Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XII (1910)
- Issue
- Heft 14 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „Neue National-Zeitung'* Seite 5 sie möchten — oft unter. Strafandrohung beim Nichtbefolgen! — sich zur genau voraus bestimmten Zeit in der Stadt einfinden, um, laut Befehl des Väterchen- Zaren, die Juden zu plündern, zu verhauen und zu töten. Fast nirgends bleibt dieser Befehl unbefolgt. Die zum Pogrom zusammenströmenden Bauern läßt die Polizei oft in ihren Verwaltungsräumen übernachten, „damit sie zu jeder Zeit auf das Schlachtfeld zu dirigieren wären." (I. p. 285.) Wie ist nun das Verhalten der Behörden während der Exzesse? In einer Reihe von Orten begnügten sie sich mit der Vorbereitung und eventuell mit der Provozierung des Pogroms. Nicht geringer aber ist die Zahl der Ortschaften — insbesondere sind es die Gouvernements- und größeren Provinzstädte — wo Polizei und Militär den aktivsten, ja ausschlaggebenden Anteil an den Massakres nahmen. „Polizisten und Soldaten beteiligten sich in den meisten Orten am Raub, wie am Mord, an Frauenschändungen wie an Brandstiftungen." (I. p. 295.) Je nach Rang und Stellung der „Tschinowniks" war deren Beteiligung am Pogrom verschieden. „Die Obrigkeit befahl uns, uns umzukleiden", berichtete ein Schutzmann vor Gericht, „und sehr viele Schutzleute haben in Zivil kl ei dun g, aber bewaffnet an den Exzessen und Metzeleien den tätigsten Anteil genommen." (p. 276) Die Polizei- und Gendarmerieoffiziere fahren an der Spitze von betrunkenen Kosakenabteilungen durch die Straßen, beschießen die jüdischen Häuser und die Schutzwehr und begeistern mit ihrem Eifer die Exzedenten. An manchen Orten ertönten sogar die aufmunternden Klänge der Miiitärmusik. . . . Der Stadthauptmann von Odessa, Neidhardt, nimmt vor den Pogrombanden die Mütze ab und. ruft ihnen begeistert zu: „Dank, Brüderchen! Fahret fort!" Der Gouverneur von Kursk schickt ihnen durch den Polizeimeister 10 Rubel auf Schnaps.. . Die Geistlichkeit — die höchsten Würdenträger nicht ausgenommen — erteilen dem Mord?gesindel öffentlich ihren priesterlichen Segen. Kurz, ein jeder tut das seinige ad majorem patriae . . . turpitudinem. ... Nachdem das gesamte Pogromprogramm in allen Stücken genau ausgeführt ist, wird von den leitenden Sphären die Parole „Schluß!" ausgegeben. Und momentan, fast automatisch, erlöscht die stürmisch-glutvolle patriotische Gefühlsbrunst, die es bis zu diesem Moment — nach den offiziellen Rapporten an die Regierung — unmöglich war, sogar mit bewaffneter Macht zu unterdrücken. . . . Der Pogromapparat wird zum Stehen gebracht. . . Mit der Pogrominszenierung ist die schändliche Rolle der Bureaukralie bei weitem nicht beendet. Jetzt gilt es, die entrüstete Gerechtigkeit zu spielen, die Schuldbeladenen ausfindig zu machen und der rächenden Nemesis auszuliefern. Ein erhabener Anblick: die verkäuflichste Straßendirne in der Rolle der hehren Nemesis .... > Voruntersuchung, Beweisaufnahme, Verhandlung, Urteilsfällung, — eine ununterbrochene Kette von Lug und Trug* eine mit offenstem Zinismus und bei dicht geschlossenen Türen aufgeführte ekelerregende Farce unter dem schreienden Titel „Gerichtsverhandlung". Die rächende Hand der käuflichen. Nemesis trifft ein ■ paar Trunkbolde — und die Brust der wahren Urheber des Unheils, der offiziellen und offiziösen Programmeister >wird mit Orden und Auszeichnungen geschmückt.;. Kaum ist diese heuchlerische Parodie zu Ende geführt, reicht die „Kamorra" sive »Verband des russischen Volkes" ein Begnadigungsgesuch ein und Väterchens Gnade macht die den treuesten seiner Söhne zugefügte Unbill wieder gut .... Vivat Justitia — pereant Judaei! ... Noch hat jedoch der Zynismus seinen Gipfel nicht erreicht. Die schönste aller Idyllen krönt nun das hehre Werk. Die Bureaukratie schützt die Juden vor eventuellen weiteren Pogromen durch . . . die schamloseste Beschränkung ihrer ohnehin aufs düsterste geschmälerten Rechte. Nur so, heißt es, könne man dem mächtigen Volkszorn gegen die ausbeuterischen Juden seine scharfe Spitze brechen, nur auf diesem WTege könne die Gefahr fernerer Pogrome behoben werden. Und in der Tat — ist es denn nicht ein nicht hoch genug schätzender Fortschritt, wenn Säuglinge nicht mehr gemordet, sondern — nur ihren Müttern entrissen werden, weil sie auf dem heiligen Boden des Zaren . . . kein Wohnrecht haben? * * 1002 Ermordete, 386 Witwen, 1641 Waisen, mehrere Tausende Verwunderte, etwa 214.000 materiell unmittelbar Betroffene mit einem direkten Verlust von zirka 66 Millionen Rubel*) — das ist das äußerst unvollständig ermittelte materielle Fazit der Oktoberpogromwelle. Ich bringe hier diese Daten und ein tif-innelicher schmerzlicher Widerwillle regt sich in mir: Wozu? Was soll hier Maß und Zahl, wo Niedertracht und Heuchelei, Haß und Bestialität gegen die Ehre und das Leben eines ganzen Volkes einen meuchelmörderischen Bund geschlossen haben? Können denn die tiefen und unheilvollen Verheerungen, welche die Pogromära in der Volspsychik — der Juden und Nichtjuden — angerichtet hat, in Maß und Zahl ihren Ausdruck finden? Was bedeutet der Pogrom selbst gegenüber der erniedrigenden Marter der Pogromerwartung und der Pogrompamk? Was kann dem westeuropäischen Juden das Wort „Pogrom" seelisch übermitteln, ihm, der ja nur die relativ leichteste Abart des Pogroms — den permanentmoralischen Pogrom kennt? Was besagt seiner Seele das winzige „Es beginnt", das Hunderttausende von Ostjuden oft mehrere Tage hindurch den entsetzlichsten Qualen der Todesangst und der marternden Gefahr schauderhaftester Schändungen ausliefert? . . . Wer hat die Schar ferner gezählt, die dieser seelischen Tortur nicht gewachsen waren und in jenen Tagen des Grauen und Wahnsinns seelisch erlegen sind!. . . Wir hören oft — insbesondere bei diesem Anlaß — den „selbstbewußten" Arier von jüdischer Feigheit sprechen. Daß diese Feigheit nur die Kehrseite und die Frucht nichtjüdischer Bestialität ist, daven weiß niemand zu erzählen. Das eben erzählt uns aber in beredter Sprache die Chronik jener schmachvollen Tage. Und noch erzählt sie uns — von einem neuen Judengeschlecht, das nicht gewillt ist, sich wehrlos hinmorden zu lassen, von heldenmütigen Jungjuden, vornehmlich aus den Reihen der sozialistischen Arbeiterschaft und Intelligenz, welche den seit der Makkabäerzeit abgerissen gebliebenen Faden jüdischer Kampfesmut wieder aufgenommen haben. Es war der einzige Lichtstrahl im unheimlichen Dunkel der Pogromnacht. Sjedletz hat auch dieses Lichtlem jäh verloschen. Was kann der höchste, aber *) Das Pogromhilfswerk ergab zirka 9 Millionen Rubel, was kaum. 9°/8 des direkten materiellen Schadens ausmacht.