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Neue Nationalzeitung · 1910-07-22 · Heft 15 (22.7.1910) · p. Seite 8

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 15 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 „Neue National-Zeitung" Nr. 15 Zur Frage der jüdischen Kolonisation in Mesopotamien. Die von der lca nach Mesopotamien ausgesandte Forschungskommission ist dieser Tage nach Konstantionpel zurückgekehrt Wie verfaulet, soll die lca auf Grund der Ergebnisse dieser Forschung bis auf weiteres noch von einer Kolonisirung der Gegend mit Juden Abstand nehmen wollen. Man führt diesen Entschluß der lca auf den plötzlich eingetretenen Stillstand in den Bewässerungsarbeiten in Mesopotamien zurück. Bekanntlich waren die größeren öffentlichen Bewässerungsarbeiten in Mesopotamien dem englischen Ingenieur Sir William Willcocks übertragen worden. Vor kurzem ist nun plötzlich ein Bericht des neuen Gouverneurs von Bagdad, Nasim Pascha, bei der Regierung eingelaufen, der die von Willcocks bis jetzt ausgeführten Irrigationsarbeiten als völlig verfehlt und nutzlos? erklärt und die Annullierung des Kontraktes mit dem Engländer verlangt. Sir Willcocks ist vom ottomanischen Ministerium vorgeladen worden, und seine bisherigen Konferenzen mit dem Großvesier haben zur Folge gehabt, daß die Bewässerungsarbeiten vorläufig gänzlich eingestellt wurden. Damit ist die Zeit, wo es grossen Ansiedlermassen möglich sein soll, sich am Tigris niederzulassen, noch weiter in die Ferne gerückt worden. SPRECHSd/IL. Die Grunwald-Feier in Lezajsk. Lezajsk, 3. Juli 1910. Verebrlicbe Redaktion! Die hiesigen polnischen Notabein haben eine Anzahl jüdischer Bürger, darunter die jüdischen Genieinderäte, zu der heute hier veranstalteten Grunwald-Feier eingeladen. Diese Einladung nahmen die Juden in ihrer rührenden Einfalt sehr ernst, leisteten derselben pünktlichst Folge, indem sie sich unter den Versammelten zu allererst einstellten. (Wenn eine neue „Thora* eingeweiht werden soll, kommen sie gewöhnlich später.) Sie nahmen auch an den Umzügen teil und kamen dann in den festlich dekorierten Garten mit, wo ein Geistlicher namens Szarley als erster durch eine Tendenzrede die Versammelten erbauen sollte. Dieser Priester beabsichtigte wahrscheinlich den anwesenden Juden einen Vorgeschmack seiner Rede zu geben, denn urplötzlich ließ er einen weithin vernehmbaren Ruf erschallen: „Policya!" (Polizei!) Dieser Ruf allein war schon geeignet, den Anwesenden einen panischen Schrecken einzuflößen, sie glauben zu machen, daß die Versammelten von gefährlichen Räubern oder Anarcliisten umzingelt seien. Ohne die Stimme zu dämpfen, schrie er: „Sagt den Joden, daß sie die Hüte abnehmen oder reißt sie ihnen selbst herunter, aber zusammen mit den Schädeln und den Seitenlocken! Hinaus mit ihnen, sonst werde ich mit ihnen' schon unter Beihilfe der Bauern fertig werden!" Ich fragte mich unwillkürlich, ob Avir uns nicht zufällig auf einer Versammlung von echt russischen Leuten befinden und vor uns auf der Rednertribüne einen Huligan, einen Pogrommacher, haben. Denn fürs erste war es keine Kirche und somit ging es den fremden Geistlichen, der keineswegs das Amt eines Ordners verwaltete, gar nichts an, ob da jemand die Mütze aufhat oder nicht. Allenfalls aber hätte er es den Juden, ohne jedwedes Aufsehen hiedurch zu erregen, sagen lassen können, daß es nicht angeht,- daß sie nicht die Häupter entblößen. Nun aber wurden die Juden als Gäste der gleichfalls im Garten anwesenden hiesigen polnischen Würdenträger von einem wahrscheinlich ungebildeten, allenfalls aber halbwilden Pfaffen beschimpft, ohne daß sie die Komitee-Herren, unter welchen sich auch der jüdische Advokat Dr. Arnold Berger befand, die leiseste Unzufriedenheit über dieses Vorgehen erkennen ließen. Sie hießen somit diesen schändlichen Ueberfall auf ihre Gäste gut! Wurde da das Andenken des allpolnischen, gastfreundschaftlichen Grunwaldshelden geehrt, gefeiert oder vielmehr durch dieses brutale Benehmen geschändet? Wer nur die allerprimitivsten Gesellschaftsformen kennt, versteht, daß es die Pflicht der Komitee-Herren war. den Juden auf der Stelle eine entsprechende Genugtuung zu verschaffen. M. S. lORRßSPONDeNZCN Oesterreich-Ungarn. Baurat Wilhelm Stiassny. Wien, den 16. Juli. (Orig.-Korr.) Im Alter von 68 Jahren ist Wilhelm Stiassny in Ischl, wo er alljährlich Erholung suchte, gestorben. Mit seinem Hinscheiden wird der Wiener Kultusvorstand um eine Persönlichkeit ärmer, deren politisches und öffentliches Wirken feiner Takt und kluge Zurückhaltung kennzeichnen. Baurat Stiassny hat als Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde eine rege, aber stille Tätigkeit entfaltet und manches, was im Verlaufe der letzten Jahre entstand, ist seiner Anregung, oft auch nur seiner Arbeit allein zu danken. Er darf als Begründer des „ Jüdischen Museums" angesehen werden und auch zur Entstehung des jetzt ganz still gewordenen Jüdischen Kolonisationsvereines hat er sein beträchtlich Teil beigetragen. Im Vorstande selbst war er Baufachmann und hielt sich von allen Streitfragen fern. Seine letzte fachmännische Tätigkeit war dem Bau der Mikwah gewidmet, die nunmehr ihren zweiten Architekten verliert. Baurat Stiassny, der früher als Gemeinderat einem liberalen Programm diente, war in der Wiener Gesellschaft eine populäre Figur und sein Interesse für alle Fragen des Lebens und die Leiden des Nächsten ist bekannt. Als bescheidener, arbeitsfreudiger Mensch, wird sein unerwartetes Hinscheiden in allen Schichten und Parteien der Wiener Judenschaft aufrichtiges Bedauern hervorrufen. Deutsches Reich. Die Statistik der Judentaufen. Berlin, Mitte Juli. (Orig.-Korr.) Dem von Ihrem Blatte vor Jahren gegebenen Beispiele folgend, kommt man nun auch in Deutschland zur Ueberzeugung, daß die Täuflinge registriert und öffentlich festgenagelt werden müssen. Diesem Zwecke dient eine jüngst dem hiesigen „Verein für Statistik der Juden" zugefallene Stiftung, über die nachstehendes Kommunique verlautbart wird: „Der vor wenigen Jahren verstorbene Professor an der Universität zu Berlin, Dr. Wilhelm Meyerhoffer, hat in seinem Testament einen Betrag von 20.000 Frcs. für jüdisch-statistische Arbeiten hinterlassen mit dem Wunsche, daß der Evidenzhaltung der aus dem Judentum ausgetretenen Familien besondere Aufmerksamkeit zugewendet werde. Im Sinne des Testators, der zu den ersten Mitgliedern und Förderern des „Vereines für Statistik der Juden8 gehört hatte, hat nun seine Witwe, Frau Prof. Maria Meyerhoffer, geb. Bachrach, das genannte Kapital als Prof. Wilhelm Mey erhoffer- Stiftung auf Grund einer besonderen Satzung dem Verein für Statistik der Juden zur Verfügung gestellt. Wie die Familie des Stifters dem Kuratorium des Vereines mitteilte, hat der Verstorbene durch die Evidenzhaltung der aus dem Judentum ausscheidenden Familien nicht nur die Schaffung eines wirksamen Mittels gegen die Taufbewegung bezweckt. Er wollte vielmehr auch festgestellt sehen, inwieweit jüdische Familien nach ihrem Austritt aus dem Judentum sich rassenrein erhalten, inwieweit sie sich mit anderen Völkern vermischen und wie sie sich in intellektueller und ethischer Beziehung entwickeln. Prof. Meyerhoffer war der Ueberzeugung, derartige Studien würden den Nachweis erbringen, daß die oft gehörte Behauptung von dem zersetzenden Einfluß

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