Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 15 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 „Neue National-Zeitung" Seite 9 des jüdischen Blutes und der jüdischen Rasse unbegründet sei. Zahlreiche ehemals jüdische Familien hätten in verschiedenen Ländern hervorragende Stellungen eingenommen und auf mannigfachen Gebieten ihrem Geburtsstande und der Menschheit große Dienste geleistet. Was der Stifter beleuchtet sehen wollte, war das Marannenproblem in physiologischer und kultureller Hinsicht. Prof.Meyerhoffer erachtete dieses Problem als wissenschaftlich so interessant und praktisch so bedeutungsvoll, daß er annahm, sein Beispiel würde Nachahmung finden und der von ihm gestiftete Fonds durch Spenden anderer Glaubensgenossen erhöht werden. Doch sollen die Zinsen der Prof. Meyerhoffer-Stiftung auch anderen jüdisch-statistischen Arbeiten zu gute kommen. * Der Hilfsverein der Deutschen Juden. Berlin. Am 22. Juni fand unter dem Vorsitz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusse des Hilfsvereines der Deutschen Juden statt. Mit großer Genugtuung nahm der Ausschuß von der Mitteilung des Vorsitzenden Kenntnis, daß dem Hilfsverein der Deutschen Juden im Laufe der letzten neun Monate für die Hauptgebiete seiner Tätigkeit erhebliche Mittel zugeflossen seien. Jedoch reichen diese Mittel noch immer nicht für die großen Aufgaben, die der Hilfsverein im Jahre 1910 zu erfüllen hat und die wiederum eine halbe Million Mark erfordern dürften. Zu Gunsten der russischen Juden, deren Lage immer trauriger und trauriger wird, sind rund Mk. 120.000 eingegangen. Ausserdem erhielt der Verein von vier hochherzigen Spendern Mk. 80.000. Aus den Bewilligungen des Vereines sei hervorgehoben, daß für drei von Brandkatastrophen heimgesuchte russische Orte gemeinsam mit dem Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. Mk. 3750 angewiesen wurden. Die Ausgaben für das Hilfswerk in Rußland und die Tätigkeit auf dem Gebiete der Auswanderer betragen im ersten Halbjahr 1910 bereits über Mk. 130.000, die Ausgaben für das Schulwerk bisher über Mk. 100.000. GSMEiNÜ5=UNö VSRekNSNMftRiUWW Wien. (Akademischer Verein „Jüdische Kultur".-) Inf ormationsbureau. Um den aus dem Osten an die Wiener Hochschulen kommenden Studenten alle nötigen Auskünfte bezüglich des Studiums, Unterkunftsverhältnisse und dergleichen zu bieten, hat der akademische Verein „Jüdische Kultur" wie im Vorjahre für die Zeit der Ferien ein Unterkunftsbureau errichtet. Diese Institution hat sich bisher vielfach bewährt, und ist zu erhoffen, daß sie auch heuer nutzbringend wirken wird. Den Anfragen muß Ketourporto beiliegen. Sämtliche Briefe sind an die Adresse : Caud. ing. Julius E n g 1 e r, Czernowitz (Bukowina), Reitschulgasse la, zu senden. ftLLEN WEßttlLEN Zur Gesetzesvorlage wegen Aufhebung des Ansiedlungsrayons. Die reaktionäre Presse Rußlands schreit Zeter und Mordio anläßlich der von 166 Dumaabgeordneten eingebrachten Vorlage wegen Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons. Die „Russkoje Snamja" fordert das „Volk" auf, Massenpetitionen an den Zaren zu richten mit dem Ersuchen, gegen die 166 „Verbrecher" einen Prozeß wegen Hochverrats anzuordnen. Die „Semschtschina" hingegen erklärt in aller Seelenruhe, nach der wiederholten entschiedenen Erklärung der Regierung, wonach an eine Besserung der Rechtslage der Juden nicht zu denken sei, brauche man sich über die „Frechheit" der 166 Dumaabgeordneten nicht weiter aufzuregen. Das russische Volk werde es sich nie gefallen lassen, daß man es mit Haut und Haar seinen „Blutsaugern", den Juden, außliefere. Das offizielle Organ der Oktobristenpartei „Golos Moskowy", das diese Gesetzesvorlage gerne als Verdienst der Oktobristen hinstellen möchte, wiewohl von den 166 Unterschriften bloß 24 oktobristischen Abgeordneten angehören, begründet die Berechtigung dieser Vorlage damit, daß die Einschränkung der Juden in der Wahl ihres Aufenthaltsortes die russische Bevölkerung doch nicht vor der Ausbeutung schütze, da die ökonomisch stärkern, und daher für die Russen im Konkurrenzkampf gefährlicheren jüdischen Elemente schließlich doch Mittel und Wege fänden, um jenseits des Ansiedlungsbezirkes einzudringen, die Einschränkung also nur die arme jüdische Masse treffe. Die zionistische Jahreskonferenz fand vom 27. bis 29. Juni in Berlin statt. Es wurde beschlossen, den nächsten Kongreß bis spätestens im Sommer 1911 (wahrscheinlich nach Wien) einzuberufen. Dem Kongresse sollen u. a. Vorschläge unterbreitet werden, daß der Sitz des Engeren Aktionskomitees von Köhl nach einem größeren jüdischen Zentrum (wahrscheinlich nach Berlin) zu verlegen und daß weiters der Präsident nicht mehr vom Plenum des Kongresses, sondern vom Engeren Aktionskomitee selbst aus seiner Mitte zu wählen sei. Der Bericht, betreffend die zionistische Presse, wurde in der geheimen Sitzung verhandelt. Wie wir erfahren, soll die „Jüdische Rundschau*, das Berliner zionistische Organ, wegen Mangels an einem geeigneten Redakteur in anderweitige Hände übergehen. Ein „Feuerbuch" für die jüdischen Abbrändler in Russland« Der bekannte Jargonsehriftsteller S c h o 1 e m- AI e i c h e m (S. Rabbinowitz), der gegenwärtig im Badenweiler (Schwarzwald) zur Kur weilt, erläßt im „Heed Hasman" einen Aufruf an die jüdischen Schriftsteller, Journalisten, Zeichner und Komponisten Rußlands, in dem er folgende Aktion anregt: Es soll eine Sammelschrift in hebräischer, jüdischer und russischer Sprache mit Bilderschmuck und musikalischen Beiträgen herausgegeben werden, deren Ertrag zum Besten der von der Feuersbrunst heimgesuchten jüdischen Bevölkerung im Ansiedlungsrayon verwendet werden soll. Sämtliche literarischen, zeichnerischen und musikalischen Beiträge sollen unentgeltlich zur Verfügung gestellt werden, desgleichen sollen jüdische Papierhändler das Papier umsonst liefern, und auch der Satz und Druck sowie die Buchbinderarbeiten usw. sollen ohne jedes Entgelt besorgt werden, so daß die Herstellung des „Feuerbuches" — diesen Namen schlägt Scholem-Aleichem für das geplante Sammelwerk vor — völlig kostenlos erfolgen würde. Die jüdischen Zeitungen sollen Gratisannoncen betreffs der Sammelschrift aufnehmen, die jüdischen Buchhändler den Vertriebunentgeltlichübernehmen. Ein eigenes Redaktionskomitee, das selbstverständlich ebenfalls unentgeltlich mitwirkt, soll sich an sämtliche bekannten Schriftsteller und Künstler Rußlands — eventuell auch an nichtjüdische — um literarische Beiträge, Autogramme, Zeichnungen, Kompositionen usw. wenden und alle erforderlichen Vorarbeiten leisten. — Auf diesen Aufruf hin haben sich bereits die Hand- und Maschinensetzer des „Heed Hasman" bereit erklärt, zehn Bogen des geplanten Feuerbuchs unentgeltlich zu setzen. Wir wünschen selbstverständlich diesem humanitären Unternehmen den besten Erfolg. Aber gerade im Interesse desselben wäre es wünschenswert, daß Scholem-Aleichem