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Neue Nationalzeitung · 1910-08-05 · Heft 16 (5.8.1910) · page 1

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 16 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
– (sequence 1)
Language
German
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NSU5 WCIONßL-ZEßUNG RERflUSGBBERI DrS.R.LANDftU XII. JAHRGANG. WIEN, 5. AUGUST 1910. Nr. 16. Die Lage der Juden in Russland. Von Anatole Leroy-Beaulieu.*) Die katholischen Polen sind nicht die einzigen Untertanen des Zaren, in denen der Toleranzukas vom April 1905 Hoffnungen, die bereits teilweise erstickt waren, wieder erweckt hatte. Das gilt noch mehr bezüglich der Juden. Wenn es ein Gebiet gibt, wo die russische Legislative wenig Fortschritt gemacht hat, so" sind es sicherlich die auf die Juden bezüglichen Gesetze. In Rußland, richtiger im russischen Reiche, lebt beinahe die Hälfte der gesamten Judenschaft derWelt. Man schätzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Gesamtziffer der in allen fünf Erdteilen zerstreuten Juden zwischen 10 und 11 Millionen. Mehr als 5 Millionen wohnen in den Ländern des Zaren. Und unter ihren Religionsgenossen in Europa, Asien und Amerika stammen viele aus dem russischen Reiche. Seit einem Vierteljahrhundert entweichen Tausende und Tausende israelitischer Familien jährlich den Grenzen Rußlands, um in anderen Staaten, besonders in Nord- und Südamerika, das zu erreichen, was die Trümmer von Israel auf *) Im Aprilhefte der „Revue des Deux Mondes" hat der berühmte Pariser National-Oekonom, der bereits wiederholt, am markantesten in seinem Werke „Israel chez les nations" und in seinem Vortrag „L'Antisemitisme" zur Judenfrage Stellung genommen hat, mit der Veröffentlichung einer Artikelserie begonnen, die „La Eussie Nouvelle et la liberte religieuse" betitelt ist. .Ein umfangreicher Aufsatz ist speziell der Lage der Juden in Kußland gewidmet und hat den Zweck, ihre Rolle und ihre Leiden zu schildern, insbesondere aber die judenfeindlichen Argumente über die Undurchführbahrkeit der Aufhebung des Ansiedlungsrayons und über den „jüdischen" Charakter der russischen Revolutionen zu widerlegen. Gerade diese letzten Ausführungen verleihen dieser Publikation eine hochaktuelle Bedeutung, weswegen wir den auf die Juden Bezug habenden Artikel in deutscher ITebersetzung für unsere Leser mit seinem vollen Inhalte veröffentlichen. Anm. d. Red. russischem Boden noch nicht erreichen konnten, nämlich Freiheit und Gleichheit. Seit etwa 15 Jahren verlassen beinahe 100.000 Juden jedes Jahr Polen, Lithauen, Kleinrußland, größtenteils um sich in den deutschen Hafen auf Dampfern der Hamburg-Amerika oder des Norddeutschen Lloyds einzuschiffen, die sie unter Gewährung ermäßigter Fahrpreise zum Hafen von New-York befördern. Diese Stadt, die das große moderne Zentrum der Judenschaft geworden ist, zählt heute nahezu eine Million Juden, sodaß gewisse Amerikaner sich damit unterhalten, von New-York als von Jew-York (Juden-York) zu sprechen. Diese ununterbrochene Auswanderung russischer Juden nach den Vereinigten Staaten,- nach Südamerika, nach Palästina, bis nach Transvaal, scheint die israelitische Bevölkerung des Reiches nicht zu vermindern. Sie absorbiert bloß den jährlichen Ueberschuß der Geburten über die Todesfälle. Wie die Auswanderung der Juden sich auch entwickelt haben mag, von ihr kann man eine Lösung der jüdischen Frage nicht erwarten. Diese Frage, eine Erbschaft des alten Polen, kann nur in Rußland und durch die russischen Gesetze gelöst werden. In der Theorie ist die Lösung: Es gibt nur eine, und sie ist sehr einfach. Sie bestünde in der Unterdrückung der Spezialgesetze über die Juden, der vielfachen Gesetze, die durch Reglement und Ausnahme jeder Art kompliziert sind, die heute einen voluminösen Codex darstellt, oder besser noch ein Labyrinth, in welchem sich auszukennen die erfahrensten Juristen oft Mühe haben. Rußland, das schließlich ein modernes Land geworden ist, hätte nur den anderen europäischen Staaten nachzuahmen und das Beispiel zu befolgen, das die französische Revolution Europa und der Welt

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