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Neue Nationalzeitung · 1910-07-22 · Heft 15 (22.7.1910) · p. Seite 6

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XII (1910)
Issue
Heft 15 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 „Neue National-Zeitung" -Nr. 15 11,605.543.91 Kronen, zurückgezahlt 10,129.363.19 Kronen, so daß am 31. Dezember 1909 ein Debet-Saldo von 1,476.180.72 Kronen verblieb. Die Kassen, welche in diesem Lande für den Kleinkaufmann und dem Handwerker von unüberschätzbarer Wichtigkeit sind, üben auch auf das moralische Niveau der armen Bevölkerung in Galizien einen sehr bemerkenswerten Einfluß aus. Sie haben sie dazu geführt, sich mit dem Kreditwesen vertraut zu machen, das so ganz und gar verschieden ist von Almosen, die sie früher gesucht und angenommen haben; die Rückzahlungen erfolgen fast ohne Verlust, im Allgemeinen auch ohne Verzögerung und erweisen klar den erzielten Fortschritt. Billiger Kredit für Jerusalem. Außer den Kassen in Rußland und Galizien haben wir auch in Jerusalem eine Darlehens-Kasse mit einem Kapital von 100.000 Frcs. geschaffen, das sich Ende 1909 durch die aufgelaufenen Zinsen auf 125.335.82 Frcs. erhöht hat. Im letzten Jahre hat die Kasse 161 Darlehen im Gesamtbetrage von 69.979.28 Frcs. bewilligt; die Rückzahlungen betrugen 77.616.65 Frcs. Wir sind der Ansicht, daß die Hilfe, welche wir auf diese Weise, in der Form der Kredit-Gewährung, den verschiedenen Bevölkerungs-Kategorien zuteil werden lassen, einen der wirksamsten Faktoren zu ihrer moralischen und materiellen Hebung bildet. Es sei hier im Gegensatz zu den böswilligen Beurteilungen gewisser Kreise festgestellt, daß das Gefühl der Ehrlichkeit bei der großen Masse der Juden tiefe Wurzel gefaßt hat: die gewissenhafte Regelmäßigkeit, mit welcher die Vorschüsse zurückgezahlt werden, bezeugt dies. Wir werden Anstrengungen machen, die Kredit-Gewährung, welche wir unserer Bevölkerung darbieten, noch weiter auszudehnen und zu erhöhen. Wir werden dies jedesmal tun, wenn wir die Bedingungen der Moralität und Ehrenhaftigkeit erfüllt sehen, welche die sicherste Bürgschaft für diese Institutionen bilden. Wir ergreifen aufs Bereitwilligste die Gelegenheit, allen denen — ihre Zahl ist Legion — unsere wohlverdiente Anerkennung auszusprechen, die mit soviel Eifer, Hingebung und Selbstlosigkeit in der Leitung der zahlreichen Kassen und der Verwaltung der damit zusammenhängenden Unternehmungen tätig sind. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn unsere Gesellschaft nicht überall einer so lebhaften Bereitwilligkeit zur Errichtung und guten Leitung dieser nützlichen Institutionen begegnet wäre, wir nicht im stände wären, wie wir dies heute zu tun in der Lage sind, von den schönen Erfolgen zu berichten, die wir Ihnen soeben dargestellt haben. Die jüdische Einwanderung nach Amerika. New-York, im Juni. Wie steht es mit der jüdischen Emigration nach Amerika und welche Aussichten hat sie für die Zukunft? Diese Frage ist für die jüdischen Einwanderer sehr wichtig, weil ihre soziale und politische Zukunft von der Emigration abhängig ist. Je mehr Juden nach Amerika kommen, desto besser ist es für die Juden, die sich bereits früher dort niedergelassen haben. Die Behauptung gewisser jüdischer Führer, daß es in manchen Gegenden schon zuviel jüdische Einwanderer gibt, darf nicht ernst genommen werden. Diese Herren wissen sehr gut, daß sie ihren Einfluß im öffentlichen Leben Amerikas nur der Emigration zu danken haben, sonst wären sie von den amerikanischen Politikern genau so behandelt worden, wie die polnisch-jüdischen Bankiers von den Fürsten,'wenn diese inOeldverlegejnheit waren. Als Männer von politischem Einfluß hätte man sie nie anerkannt Man hätte in Amerika nicht nur von jüdischen Ministern, Senatoren, Kongreßmitgliedern nichts gehört, sondern sogar ein jüdischer Polizeimann wäre eine Seltenheit Die jüdische Emigration ist nicht nur notwendig, um den Einfluß der Juden in Amerika zu stärken, sondern auch um ihre Macht für die Zukunft zu sichern. Die amerikanischen Juden sollten das nicht außer Acht lassen. Die Zahl der Katholiken und anderer natürlicher Feinde der Juden mehrt sich von Jahr zu Jahr. Ueber dreißig Millionen Katholiken leben in den Vereinigten Staaten. Wenn diese in der amerikanischen Politik die Oberhand gewinnen würden, würde es den Juden hier als Juden nicht besser als ihren Stammesgenossen in Ländern wie Frankreich oder Kanada ergehen, wo ein antisemitischer Geist herrscht In den Vereinigten Staaten beginnt der Antisemitismus Wurzel zu fassen. Ein Juniorenverband hat die Judenfresserei in sein Programm aufgenommen. Die kleinen, halbradikalen politischen Parteien des Westens stehen ebenfalls mit ihren Sympathien auf Seite des „Junior Order". In den Kirchen predigt man oft gegen die Juden im allgemeinen und gegen die jüdischen Einwanderer im besonderen. Sogar in Brooklyn, womehrals die Hälfte der Einwohner Juden sind, predigt man mehr als in einem Dutzend Kirchen gegen die Juden. Das Resultat dieser antisemitischen Bewegung zeigt sich in der Beschränkung der jüdischen Emigration. Die Washingtoner Regierung hat mit der Kirchenpartei Freundschaft geschlossen und die Folgen haben wir jetzt vor Augen. Es wird einfach der Versuch gemacht, den Strom der jüdischen Einwanderer nach Amerika zu hemmen. Absichtlich sage ich „jüdische Einwanderer", denn die allgemeine Emigration ist ihnen ganz angenehm. Sogar die Restrictionisten wollen nicht, daß man die Emigration beschränken soll, denn sie ist für Amerika unbedingt notwendig. Sie wollen einfach, daß die 50- bis 60.000 Juden, die jährlich nach Amerika einwandern, in ihrer Heimat bleiben. In den Vereinigten Staaten ist noch nie ein Gesetz gegen die Emigration geschaffen worden, das nicht direkt gegen eine gewisse Klasse von Emigranten gerichtet gewesen wäre. Als der Kongreß beschlossen hat, Einwanderer, die an Trachom erkrankt sind, nicht einzulassen, war dieses Gesetz nicht gegen die Trachom-Kranken gerichtet, sondern gegen jene Elemente, die zu dieser Krankheit prädestiniert sind. Es wurde der Nachweis erbracht, daß Trachom nicht ansteckend ist, aber der Kongreß war anderer Meinung und das Gesetz gegen die Trachom-Kranken kam zustande. Was man also hier gegen die Sizilianer, die sehr zur Trachom-Krankheit neigen, bezweckt hat, versucht man auf andere Weise gegen die Juden. Es ist nachgewiesen, daß mehr als siebzig Prozent der jüdischen Emigranten mit Schiffskarten, die sie von amerikanischen Freunden zugeschickt erhalten, nach Amerika reisen. Alle anderen Emigranten kaufen sich ihre Karten selbst. Gegen wen ist also das Gesetz gerichtet, das solchen Emigranten, die mit „Prepaid"- Billets nach Amerika kommen, den Einlaß verwehrt?

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