Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 16 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Neue National-Zeitung" Nr. 16 gegeben, indem es alle Gesetze und die den Verfolgern des mosaischen Glaubens gewährten Spezialreglements abschaffte. Ein kaiserlicher Ukas, ein Gesetz, ja ein Artikel allein würde da genügen. Das ist die radikalste Lösung; sie ist außerdem die logischeste und die gerechteste. Wenn sie auch in Rußland zahlreiche Anhänger hat, vor allem unter den Gruppen der Linken, so begegnet sie unglücklicher Weise noch mehr Gegnern. Welche Meinung man immer über die Frage haben kann, so kann man doch erkennen, daß das Rußland des Kaisers Nikolaus IL, das konstitutionelle Rußland der III. Duma, nicht geneigt ist, sie mit einem Schlag im modernen Sinne zu lösen, d. h. im Sinne der vollen Freiheit, der vollen Gleichheit. Mehr als ein Russe unter den Liberalen selbst oder denjenigen, welche behaupten, es zu sein, erklärt, daß Rußland für eine so radikale Maßregel nicht vorbereitet ist. Einige versichern sogar, daß der Geist des Landes noch so oppositionell ist, daß eine vollständige Emanzipation der 5,000.000 Israeliten sich gegen diese und gegen den öffentlichen Frieden richten könnte, indem sie den Haß und die Wut der Volksmassen erregte. Die Gleichheit der Juden und Christen zu proklamieren, würde, wenn man ihnen glaubt, heißen, Rußland zu einem immensen Pogrom einzuladen, d. h. zur Plünderung und Massakrierung der ganzen jüdischen Bevölkerung. Sogar unter dem Vorwande der Sicherheit der Israeliten sprechen also viele Russen den Israeliten die Gleichheit der bürgerlichen Rechte ab. Aber wenn diese Befürchtungen auch aufrichtig gemeint wären, sind sie auch wohlbegründet? Wir werden uns nicht damit abgeben, sie zu diskutieren. Den Russen, die auf die Gefahr einer vollständigen und plötzlichen Emanzipation der Juden hinweisen, kann man erwidern, daß eine derartige Maßregel, plötzlich, auf einmal durchgeführt, nicht ohne Unannehmlichkeit, vielleicht selbst ohne Gefahr erfolgen dürfte. Um jeder Furcht zu begegnen, genügt es nicht, auf das Beispiel der benachbarten Länder zu verweisen, wo die Gesetze über und gegen die Juden ungestraft abgeschafft werden konnten. Die Zahl der Israeliten macht die Frage in Rußland schwieriger als überall anderwärts. Weiters hieße es ungerechter gegen die Russen zu sein, wenn man sie mit ihren Nachbarn im Okzident vergleichen wollte. Welche Fortschritte in jedem Sinne auch das alte slawische Reich gemacht hat, so ist doch die Masse seiner Bewohner in intellektueller und volkswirtschaftlicher Beziehung weit davon entfernt, denselben Grad der Kultur erreicht zu haben, wie die Völker der Mitte oder des Ostens von Europa. Als das Traurigste aber erscheint der Umstand, was bisher noch niemand gemeldet hat, daß Rußland in Bezug auf bürgerliche und religiöse Gleichheit heute rückständiger als die Türkei ist Die Gleichheit der bürgerlichen und politischen Rechte, die die Majorität der orthodoxen Russen beharrlich den Juden verweigert, haben die muselmanischen Türken ohne Widerstreben den Juden der Türkei gewährt, ebenso wie den Christen. Es ist wahr, daß im ottomanischen Reiche die religiöse Freiheit, ohne noch vollständig zu sein, wenigstens für die Muselmanen, seit langer Zeit viel größer war, als im Reiche des Zaren. Es ist auch wahr, daß in der Türkei die gesetzliche Toleranz nicht die Ausbrüche des Volksfanatismus hinderte, ebenso wie es die Behörden, die Wächterinnen der Gesetze, noch gestern unter dem abgesetzten Sultan waren, die die Banden der Massakrierenden entfesselten. Geschieht es nun aus Fanatismus und bloßem Intoleranzgefühl, daß das jetzige Rußland sich weniger liberal zeigt als die neue Türkei? Sicherlich nicht. Einzig der orthodoxen Intoleranz die russischen Gesetze über die Juden oder, allgemein gesprochen, die religiöse Gesetzgebung des Reiches über die verschiedenen Kulte in die Schuhe zu schieben, hieße bei diesen delikaten Fragen bloß eine Seite der Dinge zu sehen, die augenfälligste und die ärgerlichste, aber nicht die einzige. Es würde bedeuten, daß die Ukase über die Unierten, über die Abschaffung des griechisch-unierten Ritus im Reich, die Gesetze und Reglements über die Juden einzig von religiösen Erwägungen, von übertriebenem Eifer für den orthodoxen Glauben diktiert sind. Soll das heißen, wie gewisse russische Schriftsteller sich nicht scheuen, zu versichern, daß Religion und Intoleranz vollständig ausländischer Herkunft sind? Wir werden nicht wagen so weit zu gehen; die Pogroms, die Plünderungen und die Judenmassakres, die in den letzten Jahren straflos soviel russische Städte mit Blut befleckt haben, gestatten uns dies nicht. Diese oft vom Aberglauben oder von erdichtetem Menschenmord, wie dem Glauben an den Ritusmord veranlaßten Pogroms treten gewöhnlich zur Zeit der Osterfeste auf. Wenn diese religiösen Antipathien nicht durch Fanatismus allein hervorgerufen wurden, so haben sie daran doch einen deutlichen Anteil. Aber wenn im heutigen Rußland wie im alten Spanien oder im mittelalterlichen Europa die Intoleranz und die religiösen Vorurteile den Volksbewegungen gegen die Juden nicht ferne stehen, so sind sie doch nicht deren einzige Ursache. Mit mehr Recht gilt dies für die russische Gesetzgebung über die Juden. Diese vexatorischen Gesetze, die weit davon entfernt sind, nur vom Eifer des christlichen Glaubens inspiriert zu sein, und wenig entsprechend dem evangelischen Geiste, sind vor allem von nationalen Erwägungen oder wirtschaftlichen Rivalitäten getragen. Und es ist wahr, daß das jetzige Rußland nicht weniger war als Spanien oder das Frankreich von ehedem. Wenn Rußland wie diese letzten lange Zeit die religiöse Einigkeit vorfolgt hat, so war dies aus politischem Interesse, weil es darin das einzige Mittel erblickte, die moralische Einigung zu erreichen. Nun, wir wissen aus Erfahrung, wie das Forschen nach moralischer Einigung plötzlich zur Intoleranz selbst die Parteien und die Regierungen führte, die sich rühmen, aller religiöser Vorurteile ledig zu sein. Der Weltirrtum der russischen Regierung, der Irrtum, der lange Zeit der aller Souveräne und aller Völker gewesen ist, des Spanien unter Philipp IL, des Frankreich unter Ludwig XIV. bis zum England unter den Tudors, hat darin bestanden, die Einigkeit in religiöser Gleichheit zu suchen. Von diesem archaistischen Irrtum hat das Rußland des 20. Jahrhunderts sich nicht zu befreien verstanden. Da es ihm nicht gelungen ist, sich davon zu befreien, wird es Mühe haben, in seinem Gebiete die volle religiöse Freiheit herzustellen- Zu den nationalen Erwägungen gesellen sich, um die die Rechte der Juden beschränkende Gesetzgebung aufrecht zu erhalten, volkswirtschaftliche Auffassungen. Diese Befürchtungen sind nicht nur Rußland eigen. Die Russen, ebenso die Rumänen halten sich nicht für fähig, der Konkurrenz der Juden die Stirne zu bieten. Indem sie den Juden den Aufenthalt in gewissen Gebieten oder gewissen Provinzen untersagen, behaupten sie, wie bei einer gehegten Jagd,