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Neue Nationalzeitung · 1910-08-05 · Heft 16 (5.8.1910) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 16 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 ,Neue National-Zeitung" Nr. 16 Polen und im Reiche schafft. Wenn es uns untersagt ist, zu verlangen oder zu erlangen eine vollständige und rasche Unterdrückung dieses Haufens bizarrer Gesetze, folgt daraus, daß man nicht eine teilweise Aenderung, die progressive Erleichterung erhoffen kann? Da auf Allen derselbe Druck lastet, so wäre für die Juden wie für die Christen die beste Methode die, indem sie die Uebergänge geschickt herbeiführt, die wenigste Verwirrung in die volkswirtschaftlicAen Verbindungen wie in das nationale Leben bringt. (Schluß folgt.) Die karlsbader Kur in Wien *) Wien ist die gemütlichste Stadt der Welt. Und Wien hat auch die gemütlichsten Juden der Welt. Man sollte es nicht glauben! Aber selbst in der Zeit des grausamsten Lueger-Regimes war beides wahr. Der Grundcharakter einer Bevölkerung läßt sich nicht verwischen. So wenig einheitlich die jüdische Bevölkerung der Residenzstadt an der Donau ist, so klar zeigt der größte Teil die Wienerische Marke. Allerdings, die überwiegende Mehrzahl der Wiener Juden kümmert sich um das Judentum überhaupt nicht. Eine verschwindende Minderzahl gehört den Kreisen der Konservativen an, welche in stillem, geordnetem Haushalte für sich leben und ungestört, geachtet und gewürdigt, das überlieferte Judentum und dessen Heiligtümer hüten und bewahren. Zu ihnen muß man auch die große Anzahl aus dem Osten eingewanderter Glaubensbrüder rechnen, von denen viele nach der Väter Art hier weiter leben und ihr Judentum hochhalten. Durchaus beachtenswert sind auch die jüdisch-national Gesinnten, deren Zahl täglich wächst, die aber als konstitutives Element für das positiv religiöse Judentum weniger in Betracht kommen, denn als starkes Bollwerk gegen Abfall und Taufe. Abfall und Taufe wüten in der Wiener Gemeinde wie Pest und Seuche. Die Straßen der Judengemeinde sind mit Leichnamen gefüllt Dieser Tod steigt durch die Fenster der glänzendsten Judenpaläste und in festgeglaubte Burgen. Kein Haus bald, in dem nicht ein Toter wäre. Die Angst vor diesem Gespenst zittert in der Gemeindestube. Hier sitzen würdige, tüchtige, vortreffliche Männer. Aber nicht drei oder vier sind darunter, die ihr Leben mit dem, was die Kultusgemeinde zu ihrer Existenz berechtigt, in Uebereinstimmung bringen. Es klaSt eine furchtbare, unüberdrückbare Kluft, ein Abgrund, zwischen ihren innersten Ueberzeugungen und dem, was sie öffentlich vertreten sollen. Daß daraus ein ernster sittlicher Konflikt entstehen muß, wird deshalb nicht gefühlt, weil die Richtung der Gemeindeverwaltung eine akademisch-konservative ist. Es ist jedoch ein überwundener Standpunkt, daß z. B. in dem großen Beamtenkörper der Kultusgemeinde, der seine Pflicht im Verwaltungswesen getreulich erfüllt, die meisten unjüdisch im weitgehendsten Sinne des Wortes *) Wir entnehmen obigen Artikel der letzen Nummer des konservativen „Israelit" in Frankfurt a. M. Wenn wir auch nicht mit dem ganzen Inhalte dieses Artikels übereinstimmen, da wir uns der Diskussion religiöser Fragen prinzipiell enthalten, so gibt er uns dennoch Gelegenheit, um zu beweisen, wie der Kampf, den wir gegen die Programm- und Kopflosigkeit des Wiener Kultusvorstandes seit Jahren unentwegt führen, auch in konservativen^ Kreisen des Auslandes die vollste Zustimmung findet. Mit Rücksicht auf den großen Umfang des Artikels haben wir einige nebensächliche Ausführungen weggelassen. Anm. d. Red. leben; daß von den ungefähr hundert Lehrern der Religion kaum die Hälfte bescheidenen Ansprüchen in Bezug auf gut jüdisches Leben genügen könnte. Man sollte es nicht für möglich halten, daß Männer, denen Juden und Judentum ehrsames Brot gewähren, unbehelligt die heiligsten Güter des überlieferten Judentums preisgeben dürfen, wo sie doch am leichtesten in der Lage wären, treue Hüter des Religionsgesetzes zu sein. Der weitest gehende Liberalismus wird solche Verhältnisse, wenn er nicht in Frivolität ausarten will, unmöglich billigen können. Das heißt nicht mehr Toleranz, sondern Selbstmord. Es ist aber trotzdem ganz außer Frage, daß der Wiener Kultusvorstand das Beste will. Nur weiß ernicht, waserwollensoll. Die sichere, unbezweifelbare Tatsache, daß das jüdische Leben aus den Häusern gänzlich schwindet, im Privatleben der Gemeinde nicht nur keine Rolle spielt, sondern offenkundig befeindet wird; daß das Judentum sich fast ausschließlich in den Synagogen auslebt und da nur an den hervorragendsten Feiertagen, an welchen aber durchaus keine der jüdischen Bevölkerung entsprechende Teilnahme festgestellt ist; daß das in den Schulen aller Kategorien gelehrte Judentum mit den größten Widerständen zu kämpfen hat und jeder positiv-jüdischen Religionsunterweisung ängstlich aus dem Wege zu gehen bestrebt ist; — daß die also mit so großem Aufwände von Geld und Kraft bewerkstelligte jüdische Erziehung der Jugend, zu der auch die Jugendgottesdienste zu zählen sind, ihren Zweck durchaus mangelhaft erreicht; — all' diese Tatsachen bringen den ernstlich besorgten Vorstand zur Verzweiflung. Die Rabbiner versehen ihr so schweres, verantwortungsvolles. Amt; auf Kanzel und =- Katheder. Sie sorgen nicht für die Pflege der Thora in der Oeffentlichkeit; eine durch nichts zu entschuldigende Unterlassung. Sie predigen und lehren, ermahnen und verweisen, suchen — oft vergeblich — Einfluß auf die Familie zu gewinnen und es gelingt ihnen auch zuweilen, einzelnen oft, durch Unermüdlichkeit, Geschicklichkeit und eiserne Konsequenz, die Herzen zu gewinnen, die Gemüter zu erweichen. Die Synagogen jedoch sind schlecht besucht. Freizusprechen sind die Rabbiner aber nicht. Alle diese Umstände, welche den Vorstand zum Teile selbst verschuldet, verursachen es, daß Nebenregierungen entstehen, die dem Vorstande unbemerkt, aber sicher die Zügel aus Händen nehmen und in geschickter Weise immer festeren Fuß in der Gemeinde fassen. Diese Nebenregierung hat bereits im Vorstande selbst die Macht und gehtvondenvereinigtenBne-Brith- LogeninWienaus. Hier spielt sich eine der merkwürdigsten Err scheinungen im Gemeindeleben der Gegenwart ab. Durch die kräftige und zielbewußte Organisation gegenüber den zerfahrenen und marastischen Zuständen in den Gemeinden haben die B. B. naturgemäß Oberhand gewonnen. Sie arbeiten sicher, stehen auf breiter Basis, haben starken Rückhalt. Die B. B. sind verpflichtet, sich für das Judentum zu interessieren. In Wien, wo in den gutbürgerlichen und Intelligenzkreisen das Judentum in den letzten Zügen lag und zum Teile noch liegt, hatte diese Bruderschaft leichte Arbeit. Unkenntnis auf der einen, Indifferentismus auf der anderen Seite. Man brauchte bloß fest auftreten und hatte Boden unter den Füßen. Sofort aber machte sich auch in diesem Kreise die österreichisch-wienerische Marke fühlbar. Bei aller Liebe zum Judentüme, sollte diese Liebe so platonisch

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