Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 15 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 „Neue National-Zeitung" Seite 11 FEUILLETON. A. M. Weissenberg: Die "Widerspenstige. (1. Fortsetzung.) Auf der bleichen Wand liegt ein stiller verträumter Schatten: des Fuhrmanns Schattenbild. Jossei rührt sich nicht und blickt versonnen auf den Rauch der Zigarette, der sich wie ein zartblauer Schleier durchs Zimmer weitet, und wiegend flechten sich die dünnen Fädchen ineinander und verschweben wie lichtes, sommerliches Gewölke. Immer tiefer umwallt den Fuhrmann das Meer der Träume. Und wie mächtige Schatten legt sich die Trauer um seine braunen Züge. Aus seinen blauen Augen schweifen durch die verkrampften schwarzen Brauen die Blicke in das Wesenlose hinein. In die Stille gleitet ein Lied. Die Lippen mögen es pfeifen, eine traurige Melodie. Jossei selbst weiß nichts davon. In seine Seeleneinsamkeit dringt nicht sein eigenes Lied und nichts von der Alten Reden im anderen Zimmer. Ich aber schleiche mich an die Tür und blicke durch die kleine Scheibe. Ein Zimmer. Ein Bettchen mit zwei schlafenden Kindern. Oben steht ein Tisch gegenüber zwei nebeneinander stehenden Betten, die an eine kalkgetünchte Wand gerückt sind. In dem einen blickt aus der Ueberdecke ein blasser, von schwarzem Haar umrahmter Kopf hervor. Und seine Augen sehen zum andern Bett, wo ein junges Weib mit einem weißen, gestickten Kopftuch liegt. Ihr Oberbett ist halb abgedeckt. An dem Gestell steht die Alte; ihre flehenden Blicke sprechen zur Tochter: Wie lange soll das dumme Spiel noch dauern? Willst du mir den letzten Tropfen Blut aus dem Herzen nehmen? Die Alte bittet und weint. Das junge Weib rührt sich nicht und blickt wehmütig still auf das Lämpchen, das neben dem offenen Gebetbuch auf dem Tische steht. „Sieh," fängt die Alte wieder an, „will ich etwas Schlechtes von dir? Kann eine Mutter etwas Schlechtes von einer Tochter wollen? Aber du mußt nun doch endlich mit deinen Kindereien aufhören. Schon acht Wochen, acht geschlagene Wochen bist du verheiratet. Und noch immer nicht bist du . . . Ach deine Widerspenstigkeit, ach die bösen Teufel und Geister, die dich umgarnt haben, werden dich noch in die Hölle bringen. Ich arme Mutter. Wo hat man solche Not gehört? Sieh, Tochter," und sie weist auf das aufgeschlagene Buch hin, „was in der heiligen Bibel steht: Durch solches Tun werden die bösen Geister geschaffen, die verbrennen und wieder werden, und die uns in die Hölle schleudern. In der Hölle, hörst du, wirst du Elende dein elendes Ende finden und wirst niemals wieder auferstehen." Die Tochter reißt sich hastig das Oberbett über den Kopf. Aber ein haßerfüllter Blick trifft noch die Mutter. Verzweifelt ringt sie die Hände. Die Augen, vom Schmerz zusammengepreßt, zur Decke gerichtet, sagt sie bitter: „Großer Gott, was läßt du mich leiden? Die eine Tochter hast du mir genommen. Hättest du mich nur zu dir genommen! . . . Nimm mich zu dir, wenn ich nur ein einziges gutes Werk vollbracht habe. Reiß mir, du, reiß mir das Herz aus dem Leibe, das Herz deiner Mutter (und sie zerrt ihrer Tochter die Decke vom Gesicht), zerreiß mein Herz und wirf es in brennende Kohlen! Dann litte es nicht wie jetzt!" Die Tochter will wieder unter die Decke kriechen. Aber die Mutter zerrt sie mit aller Gewalt auf die Erde hinunter, und vom Sturme der Seele gepeitscht, rast sie im Zimmer auf und ab. Plötzlich bleibt sie wieder vor dem Bett stehen. Ihre Augen sprühen Schrecken und mit schneidender Stimme schreit sie: „Scheusal du! Unter meinem Dach soll diese Sünde nicht hausen. Leben oder sterben!" — Sie eilt zum Kinderbett, nimmt einen Strick, den sie doppelt legt und stürzt auf die Tochter, die, ihre nackten Beine unter das Nachthemd gezogen, zusammengekauert im Bette liegt. Erschreckt blickt sie auf die rasende Mutter; die aber schreit: „Genug gesündigt! Genugsam verhüllt! Jetzt muß aufgedeckt werden ... In meinem Haus ist die Sünde, die Sünde, die Sünde." Und die Tochter greift nach dem Strick, der über ihrem Kopfe hin und her schwingt. Aber schon saust der harte Strang auf den weichen Leib der Tochter nieder .... Der junge Ehemann schrickt in seinem Bette auf, als hätte sich der Strick in seinen Leib gegraben. Nur eine Sekunde. Und da er seines Weibes jämmerliches Wehgeschrei hört, blitzt sein Auge, flammt sein blasses Antlitz wild vor — Genugtuung! „Soll sie nur für ihre Widerspenstigkeit büßen, ja büßen." Und die Schadenfreude fächelt sein Herz. Ich blicke schaudernd auf die Szene. Da bekomme ich einen Stoß gegen den Arm. Ich drehe mich um, Jossei, der Fuhrmann! Ihre Stimme zerrt ihn an das Fensterchen. Im anderen Zimmer tobt der Tumult. Die Kinderchen sind aufgewacht, zappeln und schreien, wie junges Geflügel am Vortag des Versöhnungsfestes. Doch die Alte peitscht die Tochter immer wilder und blickt auf sie herab mit Augen, in denen die Wut und die Lust der Genugtuung sich giftig mischen: „Wars gut, ja, wars gut?" „Schlag mich doch tot!" „Ja, dich muß man totschlagen!" Und da der Strick immer wieder niedersaust, sinkt der Oberkörper der Tochter über den Bettrand. Die eine Hand stemmt sie gegen den Fußboden und reißt mit der anderen Hand das Oberbett nach unten. Die Mutter wirft sich auf sie. Ein wildes Ringen. Die Tochter schnellt ins Bett zurück und gräbt sich in den Strohsack unter dem Laken ein. „Hilfe, Hilfe!" schreit sie mit aller Kraft, und ihr Schrei übertönt das Weinen und Lärmen der Kinder. Da stürzt Jossei gegen die angekettete Tür. Die Wut knirscht in seinen Zähnen. Ein Stoß und (sich zusammenkauernd) noch ein kräftiger Stoß mit den Schultern: und die Kette zerbricht krachend. Die Tür springt auf und Jossei stürmt ins Zimmer wie toll! Die Mutter schrickt empor, wie er drohend vor dem Bette stehen bleibt. „Deborah," schreit er, „du willst dich totschlagen lassen? Deiner Mutter zulieb. Meinst du, sie wird dich beklagen, wenn du tot bist?" „Kerl! Elender! du Lump! Du wagst es, in meine Stube einzudringen." Der Ehemann springt aus