Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „Neue National-Zeitung' Seite 7 der Bukowina schon lange nicht. Man will die Tausende jüdischer Existenzen gründlich vernichten, anstatt den bisherigen Schänkern, welche zumeist 30—40 Jahre diesem Erwerbe oblagen, in nächster Linie zu berücksichtigen. In den Ländern, wo früher das Propinationsrecht aufgehoben wurde, hat man bei Verleihung der Gast- und Schankgewerbekonzessionen in erster Reihe diejenigen in Betracht gezogen, welche schon Schanker oder Gastwirte waren. Auch in der Bukowina sollte dieser Standpunkt maßgebend sein. Eine große Schänkerdeputation hat vom Landespräsidenten beruhigende Zusicherungen erhalten. Es hängt aber von der Organisation der Schänker selbst ab, wenn ein dauernder Erfolg erzielt werden soll. Der § 48 der Novelle vom Jahre 1883 zum Reichsvolksschulgesetz von 1869 ist ein Schmerzenskind der Juden geworden. Die stets freiheitlich gesinnten Juden haben nie daran gedacht, dafür einzutreten, „daß als verantwortliche Schulleiter nur solche Lehrpersonen bestellt werden können, welche auch die Befähigung zum Religionsunterricht jen es Glaubensbekenntnisses nachweisen, welchem die Mehrzahl der Schüler der betreffenden Schule nach dem Durchschnitte der vorangegangenen fünf Schuljahre angehört." Nach dem klaren Wortlaut des Gesetzes, das klerikalem Einflüsse zu verdanken ist, sollten nun an den kommunalen Volksschulen in Gzernowitz acht Juden zu Schulleitern ernannt werden. Es ist gewiß bei Schaffang des reaktionären § 48 an die Juden nicht gedacht worden, nun aber er doch durch die Ironie des Schicksals den Juden auch zugute kommen soll, hilft man sich, indem man den Konkurs für die Posten ohne Rücksicht auf die Konfession ausschreiben will. Und da dies wenig Aussicht auf Erfolg haben kann, besetzt man die Stellen provisorisch, da dann einfach der § 48 umgangen ist. Tatsächlich sind, obwohl bereits vier derjüd i sehen Stellen mit Nichtjuden besetzt wurden, selbst die anderen vier Schulleiterstellen, mit denen sich die Juden begnügen sollten, provisorisch ebenfalls mit Nichtjuden besetzt worden. Das nennt man dann ausgleichende Gerechtigkeit. In dem Gemeinderate der Landeshauptstadt Gzernowitz gehören die Juden nämlich der Majoritätspartei an und sind mit den Deutschen eng liiert. Jeder hat „sein Teil" : Die Juden haben die Verantwortung dafür zu tragen, wenn über Mißstände der kommunalen Verwaltung geklagt wird; bei Besetzung von Schulleiterstellen und anderen Errungenschaften kommen die anderen daran. Die Juden haben das Nachsehen ... * * * Abg. Dr. Straucher wendet sich im Auftrage der jüdisch-nationalen Parteileitung mit einem Aufrufe an die jüdischen Stammesgenossen, in welchem eine großangelegte Sanierungsaktion gegen die wirtschaftliche Katastrophe, die den Juden der Bukowina schon im Hinblicke auf die Schänkerfrage droht, angekündigt wird. Im Wege der Parzellierung von zu erwerbenden Gütern soll jüdischen Landwirten Grund und Boden verschafft werden. Am 18. Juli findet in dieser Frage eine große Versammlung im „Jüdischen Hause" in Gzernowitz statt, zu der die jüdischen Gutsbesitzer und Gutspächter geladen sind. Wie erzählt wird, sollen auch Hilfsmittel der „Ica" in Betracht kommen und ist ein Landgut in der Nähe bei Gzernowitz bereits zum Kaufe in Aussicht genommen. Gelingt es, in der Bukowina jüdische Landwirte zu schaffen, so wird ein schönes Bild der staunenden Mitwelt geboten werden. Die Juden werden den Gemeinden und dem Land gerne die Schankkonzessionen überlassen und in der Landwirtschaft Erwerb und Fortkommen suchen. Gzernowitz, im Juni 1910. Akiba. Oesterreich-Ungarn. Verband der östlichen Juden. Wien. In der Vorstandsitzung vom 27. v. M. fand die Konstituierung statt. Es wurden folgende Funktionäre gewählt: Präsident: Dr. S. R. Landau; Vizepräsident: Dr. Max Jacobsohn; I. Schriftführer: Dr. Tobias Ponikwer; II. Schriftführer: mag.pharm. J. Si 1 b er; Kassier : J. B e l f; Verwalter : A. Herr S p o r e r. Als juristisches Mitglied des Schiedsgerichtes wurde Hof- und Gerichts-Advokat Dr. Sigmund Fessel kooptiert. In eingehender Diskussion wurde die Stellungnahme des Verbandes gegenüber der galizischen Schänkerfrage und der jüdischen Emigration besprochen und wurden konkrete Beschlüsse gefaßt. Deutsches Reich. Eine Erklärung der „Alliance". Berlin, 3. Juli. (Orig. Korr.) Die in ihrem Blatte und speziell in Ihrer letzten Nummer vom 24. Juni gebrachten Mitteilungen über die Umwälzungen in der Leitung der hiesigen Allianz-Filiale, haben in den Kreisen der hiesigen Judenschaft die größte Sensation hervorgerufen. Das Präsidium sieht sich gezwungen, endlich das Versteckenspiel gegenüber der Oeffentlichkeit aufzugeben. Am 26. Juni versandte daher auch Geheimer Justizrat Timendorfer an alle jüdischen Blätter eine Erklärung, in der meine Informationen vollinhaltlich bestätigt werden. Diese Erklärung lautet: Tn verschiedenen (?) Zeitungen wurde die Xaciiricht verbreitet, daß die Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der ,,Alliance Israelite Universelle" beabsichtige, sich von der Zentrale in Paris loszulösen und eine selbständige deutsche Alliance zu schaffen. Ich erkläre hiermit, wie ich dies auch in der außerordentlichen Tagung der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft vom 20. Mai getan habe, daß das Präsidiuni und der Geschäftsführer der D. K.-G. nicht daran denken und auch nie daran gedacht haben, sich von Paris zu trennen, um die deutsche Abteilung selbständig zu machen und gewissermaßen eine deutsche „Alliance Israelite Universelle", unabhängig von Paris, zu schaffen. Ich habe damals erklärt, und bin auch noch der Meinung, daß neben dem Hilfsverein der Deutschen Juden in Deutschland absolut kein Platz für eine solche selbständige Organisation ist, und daß ich als stellvertretender Vorsitzender des Hilfsvereins der Deutschen Juden mein Amt als Präsident der Deutschen Konferenz- Gemeinschaft sofort niederlegen müßte, falls ein solcher Plan auch nur im entferntesten von irgend einer Seite propagiert werden würde. Daß ich die Absicht hatte, zu demissionieren, entspricht den Tatsachen, ebenso wie es wahr