Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „Neue National-Zeitung" Seite 9 Ein Justizmord in Russland. In einer der letzten Sitzungen der Duma hat der Kadettenführer M i 1 j u k o w den Minister wegen eines an einem Juden verübten Justizmordes interpelliert. Vor drei Jahren ist in dem Flecken Potschew die ganze Familie Bichowski ermordet worden. Nur ein fünfjähriges Enkelkind des Bichowski, das den Mördern unbemerkt blieb, entging dem Tode. Dieses Kind, der einzige Zeuge der Bluttat, bezeichnete den bei der Familie bediensteten jüdischen Knecht Glusker als den Mörder und ein christliches Dienstmädchen mit ihrem Cousin als Mitschuldige. Das Kriegsgericht verurteilte Glusker zum Tode und seine angeblichen Mitschuldigen zu langjähriger Zwangsarbeit. Da der in der Nachbarschaft begüterte Justiz minister um jene Zeit auf seiner Besitzung weilte, erwies sich das Kriegsgericht besonders eifrig und vollzog das Todesurteil an Glusker noch am selben Tage, trotzdem er bis zur letzten Minute seine Unschuld beteuerte und auch das allgemeine Urteil dahin ging, daß er nicht der Mörder sein könne. Die öffentliche Meinung fühlte sich durch den Justizmord sehr beunruhigt und es bildete sich ein Komitee, das die Ausforschung der wahren Täter betrieb. Einem russischen Beamten, namens Rabotnew, der an der Spitze dieser Bewegung stand, ist nun vor kurzem gelungen, die wahren Mörder namhaft zu machen. Es sind das vier übel beleumundete Bauern, die wegen inzwischen begangener anderer Verbrechen eine Zuchthausstrafe abbüßen. In der hierauf eingeleiteten Untersuchung haben die Mörder ihre Schuld bekannt und schauerliche Defaiis über die Mordtat erzählt. Die angeblichen Mitschuldigen Gluskers wurden bereits auf freien Fuß gestellt und die vier Bauern nunmehr zum Tode verurteilt. Miljukow fragte an, welche Genugtuung die Regierung der Familie Gluskers für diesen Justizmord zu leisten geneigt sei. Der italienische König und der getaufte Oberstaatsanwalt. Ein jüdisches Blatt berichtet: Wie die Taufe von Juden an manchen allerhöchsten Stellen geschätzt wird, davon können wir ein höchst drastisches Beispiel erzählen, das uns aus absolut vertrauenswürdiger Quelle zugeht. Ein in Budapest sehr bekannter Reichstagsabgeordneter israelitischer Konfession besitzt in Italien einen nahen Verwandten namens Teixera de Matos, der' Staatsanwalt war. Er stammt von berühmten spanischen Juden ab, die sich in Italien haben naturalisieren lassen. In der Vorwoche ist der Staatsanwalt Teixera zum Oberstaatsanwalt befördert worden und der Ernannte mußte zu Hofe, um sich, wie es üblich ist, beim König für seine Ernennung zu bedanken. König Viktor Emanuel empfing den neuen Oberstaatsanwalt sehr freundlich, versicherte ihn, daß es ihn sehr freute, ihn ernennen zu können und er schätze ihn nur um so höher, -weil er seinem allen Glauben treu geblieben sei. Auf diese Bemerkung warf der Oberstaatsanwalt ein, er sei römischkatholisch. König Viktor Emanuel sprach kein Wort mehr, maß Herrn Teixera mit einem langen Blick und dann — dann wendete er ihm den Rücken . . . Professor Ignaz Goldzihers 60. Geburtstag. Am 22. v. M. beging der berühmte Budapester Professor für orientalische Wissenschaften Dr. Ignaz Goldziher seinen 60. Geburtstag. Dr. Goldziher, der nicht nur ein ausgezeichneter Hebräer, sondern auch ein vorzüglicher Kenner der talmudischen Literatur ist, war nahezu 30 Jahre hindurch der erste Sekretär der Budapester israelitischen Kultusgemeinde und gab diesen Posten erst auf, als er nach vielen Präterierungen und nachdem sein Weltruf als Gelehrter auch zu den offiziellen Kreisen gedrungen war, endlich zum ordentlichen Professor für orientalische Philologie und Geschichte an der Budapester Universität ernannt wurde. Professor Goldwin Smith ist im Alter von -87 Jahren in Toronto (Kanada) gestorben. Derselbe war der ^wissenschaftliche* Repräsentant des Antisemitismus in Amerika. In zahlreichen Artikeln, die er im „Independent* und im „Ninetecuth Century" veröffentlicht, versuchte er in pseudo-wissenschaftlicher Form gegen die Juden zu hetzen. Wiewohl ein geborener Engländer, agitierte er für die Losreißung Kanadas von England. Das ist für den Mann charakteristisch. Der Kulturwert der deutschen Juden. Der bekannte dänische Schriftsteller Hermann Bang veröffentlicht im „Prager Tagblalt" einen Feuilleton-Zyklus „Auf Reisen8. Mit besonderer Hochachtung schreibt er in seinem ersten Feuilleton anläßlich seiner Anwesenheit in Breslau von den deutschen Juden: „Wir gehen nach Hause und sitzen bald in einem großen Hotelsaal. Mir fällt die große Zahl von Juden auf, die sich unter den Gästen befinden. Sie kommen aus Geschäften, Theatern, Vorlesungen. Sie kommen von allen Stätten, wo Leben ist und wo sie Leben schaffen! Man kann sich in diesem Lande nicht bewegen, ohne gewahr zu werden, welche unerhörten Kulturwerte das jüdische Volk Deutschland zuführte. Die Israeliten sind mit ihrem Fleiß und ihrer Rührigkeit d i e Pioniere des Handels gewesen. Wo sie die Industrie nicht begründet haben, sind sie in ihren Dienst getreten. Ihr Interesse für alles hat die Interessen der Gesellschaft entwickelt und beschleunigt. Ihr Eifer hat angesteckt. Ihre geistige Wachheit hat erweckend gewirkt oder dazu beigetragen, die Wachheit in Kraft zu erhalten . . . „Ich weiß nicht, ob andere sich auch mit Lesen beschäftigen", äußerte neulich ein Buchhändler zu mir, „doch ich weiß, daß eigentlich nur Juden Bücher kaufen". Ein gut Teil des wirkenden Nervs in dieser Gesellschaft ist semitisch. Und wenn einst die Geschichte des neuen Reiches fertig geschrieben werden wird und kann, so muß ein ansehnlicher Teil der Arbeit und dem Einfluß der Juden gewidmet werden". Zeifschriffen-Hundschau. Ein Boykott der russischen Wertpapiere. Die bekannte demokratische Zeitschrift „Das frei« Wort" in Frankfurt a. M beschäftigt sich in ihrer letzten Nummer mit den russischen Judenpogromen. Mit Recht weist sie darauf hin, daß die jüdischen Großkapitalisten von dem wirksamsten Mittel, die russische Regierung in empfindlichster Weise zu treffen, bisher keinen Gebrauch gemacht haben: Boykott der russischen Wertpapiere. Ist es doch bekannt, daß ein Jude (Taussig) zur Durchführung der letzten Hussen-Anleihe hilfreich beigestanden ist und daß viele Börsejuden skrupellos „Russen" kaufen und verkaufen. Der Artikel richtet daher an das jüdische Großkapital folgenden Appell: „Der jüdische Kapitalist, der Rußland Geld leiht, fördert indirekt die Progrome. Warum hat man die.se Binsenwahrheit noch in keinem der liberalen Kapitalistenblätter, deren Redakteure doch zumeist Juden sind, gelesen? Darum sei diesen Herren gesagt, daß es statt der aktuellen Leitartikelgerührtheit über Judenausweisungen ein besseres Werk zu vollbringen gibt: Den schärfsten Boykott gegen russische Papiere predigen und an alle Kapitalisten den Mahnruf zum Verkaufe russischer Papiere ergehen zu lassen. Der Erfolg ist möglich, ob er wirklich eintreffen wird, bleibe dahingestellt. Aber des Versuches ist die Sache wohl wert. Hier könnte die liberale Presse wieder einmal wie im Falle Ferrer ihre Macht und ihren guten Willen zeigen. Auf zur Tat!" * Jüdische oder arische Vornamen? In einem Artikel „Jüdische Sonntagskinder" von Dr. Arthur Kahn behandelt die „Jüdische Presse" den auch in Oesterreich üblichen Unfug, daß jüdische Eltern mit Vorliebe ihren Kindern arische Vornamen geben. Wort für Wort in diesem Artikel trifft für die Gepflogenheiten unserer „Israeliten" in Oesterreich, speziell in Wien, zu: „Wer lacht da nicht, wenn er liest, daß der kleine Weltbürger nicht etwa Abraham, Isaak, Moses heißt oder einen