Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 15 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 „Neue National-Zeitung" Nr. 15 Ich schließe mit den Worten, die ich vor einem Jahre allen jenen zugerufen habe, die berufen sein werden, auf der Enquete das entscheidende Wort zu sprechen. Sie haben seitdem an Aktualität nichts eingebüßt: „Heraus ihr großen Männer aus allen Lagern! Jüdische Abgeordnete, Bürgermeister, Kultus- und Handelskammer-Präsidenten, heraus! Beweiset, daß es nicht wahr ist, wenn behauptet wird, ihr habt euch die Mandate erkauft und erschlichen, eure Stellung und euer Einfluß beruhen nur auf Servilismus und Korruption — kommet zur Enquete, schildert eure Beobachtungen, erzählet eure Erfahrungen, machet Vorschläge und zeiget, wie genau ihr die Bedürfnisse des Volkes kennt, mit dem, in dem und von dem ihr lebet. Und wenn ihr dann offen, ehrlich und unumwunden die soziale Krankheit der jüdischen Massen enthüllen, wenn ihr den Mut finden werdet, eine großzügige Hilfsaktion zu entwerfen, statt allgemeine Phrasen zu stammeln, dann wird die öffentliche Meinung gewiß auch ihr Urteil über euch korrigieren." L. Abgeordneter Dr. böwenstein über die J-Hlfsakfion. Wie in den Tagblätlern jüngst zu lesen war, hatten die jüdischen Mitglieder des Polenklubs, Doktor Gold, Dr. Kolischer und Dr. Löwenstein — wo war Herr Gall aus Tarnopol? — eine längere Unterredung mit dem Ministerpräsidenten Baron Bienerth, in der neben verschiedenen Lebensfragen der galizischen Judensehaft besonders die Sehänkerfrage und die bevorstehende Enquete erörtert wurden. Die Reichsratswahlen können noch früher kommen, als man erwartet, und da ist es jedenfalls sehr klug, wenn die Herren, die von jüdischen Majoritäten gewählt sind, auch einmal für ihre jüdischen Wähler sich bemühen. Ueber diese Audienz haben die Herren ein Kommunique an die Blätter versendet und auf diese Weise kam die Oeffentlichkeit zur Kenntnis, daß sich die „Juden* des Polenklubs .zum Ministerpräsidenten bemüht haben. Merkwürdigerweise blieb der Oeffentlichkeit ein anderes Ereignis vorenthalten, welches dieselbe gewiß in hohem Maße interessiert hätte: Vor einigen Monaten hat nämlich eine Zusammenkunft sämtlicher jüdischer Abgeordneten aus Galizien, und zwar der zionistischen, sozialdemokratischen und polnisch-assimilatorischen behufs Stellungnahme zur Schänkerfrage stattgefunden. An dieser Konferenz haben aucli Herr Stwiertnia, der Obmannstellvertreter des Polenklubs, sowie Abg. B r e i t e r als Mandatare jüdischer Maj oritäten teilgenommen. Die Tatsache, daß sich sämtliche jüdische Abgeordneten aus Galizien an einen Tisch gesetzt haben, um über wirtschaftliche Fragen ihrer jüdischen Wähler zu debattieren, ist vom Standpunkte der Juden und nicht bloß Galiziens geradezu das wichtigste Ereignis im Laufe der letzten dreijährigen Parlaments-Session. Es zeigte sich, daß die wirtschaftliche Plattform aller jüdischen Abgeordneten zusammenbringen und verbinden kann, wenn sie wollen. Allein über diese Konferenz wurde kein Kommunique veröffentlicht, selbst die zionistischen Abgeordneten und ihre Presse haben sie verschwiegen. Man muß geradezu glauben, daß sich alle Teilnehmer des einzigen vernünftigen Schrittes, den sie bisher unternomm< n haben, schämen. Im Anschlüsse an das Eingangs erwähnte Kommunique finden wir im „Tag" ein Interview mit dem Abg. Dr. Löwenstein, welches abgesehen von einzelnen Selbstüberhebungen als Beitrag zur richtigen Würdigung der Hilfsaktion von Interesse ist. Dr. Löwenstein erklärte: „Wie bekannt, ist es einfach ausgeschlossen (?), dasä alle bisherige Schänker Konzessionen erhalten; dies deshalb, weil die Zahl der Schankkonzessionen kleiner .'ein wird, als die der Schänker. Wir müssen damit rechnen, daß viele Momente gegen die Schänker sprechen: Anti-Alkoholismus, Mäßigkeitsbewegung, die Verletzung der Sonntagsruhe usw. Es bewerben sich auch viele Christen um Konzessionen und es ist gerade unmöglich (?) sie alle abzuweisen und nur an Juden Schänken zu verleihen, da es sonst den Anschein hätte, als ob den Juden ein Privilegium im Schankgewerbe verliehen werde sollte". (Der gute Verteidiger der antijüdischen Argumente vergißt aber, daß wir Juden nicht verlangen, man soll nur Juden Konzessionen verleihen, sondern wir verlangen, daß in erster Linie gewesene Schänker berücksichtigt werden. Wenn sich also in einem Dorfe der polnische Gutsherr oder der Dorfrichter oder eine Beamtens witwe und der bisherige jüdische Schänker um eine Konzession bewerben, so sprechen Recht und Gerechtigkeit für den Juden. Herr Dr. Löwenstein ist diesmal ein sehr schlechter Verleidiger Stapinskis und seiner Sophistik. Änrn. d. Re d.) „Man muß also" — setzt Dr. Löwenstein fort —■ „damit rechnen, daß sehr viele Juden ohne Erwerb verbleiben werden. Unsere Intervention (bei der Regierung) geht also dahin, daß in erster Linie die bisherigen Schänker berücksichtigt werden und zwischen diesen solche, die gar keinen anderen Erwerb haben. Da aber trotzdem noch viele brotlos verbleiben werden, soll für sie die Regierung in der Weise sorgen, wie wenn sie durch Elementarereignisse geschädigt worden wären. Die Regierung unterstützt stets die Orte, die durch Ueberschwemmung, Feuersbrunst oder sonstige Elementarereignisse geschädigt werden; ebenso hätte die Regierung die brotlosen Schänker zu unterstützen. Die Zentralregierung hätte die Summe anzuweisen und Sache der Statthalterei wäre es, auf Grund von Recherchen in gerechter Weise (also nicht an Wahlhyänen oder als Wahlbe=,techungen! Anm. d. Red.) dieselbe zu verteilen. Die Regierung steht dieser Anregung sympathisch gegenüber." Ueber die bevorstehende Enquete selbst äußerte sich Dr. Löwenstein folgendermaßen: „Die Enquete wird sich mit der wirtschaftlichen Lage der galizischen Juden überhaupt beschäftigen. In den maßgebenden Kreisen besteht der ernste Wille, die Enquete durchzuführen und den traurigen Zuständen abzuhelfen. Wir haben die Ueberzeugung, daß die Enquete keine bloße Demonstration, sondern einen praktischen Schritt zur Durchführung einer Hilfsaktion bilden wird." Die weitere Unterredung bezog sich auf die jüdischen Gertifikatisten und die Rabbinerfrage, worüber das wichtigste bereits in Kommunique enthalten war. Neu ist lediglich die Nachricht, daß im September eine galizische Rabbinerkonterenz nach