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Neue Nationalzeitung · 1910-08-05 · Heft 16 (5.8.1910) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 16 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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er an der Lehranstalt das vorgeschriebene Tentamen mit sehr gutem Erfolge ab. Zu Ende des Schuljahres 1907/8 absolvierte er die philosophische Fakultät; ein Jahr darauf die Lehranstalt. Im April 1910 meldet sich Herr P. zur Ablegung der Rabbinerprüfung. Das Rektorat weist ihn jedoch ab, mit der Begründung, er habe seit Beginn des Schuljahres 1908/9 Medizin inskribiert. Etwas anderes wird von ihm, resp. von seinem Lebenswandel nicht behauptet. Es wurde gegen P. aus diesem Grunde keine Disziplinar-Untersuchung eingeleitet; das Rektorat hat sich auf den Standpunkt gestellt, daß jemand, mag er ein noch so tüchtiger Talmudist sein, mag er die Lehranstalt ohne jeden Anstand, ebenso die philosophische Fakultät absolviert haben, durch die Tatsache allein, daß er Medizin studiert, die Würdigkeit für den Rabbinerstand verliert. Gegen diese Entscheidung des Rektorates, resp. des Professoren-Kollegiums hat Herr P. an das Kuratorium einen Rekurs überreicht. Er machte geltend, daß große Talmudisten und Rabbiner im Mittelalter gleichzeitig hervorragende Aerzte waren; er wies auch auf die speziellen Verhältnisse in seiner russischen Heimat hin, wo zu Kronrabbinern Leute angestellt werden, die zwar ein weltliches Doktorat, aber gar kein jüdisches Wissen besitzen. Umso mehr würde es ihm möglich sein, wenn er neben der Rabbiner-Befähigung ein medizinisches Doktordiplom erlangen würde, eine Rabbinerstelle zu erlangen. Dieser Rekurs wurde mit folgender Begründung abgewiesen: Herrn stud. med. Israel P. Wien. Das unterzeichnete Rektorat teilt Ihnen hiemit mit, daß das Kuratorium der Israel, theolog. Lehranstalt Ihren Rekurs gegen den Beschluß des Professoren-Kollegiums, Sie zur Rabbinerprüfung nicht zuzulassen, im Hinblicke auf folgende Gründe zurückgewiesen hat: „In Erwägung, daß Herr Israel P. seit Beginn des Schuljahres 1908/9, also zu einer Zeit, als er im fünften Jahre noch Hörer der Israel, theol. Lehranstalt war, sich als ordentlicher Hörer der medizinischen Fakultät immatrikulieren ließ, seither regelmäßig als ordentlicher Hörer der medizinischen Fakultät dem medizinischen Studium nach dem vorgeschriebenen Lehrplane obliegt; daß er als ordentlicher Hörer der medizinischen Fakultät beim k. k. Ministerium für Kultus und Unterricht die Einrechnung von zwei Semestern der absolvierten philosophischen Studien in die für die Absolvierung der medizinischen Studien vorgeschriebenen Studienzeit erwirkte, wonach kein Zweifel obwaltet, daß er sieh seit dem Schuljahre 1908/9 für einen anderen Beruf vorbereitete, als denjenigen, zu dessen Ausbildung die Israel, theolog. Lehranstalt , zu dienen hat; in weilerer Erwägung, daß Herr Israel P. die Tatsache, daß er an der medizinischen Fakultät immatrikuliert ist, weder dem Professoren-Kollegium, noch dem Rektorate bekanntgegeben hat; daß das Professoren-Kollegium in Unkenntnis dieser Tatsache, das ist der Immatrikulierung des Herrn Israel P. an der medizinischen Fakultät, demselben zu Ende des Schuljahres 1908/9 das Absolutorium ausstellte, daß das Professoren-Kollegium, wenn es in Kenntnis dieser Tatsache gewesen wäre, das Absolutorium dem Herrn Israel P. nicht erteilt haben würde; daß Herr Israel P. auch in seinen beiden letzten Eingaben, mit welchen er sich um das Stipendium aus der Osias Sehorrschen Stiftung für die Schuljahre 1908/9 und 1909/10 bewarb, sich nicht als Hörer der Medizin, was er zur Zeit der Bewerbung dieses Stipendiums war, sondern als Absolvent der Philosophie, beziehungsweise als stud, phil. bezeichnete; daß das Professoren-Kollegium diese Gesuche um das oberwähnte Stipendium nur deshalb befürwortete, weil es davon, daß der Bewerber ordentlicher Hörer der medizinischen Fakultät war, keine Kenntnis hatte; daß das Stipendium dem Gesuchsteller auch von der israelitischen Kultusgemeinde, welcher die Verleihung des betreffenden Stipendiums zusteht, in Kenntnis der Tatsache, daß Herr Israel P. ordentlicher Hörer der medizinischen Fakultät ist, in den beiden obangegebenen Schuljahren nicht verliehen worden wäre und auch nicht hätte verliehen werden können, weil dies der Stiftungsurkunde widersprochen haben würde." Schließlich mache ich Sie auf § 3 lit. c unseres Organisationsstatus aufmerksam, nach welchem die Beschlüsse unseres Kuratoriums endgültig sind. Wien, am 21. Juni 1910. Der Rektor: Schwarz m. p. Wie man sieht, geht die Entscheidung der prinzipiellen Frage über die Zulässigkeit des medizinischen Studiums für Rabbinats-Kandidaten aus dem Wege; sie behandelt den Streitfall lediglich vom Gesichtspunkte des disziplinwidrigen Verhaltens. Zu erwähnen wäre noch, daß dem Kuratorium u. A. die Rabbiner Dr. Güdemann und Dr. S chm i e d 1, sowie die Advokaten Dr. Gustav K ohn und Dr. Leopold Kohn angehören. Die Enquete des galizischen bandesausschusses. (Der Fragebogen.) Wien, Anfangs August. Die vom galizischen Landes-Ausschuß für den 12. September nach Lemberg behufs Studiums der Lage des jüdischen Proletariates in Galizien einberufene Enquete naht der Verwirklichung. Wir haben bereits in unserer vorigen Nummer an leitender Stelle zur Enquete Stellung genommen und in erster Linie betont, daß es sehr viel auf die Personen der Experten ankommen wird. Wem Gott in Galizien das Amt eines Kultus-Präsidenten oder Abgeordneten gibt, dem gibt er nicht immer den nötigen Verstand, und es muß daher Sache des Landes-Ausschusses sein, neben offiziellen Personen auch Praktiker und Publizisten einzuladen, die sich mit dem jüdischen Wirtschaftsproblem in Galizien befassen. Darin liegt der Schlüssel zum Erfolge der Enquete, und wenn die Referenten des Landes-Ausschusses darüber hinweggehen, dann gefährden sie von vornherein das Fundament der ganzen Aktion. Während die Oeffentlichkeit über die Personen der Experten noch im Unklaren ist, liegt bereits der Fragebogen für die Experten vor. Er besteht aus zwei Teilen: dem Fragebogen und der Begründung. Die Begründung schildert hauptsächlich die Vorgeschichte der Enquete; der Fragebogen gibt in der '

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