhunderten. Anläßlich der am Geburtstage des Königs von England erfolgten Nobilitierung mehrerer Juden veröffentlicht ein englisches Blatt einen Artikel über „Jüdische Adlige", der neben Bekanntem manches Neue enthält und auch für unsere Leser von Interesse sein wird. Im Jahre 1783 erhob Kaiser Josef II. von Oesterreich den Wiener Bankier Josef Michael Arnstein in den Reichsritterstand. Arnstein war der österreichische Rothschild seiner Zeit, dessen Verdienste allerdings nicht über sein Komptoir hinaus sich erstreckten. Trotzdem wurde er im Jahre 1793 Reichsfreiherr. Aus dem siebzehnten Jahrhundert und dem Beginne des achtzehnten sind in Oesterreich zwei Nobilitierungen bekannt. Die eine betrifft Moses Lopez Pereira, der nach wechselvollem Leben in London als Baron d' Aguilar starb. Er war als Maranne geboren und entfloh heimlich aus Spanien nach Holland, wo er sich offen zum Judentum bekannte. Im Jahre 1722 ließ er sich in London nieder, ging aber bald nach Wien, wo er eine portugiesische Gemeinde gründete, die Einkünfte aus dem Rauch- und Schnupftabak-Regal pachtete, ein Günstling der Kaiserin und endlich deren Schatzmeister wurde. Kaiser Karl VI. machte ihn zum Freiherrn. Zuletzt zog er wieder nach London, wo er im Jahre-1759 in hohen Ehren starb. Sein Titel ging . auf seinen Sohn Ephraim über und erlosch mit diesem. Die andere österreichische Noblliterung ist die Jakob Bassevi S c h m i e 1 e s', eines reichen, sehr frommen Juden aus Prag, der Hofjude, dann Schatzmeister des Kaisers war und wegen seiner wirklich großen Verdienste zu Beginn des dreißigjährigen Kriges unter dem Namen Bassevi von Treuenburg in den Adelsstand des heiligen römischen Reiches erhoben wurde; sein Wappen zeigte einen blauen Löwen und rote Sterne. Gewiß eine merkwürdige Erscheinung im siebzehnten Jahrhundert: ein Jude als Mitglied des Adels des „heiligen römischen Reiches". Die Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts weist eine ganze Menge adeliger Bekenner der jüdischen Religion auf, unter denen zwei Personen alle anderen weit überragen. Die eine ist Juan Miquez, Herzog von Samos, Fürst der Cycladen, welchem die Türkei den Besitz von Cypern zu danken hatte. Die Staatsarchive aller bedeutenden Länder seiner Zeit wimmeln von Beziehungen zu ihm; noch heute gibt es eine Unmenge von Dokumenten, welche von diplomatischen Intriguen wider ihn Kunde geben, oder aus denen hervorgeht, daß man die Verbindung mit ihm suchte. Europäische Könige nannten ihn „Illustris prineeps, amice noster dilecte" (Erlauchter Fürst, unser geliebter Freund) und er selbst begann seine Briefe mit: „ Josephus Nasi, Dei gratia dux Aegaei pelagi, Dominis Andri usw." (Fürst Joseph, von Gottes Gnaden Herzog des Aegäischen Meeres, Herr von Andros usw.) Eine der mächtigsten Personen seiner Zeit, vergaß er doch nie, daß er Jude war; er baute seinen Glaubensgenossen die Stadt Tiberias auf und verwendete eine Menge Geld dazu, diesen Ort zum Sitz einer großartigen Seidenkultur zu machen. Zu gleicher Zeit mit dem Herzog von Samos wurde ein anderer Jude, namens Emanuel, zum Wojewoden (Regenten) der Moldau erwählt. Von ihm weiß man allerdings nicht mehr als die Tatsache seiner Erwählung, welche erst in neuester Zeit aus der Korrespondenz des damaligen österreichischen Gesandten in Konstantinopel, Dr. Barthol omaeus Pezzen, konstatiert worden ist. Ein Monument für den amerikanischen Freiheitshelden Jehnda Turo. In Amerika hat jetzt eine interessante Bewegung eingesetzt. Es gilt, dem großen Freiheitshelden Jehuda Turo im Statuensaal des Weißen Hause-t in Washington ein Denkmal zu stellen. Jehuda Turo wuide am 26. Juni 1775 in Newport Arad Island geboren. Sein Vater war der Gelehrte Rabbi Isaac Turo und entstammte einer portugiesischen Familie. Der Vater Jehudas lebte erst in Jamaica, wurde jedoch später als Rabbiner der jüdischen Gemeinde nach Newport berufen. Newport fiel bald nach dem Ausbruch der Revolution in englische Hände. Die meisten Juden von Newport verließen fluchtartig die Stadt, um sich nicht dem Feinde ergeben zu müssen. Rabbi Isaac Turo ging nach Jamaica zurück, wo er auch seine Lebenstage beendete. Jehuda ging 1802 nach New-Orleans (Louisiana), einer Stadt, die damals kaum 10 000 Einwohner zählte. Hier unternahm Jehuda verschiedene Geschäfte, die von solchem Erfolg begleitet waren, daß er nach einigen Jahren zu den reichsten Leuten der Gegend zählte und Eigentümer mehrerer großer Schiffe wurde. 1814 brach der Krieg au*. Jehuda Turo trat in die Verteidigungsarmee ein und kämpfte als gemeiner Soldat in den vordersten Reiben. Bei einem Treffen wurde er so schwer verwundet, daß er für tot gehalten wurde und man ihn am Felde liegen ließ. Ein Freund rettete ihn dann mit eigener Lebensgefahr, wofür ihm Jehuda Turo einen ansehnlichen Teil seines Vermögens übertrug. Nach dem Krieg hat Turo in Gemeinschaft mit Arnos Lawrence die Mittel Z'ir Errichtung eines Siegesdenkmals gewidmet. Unter anderem schenkte er der Stadt einen herrlichen öffentlichen Park, der noch heute den Namen „Turo- Park" führt. Auch mit dem unvergeßlichen Moses Montefiore stand Jehuda Turo in nahen Bezithungen. Diesen Beziehungen ist es zuzuschreiben, daß Turo auch für die notleidenden Juden in Jerusalem große Spenden widmete. Jehuda Turo starb in New-Orleans am 13. Januar 1854. Sein Grab schmückt ein einlacher Stein, der die vielsagende Inschrift enthält: „Als Letzcer seiner Familie hat er seinen Namen für ewige Zeiten in das Buch der Wohltätigkeit eingegraben." In seinem Testamente vermachte er wohltätigen Zwecken über eine halbe Million Dollar. Und nun soll sein Standbild denen der gefeiertsten Söhne der Vereinigten Staaten im Repräsentantenhaus des amerikanischen Volkes beigestellt werden. Zeitschriften-Rundschau. Die jüdischen Gemeinden in Nordamerika. Im Juniheft der .Dokumente des Fortgehritte' gibt A. Mahlinger folgenden Ueberblick über die ökonomische Entwicklung der in den letzten Jahrzehnten ans Europa nach den Vereinigten Staaten eingewanderten Juden: