Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 15 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2425679-2425801-2425817--1740-2428120- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
PI wzimi EiUüNG XU. JAHRGANG. WIEN, 22. JULI 1910. Nr. 15. Die Hilfsaktion für die galizischen Juden. Am 12. September findet also, wie mir Herr Landmarschall Graf ß a d e n i selbst zu bestätigen die Güte hatte, die seit drei Jahren erwartete, im vorigen Jahre verschobene Enquetedes galizischen Landesausschusses zur Untersuchung der Lage des jüdischenProletariates in Lemberg statt. Diese Tatsache spricht für sich. Es hat also gar keinen Sinn, sich schon jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen, ob aus dieser Enquete etwas Praktisches herauskommen wird. Wenn sich der galizische Landesausschuß dazu entschlossen hat, Experten über die Notlage der jüdischen Volksmassen und über die Mittel zur raschen Abhilfe öffentlich anzuhören, so hat er es gewiß nicht aus purer Liebe für die jüdische Bevölkerung, sondern aus politischen und sozialen .Gründen getan. Der Selbsterhaltungstrieb mußte den maßgebendsten galizischen Faktoren sagen, daß die Ignorierung der Judenmassen dieselben in die Arme der Ruthenen und Sozialdemokraten treiben werde und für die wirtschaftliche Zukunft des Landes von katastrophaler Bedeutung sein könnte .... Die Enquete wird zuerst die Situation klären und eine genaue Uebersicht über die wirtschaftliche Notlage der jüdischen Massen schaffen, die bisher fehlt. In Ermangelung einer von Staats wegen geführten konfessionellen Berufsstatistik war man bisher lediglich auf Privatarbeiten angewiesen. Und diese sind unzulänglich. Zeigt sich ja doch am besten bei der jetzt so aktuellen Schänkerfrage, daß die Zahl der Familien und Seelen, die von dem jetzt brotlos werdenden Berufe „leben", nicht genau feststellbar ist! Dann wird die Frage auf die Tagesordnung treten: Was mit den armen Juden anfangen? Es werden zweifellos auch viele unpassende oder unrealisierbare Pläne auftauchen, aber daneben wird sich auch das richtige Wort zur richtigen Zeit, die Vorschläge langjähriger Beobachter, gestützt auf Erfahrung und Studium, einfinden. Je zahlreicher die Pläne, Anregungen und Entwürfe sein werden, um so leichter wird das Richtige gefunden werden können. Durch die Oeffentlichkeit der Enquete wird das Judenelend vor die ganze Welt iu seiner wahren Gestalt treten, während es bisher nur auf das Publikum der jüdischen Zeitungen oder das noch spärlichere der jüdischen Broschüren beschränkt blieb. Und dann wird etwas geschehen müssen. Das Gespenst, das jetzt aufgescheucht wird, ist nicht mehr zu bannen. Allerdings hängt sehr viel von den Personen der Experten ab. Wir wollen hoffen, daß alle in Frage kommenden Schichten repräsentiert sein werden: die Abgeordneten, die Präsidenten der Gemeinden und Wohltätigkeitsanstalten, praktische Industrielle, Sozialpolitiker, volkswirtschaftliche Schriftsteller usw. Wir erwarten von ihnen allen praktische Vorschläge. Denn solche gibt ts bisher nicht. Alle Parteien, ob'Zionisten oder Nationalisten, ob Assimilatoren oder Unabhängige haben in Galizien bisher nur mit einem Aufwände von Phrasen und Schlagworten am jüdischen Problem herumgepfuscht. Auch die jüngste „Reichs-Organisation" in Krakau ist über einen leeren Wortschwall nicht hinausgekommen. Auf der Enquete werden sich wohl alle obigen Herren mit einem konkreten Programm einstellen müssen. Sonst mögen sie lieber zu Hnuse bleiben. Dieses Programm wird ganz offen Stellung nehmen müssen zu allen jenen Fragen, die sich in erster Linie unserer Aufmerksamkeit aufdrängen: Emigration, landwirtschaftliche Betätigung und Großindustrie. Das sind die wichtigsten Gesichtspunkte, von denen aus die Lösung des galizischen Judenproblems in Angriff zu nehmen sein wird. Welcher der geeignetste ist und mit welchen Mitteln das Ziel zu erreichen sein wird, das näher zu erörtern ist eben Sache der Enquete.