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Neue Nationalzeitung · 1910-08-05 · Heft 16 (5.8.1910) · p. Seite 3

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 16 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 16 „Neue National-Zeitung" ein Aktionsfeld zum Schutz gegen jeden Eingriff von Seiten einer Rasse sich vorbehalten zu müssen, deren Geschicklichkeit, Energie, Verstand und Unternehmungsgeist sie fürchten. Was das anbelangt, sind die kaiserlichen Gesetze, die die Juden in gewisse Provinzen und Berufszweige verschließen, ein Akt der Demütigung, zu gleicher Zeit aber auch ein Beispiel der Inferiorität. Indem die russische Regierung den Israeliten das Innere des Reiches verschließt, sie in Polen und in die östlichen Gebiete einpfercht, ihnen den Aufenthalt auf dem Lande und den Ankauf russischen Bodens untersagt, gibt sie offiziell zu verstehen, daß sie den russischen Kaufmann, den russischen Bauer als minderwertig und unfähig, die freie Konkurrenz zu ertragen, betrachtet; für außerstande, einzutreten in den Wettbewerb mit den Söhnen einer besser begabten Rasse, die besser ausgestattet ist, den ökonomischen Kampf zu führen. Das ist im Grunde genommen der wirkliche Sinn der russischen Gesetze, ebenso der rumänischen Gesetze über die Juden, und das erschwert .eben die Abschaffung in so hohem Grade. Vielleicht hat die kaiserliche Regierung eine zu geringe Meinung von den wirtschaftlichen Fähigkeiten von Großrußland; vielleicht achtet sie zu wenig die Talente und die Fähigkeiten der moskowitischen Kaufleute, die Peter der Große so hoch schätzte. Was uns betrifft, wir würden versucht sein, es zu glauben; aber da die Regierung und die führenden Klassen keine höhere Meinung von den Fähigkeiten des russischen Slawen haben, sodaß sie ihn nicht für genügend entwickelt und stark halten, um ohne Gefahr die Konkurrenz des „Semiten" zu ertragen, werden sie sich hüten, Gesetze abzuschaffen, die in ihren Augen nur Schutzmaßnahmen der nationalen Verteidigung zu Gunsten der russischen Majorität darstellen. Man wird also noch warten müssen auf die nahe und vollständige Unterdrückung der Spezialgesetze gegen die Juden. Mit Recht oder Unrecht. Die Mehrzahl der Russen hat nicht genug Vertrauen zu ihren volkswirtschaftlichen Kräften und ihrer kommerziellen Erziehung, um sich mutig dem Abenteuer entgegenzuwerfen, das ihnen als das zweifelhafteste erscheint. Das Vertrauen zu sich, das die Franzosen der Revolution hatten, als sie alle Ausnahmsgesetze und alle Privilegien aufhoben, das, was nach unserem Beispiel und uns nachahmend die Engländer, die Deutschen, die Ungarn, die Italiener gezeigt haben, haben die Russen nicht und es wird vielleicht lange Zeit dauern, bis sie es erwerben. Je lebhafter die Konkurrenz, wird, desto hartnäckiger gestaltet sich zwischen den Individuen und den sozialen Gruppen der Kampf um das Dasein und immer drohender macht sich die Stimme derjenigen geltend, die vorgeben, die Chancen eines Erfolges zu erhöhen, wenn sie mit Hilfe des Gesetzes eine Kategorie von Konkurrenten entfernen. Zwischen dem russischen Slawen und dem modernen Juden sind die Gegensätze zu stark, als daß der erste nicht geneigt wäre, gegenüber dem zweiten sich des bequemen Schildes, den das Gesetz darbietet, zu bedienen. Vielleicht ist es wahr, daß das, was als ein Vorteil gegenüber der Trägheit erscheint, eine Unannehmlichkeit für den Staat bedeutet, der unter dem Vorwande, einen Teil seiner Untertanen gegen den anderen zu schützen, Gefahr läuft, selbst die allgemeine Entwicklung des Landes zu hindern. So lautet die Ordre der Rücksichten, gegen die, in Rußland wie anderwärts, sich wenige Geister zu erheben wagen und die überall die Massen indifferent läßt. Mag man dies wünschen, mag man dies fürchten, man muß ohne Zweifel für lange Zeit darauf verzichten, in Rußland eine Art Decret Cremieux erscheinen zu sehen, das mit einem Schlag den Juden des Reiches alle den orthodoxen Russen zuerkannten Rechte gewährte. Eine ähnliche Maßregel wäre nur in einer Epoche der Revolution möglich gewesen, zur Zeit des glühenden Enthusiasmus, wo die Parteien und die Völker, gleichsam über sich selbst erhoben, sich zu plötzlichen Resolutionen entschlossen, welche sie, sobald einmal die Ruhe wieder hergestellt und der Enthusiasmus der ersten Tage gesunken war, selbst zuweilen bedauerten. Wenn die erste Duma weiteren Bestand gehabt hätte, wenn sie Erfolg gehabt hätte, nach dem Traume einiger Mitglieder der „Kadettenpartei", die sie zu einer Konstituante erheben wollten, vielleicht hätte sie so wie un- .sere großen Nationalkonvente die Kühnheit gehabt, die Gleichheit vor dem Gesetze zu dekretieren, ohne Unterschied der Abstammung oder der Religion. Sie hätte sich vielleicht der Logik der Ideen angepaßt, die im Taurischen Palast die politische Majorität mit sich fortrissen, nach dem Beispiel unserer Revolution, das so viele junge Volkstribunen des Nordens zum Modell zu nehmen schienen. Dessenungeachtet zweifelten viele Russen, viele Juden daran. Während des Mandschureikrieges und während der ersten zwei Jahre des neuen konstitutionellen Regimes habe ich mich an drei aufeinanderfolgenden Frühlingen in Odessa, Kischinew, Kiew, Warschau, Wilna, Petersburg und den Provinzen des Reiches aufgehalten, wo durch das Gesetz die jüdischen Massen eingepfercht gehalten werden. Ich stellte den Juden Rußlands, wie ihren Freunden in Europa und Amerika, dar, daß die einschränkenden Gesetze, worüber sie klagten, ohne Zweifel ein Ende mit dem autokratischen Regime nehmen würden. Die Mehrzahl schenkte diesen Hoffnungen keinen Glauben; die Vernünftigsten und Gemäßigtesten wagten kaum irgendwelche langsame Detailreformen zu erhoffen. Die Hitzigsten, die Ungeduldigsten waren der Ansicht, daß für die Juden nur von einer Revolution eine Hoffnung zu erwarten sei. Das ist der Grund, weshalb so viele unter ihnen gemeinsame Sache mit den extremen Parteien zu machen geglaubt haben. Von der kaiserlichen Regierung, den „Oktobristen", den gemäßigten Konstitutionalisten, glaubten sie nichts erhoffen zu können. Dieser Pessimismus, ich gestehe es, erschien mir übertrieben und ungerecht. Der Ausgang hat gezeigt, daß er weder das eine noch das andere war. Ist dieses Mißtrauen der Juden vollkommen gerechtfertigt? Das neue Regime gibt vor, aus Rußland einen modernen Staat zu machen; es ist unbequem, daß es immer die Gesetze mittelalterlicher Anschauungen aufrecht erhält, welche 5 Millionen Untertanen des Zaren in den Ortsprovinzen gefangen halten, wie hinter den Mauern eines einsamen Ghettos. Es ist wahr, die Söhne Israels können es nicht erwarten, diese Mauern mit einem Schlag einstürzen zu sehen, auf die Stimme einiger Dumatribunen hin, wie einst die Mauern von Jericho beim Klang der Trompeten des Josua. Man könnte heute an ein Gesetz nach französischem Muster denken, welches mit einem Federstrich diese ganze konfuse exeptionelle Gesetzgebung abschaffte, die nur nach den Personen und den Provinzen wechselt und Unterschiede im Königreich

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