Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 16 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16 „Neue National-Zeittmg" Seite 7 Form von Fragen den Experten die Möglichkeit, das ganze Gebiet zu übersehen und nach den verschiedensten Richtungen die Aufgaben der Hilfsaktion und deren zweckdienstliche Mittel zu beleuchten. Dieser Fragebogen, zu dem wir noch meritorisch anläßlich der Enquete Stellung nehmen werden, hat in deutscher Uebersetzung folgenden Wortlaut: I. Wie ist die ökonomische Lage der Juden in Galizien beschaffen? Läßt sich behaupten, daß die jüdische Bevölkerung in Galizien verarmt ist? II. In welchen Formen kommt diese Proletarisierung zum Ausdruck? Ist die ganze jüdische Bevölkerung proletarisiert oder ist dies nur in einzelnen Städten respektive Bezirken der Fall? III. Wie weit wird diese Verarmung durch folgende ökonomische und soziale Erscheinungen hervorgerufen respektive beeinflußt: a) Uebervölkerung im allgemeinen und bei den Juden insbesondere; b) allgemeine Verarmung im Lande; c) Mangel an Aufklärung und Kultur unter den galizischen Juden (Chassidismus usw.); d) Verschuldung des Tabularbesitzes; e) Parzellierungsfieber; f) Zerstückelung des kleinen Grundbesitzes; g) ökonomische Entwicklung und Selbsthilfe der ländlichen Bevölkerung, insbesondere Raiffeisen- Kassen, landwirtschaftliche Genossenschaften (kolka rolnicze) usw.; h) Niedergang des Handwerks und Mangel an Industrie; i) Einseitigkeit des jüdisch-ökonomischen Lebens durch Bevorzugung des Handels- und sonstigen Vermittlergewerbes; j) ökonomischer Niedergang des Landes überhaupt. IV. In welcher Weise könnten der kulturelle Stand und die ökonomische Lage der Juden gehoben respektive verbessert werden? Würden sich insbesondere empfehlen: a) Die Einführung und Unterstützung in den kleinen Städten derjenigen Zweige der Hausindustrie, für welche die Juden besonders befähigt sind (z. B. Schneiderei, Stickerei, Spitzenarbeiten usw.)? Wenn ja, soll die Hilfsaktion mit bereits bestehenden Organisationen (Hilfsvereinen) in Verbindung treten oder soll sie selbständig sein? b) Die Erleichterung der Kreditgewährung an jüdische Handwerker und kleine Kaufleute, um ihnen das nötige Betriebskapital zu verschaffen? Wenn ja, inwieweit würde es sich empfehlen, die für diesen Zweck schon bestehenden zahlreichen kleinen jüdischen Kredit-Genossenschaften zu zentralisieren? In welchem Verhältnisse soll dann diese Zentrale zum Lande und zur Zentralregierung stehen? Soll vielleicht eine solche Zentrale gemeinsam mit einem Landesverbände der Kultusgemeinden ins Leben treten? c) Die Schaffung einer Arbeitsvermittlung für die jüdischen Arbeiter durch Errichtung von Arbeitsvermittlungsbureaux, wie sie in anderen Ländern bei den jüdischen Kultusgemeinden bestehen? Oder könnten die bereits bestehenden Landesrespektive Bezirks-Arbeitsvermittlungsbureaux auch mit dieser Aufgäbe betraut werden? d) Die Verbreitung der Aufklärung durch die Baron Hirsch'schen Schulen,' Froebel-Schulen und Kindergärten? Wenn ja, in welcher Weise könnte das Land respektive die Regierung diesem Zwecke moralisch und materiell dienlich sein? e) Die Vermehrung und Vermannigfaltigung von Erwerbsquellen für die galizischen Juden im Handel respektive in der Landwirtschaft? Welche landwirtschaftliche Erwerbszweige würden sich für die Juden eignen? V. Wird die ökonomische Lage der galizischen Juden nachteilig beeinflußt a) durch das Hausiergesetz; b) durch das Gesetz über die Sonntagsruhe; c) durch die Aufhebung des Propin ationsrechtes? Welche Mittel werden vorgeschlagen, um diesen Uebelständen abzuhelfen? VI. Wäre es empfehlenswert, der notleidenden jüdischen Bevölkerung rasche Hilfe zukommen zu lassen? In welcher Form soll dies geschehen? Seitens des Landes oder des Staates? VIL Soll die jüdische Emigration in Galizien zum Gegenstand der Fürsorge gemacht werden? Nach welcher Richtung und in welcher Form? Seitens des Landes oder des Staates? VIII. Sind noch andere Hilfsmittel im Interesse der jüdischen Bevölkerung anzuwenden? IX. Wird durch die einseitige ökonomische Richtung der jüdischen Bevölkerung auch die ökonomische Lage des Landes beeinflußt und in welcher Weise? X. Ist eine spezielle Landes- oder Staats-Hilfsaktion für die galizischen Juden erwünscht, in Hinblick auf den konfessionellen (!) Charakter einer solchen Hilfsaktion und mit Rücksicht darauf, daß auch die nichtjüdische Bevölkerung notleidend ist? Würde es sich nicht vielmehr empfehlen, daß die Hilfsaktion allen Bevölkerungsschichten in den Städtchen und Dörfern, besonders auf dem Gebiete des Handwerks und der Hausindustrie zu Gute käme? Oesterreich-Ungarn. Dr. Heinrich Gabel. Wien, 31. Juli. Plötzlich, im schönsten Mannesalter, inmitten der Arbeit als Mitglied des parlamentarischen Sozialversicherungs-Ausschusses, ist Doktor Heinrich Gabel gestern einem Herzschlage erlegen. Eine Carriere, die durch einen glücklichen Zufall mit einem Ruck emporgeschnellt ist, wurde nun durch ein unglückliches Verhängnis im Alter von 37 Jahren dem Leben entrissen. Dr. Gabel gelangte anläßlich der letzten Reichsratswahlen im Jahre 1907 als. Minoritätsvertreter der Landgemeinde B u c z a c z ins. Parlament. Er schloß sich dem jüdischen Klub an und entwickelte im Laufe der drei Jahre als Redner und Interpellant eine intensive Tätigkeit. Dr. Gabel verfügte weder über eine oratorische Begabung noch über parlamentarische Routine. Den hohen Aufgaben, die heute auf den Schultern eines jüdischen Abgeordneten lasten, ent-