Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 16 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Mr. 16 ,Jsleue National-Zeitung" Seite 5 wie möglich bleiben. Und man geht in Wien so weit darin, uatf man z. B. die berufsmäßigen Vertreter des Judentums, ctie Rabbiner, stillschweigend oder konsequent von den Logen entfernt hält, sie auf diese Weise in schiefe Stellung zum Vorstand bringt, in welchem eine große Zahl von B. B. sitzt, und sie nach und nach deklassiert, da sie nicht für geeignet erachtet werden in dein immerhin ansehnlichen Kreise der B. B. zu verkehren. Diese Nebenregierung ist, wie gesagt, etabliert. Und sie verfügt über materielle und geistige Mittel. Die Wohlfahrtseinrichtungen der B. B. sind ausgezeichnet und sie verdienen das höchste uneingeschränkteste Lob. Wie das ja selbstverständlich ist, kann das Prinzip, religiöse Fragen im Kreise der B. B. offiziell nicht zu behandeln, nicht aufrechterhalten werden. Es ist ganz und gar unmöglich, über innerjüdische Fragen ohne Berührung der Religion zu verhandeln. Im Gegenteile. Im Kreise der Wiener B. B. wird seit Jahr und Tag auf das ernsteste über mögliche und notwendige Reform des Judentums gesprochen, vorgetragen und verhandelt. Und da ist es merkwürdig, daß dieselbe B. B., welche die Wiener Rabbiner stillschweigend aber beharrlich abwehrt, sich Rabbiner von auswärts holt, die denn auch dem Rufe willig Folge leisten und sich Vorträge über Reformen halten läßt. Formell beruft der Gemeindevorstand. In Wirklichkeit aber hat die Nebenregierung die Hand im Spiel. Und der Prophet, der Messias, von dem das Heil ausgehen soll, ist Herr Rabbiner Ziegler in Karlsbad. Fähigkeiten, Tüchtigkeit, vielleicht auch ernstes Streben wird niemand diesem beliebten Prediger des Weltkurortes absprechen. Seine famosen Laienbriefe über Reform des Judentums haben ihn für Berlin und selbst für dessen: Reform (Sonntag)-Gemeinde unmöglich gemacht. Und was in Berlin, dieser Hochburg der Reform, nicht mehr möglich ist, das soll für Wien möglich gemacht werden, das wir deutsche Juden konservativer Richtung noch immer als eine verläßliche Stätte, wenn auch sehr „gemäßigter", aber immerhin halbwegs annehmbarer religiöser Richtung betrachtet haben. Man studiert jetzt in Wien in Logenkreisen Geiger und beschäftigt sich mit der Reformgeschichte des deutschen Judentums so, als ob die letzten 30 bis 40 Jahre für Wien gar nicht existiert hätten. Und diese Naivetät verfällt dann natürlich ins Extreme. Der kluge Karlsbader Zauberer, der die Wiener Gesellschaft genau kennt und in Karlsbad reichlich Gelegenheit hat, sich von ihr bewundern zu lassen, wo die an Ueberfülle von Zucker Leidenden Heilung suchen und dort in die Synagoge gehen, wie in Wien ins Theater — denn die Synagogen besuchen sie in Wien nicht —, dieser kluge, weltgewandte Mann hält seit Jahren Probepredigten in Form von volkstümlichen Vorträgen, die ein so zuckerreiches Judentum schildern, daß es für die sonst Kurbedürftigen wirklich bedenklich gefährlich wird. Die Herren, die sonst Kur gebrauchen, machen sie in Wien dem Karlsbader Prediger in einer Weise, die nachgerade lästig und häßlich wird. Und „Er" läßt sich das ruhig gefallen. In einem Kreise, von welchem er wissen muß, daß er seine Wiener Amtsbrüder ausschließt. Das ist aber Geschmackssache, und es ist nur die Geduld und Sanftmut der Wiener Rabbiner zu bewundern, daß sie ihrem Karlsbader Kollegen den Standpunkt nicht klar machen, ihm nicht sagen, daß es kein Zeichen von Charakter ist, eine offenkundige Zurücksetzung von Amtsgenossen mit Beräucherung und Komplimentierung zu quittieren. Das ist ihre und nicht unsere Sache. Uns interessiert an der Sache nur die eigentümliche Karlsbader Kur, die in Wien seit einer Reihe von Jahren in der Wintersaison betrieben wird. Die letzte Saison war besonders reich. Der „Star" Ziegler sprach an allen Ecken und Enden. Zuerst im Vortragzyklus der Gemeinde. Thema: „Moses, unser Lehrer." Der Vortrag gipfelte darin, daß Moses und der Philosoph Professor Eucken, in den Herr Ziegler besonders verliebt zu sein scheint, dasselbe gesagt haben; folglich habe Moses recht. Das ist eine eigentümliche, fast komische Konsequenz aus der Anschauung Maimunis, Moses habe dasselbe gesagt, wie Aristoteles. Aber, es hat gewirkt. Der wohl vorbereitete Enthusiasmus stellte sich ein und der Applaus umrauschte den Akteur. Auch die „Oesterreichisch-Israelitische Union" hat sich zum Sprungbrett für den Karlsbader Propheten hergegeben und auch da wurde ein Judentum ä la Friedlaender verkündet, das bekanntlich in den Kreisen der protestantischen Theologen der Propaganda eifrig gelesen und in den Seminarien als zu missionären Zwecken glänzend verwendbar gepriesen wird. Und auch in den B. B. Logen erklangen die Melodien, welche natürlich in den Ohren der Juden, die mit der Tradition vollkommen gebrochen haben und in einem Judentum im Sinne der Laienbriefe Zieglers ihr einziges Heil erblicken, wie Harmonie der Sphären ertönten. Kurz und gut : überall und allerwegen Karlsbader Kur. Merken die Herren denn nicht, daß sie sich lächerlich machen? Merken sie nicht, daß sie tändelnd mit dem Feuer spielen,, daß sie insbesondere Selbstschändung begehen, indem sie den Bankerott des deutschen „Liberalen Judentums", dessen unsterbliche Blamage der Geheimrat Geiger jüngst besiegelt hat, in Wien in zweiter verböserter Auflage zum besten geben wollen. Das kranke Judentum kann keine Poseure brauchen; mit Tiraden ist nichts getan. Es scheint, daß man in Wien das in Deutschland durch die Dazwischenkunft einer Mittelpartei geärgerte „Liberale Judentum" etablieren will. Denn es verrät System, daß man auch den Königsberger Prediger Dr. Vogelstein zu einem Vortrage berief. Es steht zu erwarten, daß noch andere Vertreter dieser Richtung folgen werden. Grundsatz ist ja: nur was von auswärts kommt, hat Wert und Geltung. P. A. T)as Wiener Rabbiner-Seminar und das medizinische Studium. Am Wiener Rabbiner-Seminar, genannt „Israelitisch-theologische Lehranstalt", gibt es jetzt eine Affäre, die selbst für weitere Kreise der jüdischen Oeffentlichkeit nicht ohne Interesse ist. Wiewohl es sich im vorliegenden Falle nicht bloß um eine religiöse oder rituelle, sondern auch um eine soziale Frage unseres Rabbinerstandes handelt, so wollen wir doch, als nicht genügend kompetent, mit unserem Urteil zurückhalten und über den Fall streng chronologisch referieren. Vor sechs Jahren hat sich Herr Israel P. aus Rußland, ein sehr tüchtiger Talmudist, an der Israelitisch-theologischen Lehranstalt inskribieren lassen und besuchte gleichzeitig die philosophische Fakultät an der Wiener Universität. Nach zwei Jahren legte